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Friedberger Kaserne: Die Flüchtlinge können kommen

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Von: Jürgen Wagner

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In den roten Klinkerbauten in der Friedberger Kaserne richtet das Land Hessen eine Erstaufnahmeeinrichtung ein. © Jürgen Wagner

Rund 1 Million Flüchtlinge werden in diesem Jahr in Europa erwartet. Friedberg ist vorbereitet. Regierungspräsident Dr. Ullrich führte am Montag Kommunalpolitiker durch die Kaserne.

Seit die US-Armee 2007 die »Ray Barracks« aufgaben, steht das Gelände leer. Es gab gelegentliche Nutzungen, etwa Dreharbeiten für einen »Tatort«-Krimi mit Ulrich Tukur, bei denen eine Polizeiwache (bzw. eine ausgediente Panzer-Werkstatt) in die Luft flog. Direkt vor diesem »Tatort« stehen mehrere vierstöckige Klinkerbauten, die schon 2015 als Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Hessen vorgesehen waren. Jetzt werden sie aktiviert. Kommende Woche ziehen die ersten Bewohner der Friedberger Kaserne ein - wenn auch nur vorübergehend.

Im Dezember 2015 gingen die Flüchtlingszahlen rapide zurück. Der Plan des Landes Hessen, Flüchtlinge in der Friedberger Kaserne aufzunehmen, wurde zu den Akten gelegt. Vor zwei Jahren wurden in hessischen Erstaufnahmeeinrichtungen noch 1600 Flüchtlinge gezählt, im Dezember waren es 6200, sagte der Gießener Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich am Montagvormittag vor Ort. Bürgermeister Dirk Antkowiak, Erste Stadträtin Marion Götz, die übrigen Magistratsmitglieder sowie Vertreter aller Fraktionen im Stadtparlament und vom »Arbeitskreis Flüchtlinge« wollten sich die Einrichtung vor Ort ansehen. Dass sie notwendig ist, unterstrich Ullrich mit Blick auf den Krieg in der Ukraine: »Es werden viele Flüchtlinge kommen.«

In dreien der Häuser (Nr. 4005-4007) werden Mehrbettzimmer mit »Zwillingstoiletten« (ein Bad für zwei Zimmer) eingerichtet. Die Räume sind ausgestattet mit Tisch, Stühlen und Kühlschrank. Auf jeder Etage gibt es eine Waschküche. Insgesamt stehen über 1200 Betten zur Verfügung. Da eine fünfköpfige Familie keine fremde sechste Person aufs Zimmer gelegt bekommt, sind es tatsächlich nur rund 1000 Plätze, von denen aber nur 600 genutzt werden sollen.

In den Erdgeschossen der drei Gebäude werden verschiedene Dienstleistungen angesiedelt: Hausmeister, Technik, Verwaltung, eine medizinische Ambulanz, die rund um die Uhr verfügbar ist, ein eigener Quarantänebereich.

Speisesaal und medizinischer Dienst

Im Haus Nr. 4008 wird in der Anfangszeit noch das Essen zubereitet (aufgrund von Corona werden die Portionen verpackt ausgegeben und nicht gemeinsam in der Kantine eingenommen). Hier entstehen Schulungs- und Sozialräume. Erlaubt es die Pandemie, wird das Essen im Speisesaal in Haus Nr. 4009 eingenommen.

»Ich bin seit Donnerstag nicht mehr zu Corona befragt worden«, sagte Manfred Becker, Abteilungsleiter für Flüchtlingsfragen beim RP Gießen. Der Krieg in der Ukraine ist das vorherrschende Thema. Aus dem Blick ist die Pandemie trotzdem nicht. Wie Becker sagte, werden alle Flüchtlinge in den Erstaufnahmeeinrichtungen mehrfach medizinisch untersucht; es würden Impfungen angeboten, viele seien schon geimpft.

Es gab zahlreiche Fragen der Parlamentarier. Ullrich und Becker erläuterten, dass das Gelände eingezäunt und von Sicherheitspersonal bewacht wird, die Flüchtlingen aber nicht eingesperrt seien. Sie weisen sich über eine Identifizierungskarte aus.

Aktuell sind auf dem Gelände Handwerker unterwegs. Sprinter liefern Möbel an, es wird geräumt, gebohrt, gehämmert, Wände werden gestrichen. Einrichtungsleiter Thomas Baader führte über das Gelände. Die Entwicklung der ehemaligen Kaserne in einen neuen Stadtteil soll durch die Flüchtlingseinrichtung nicht beeinträchtigt werden, sagte Bürgermeister Antkowiak. »Das jetzt benötigte Areal wird dann eben später entwickelt.« Becker sagte, das Beispiel Gießen zeige, dass die Konversion nicht behindert werde. »Kein Unternehmen hat gesagt: Wir siedeln uns hier nicht an, weil hier eine Erstaufnahmeeinrichtung ist.«

Integration: Noch Helfer gesucht

Zu den rund 600 Menschen in der Erstaufnahmeeinrichtung kommen weitere rund 200 (anerkannte) Flüchtlinge, die der Wetteraukreis schräg gegenüber in den Mannschaftsgebäuden der Kaserne unterbringen will; auch dort sind aktuell Handwerker zugange. Speziell für diese Unterkünfte des Kreises benötige man noch Ehrenamtliche, die Integrationsarbeit leisten, sagte Johannes Hartmann vom »Arbeitskreis Flüchtlinge«.

Eigene Kinderbetreuung wird in der Kaserne eingerichtet

In der Friedberger Erstaufnahmeeinrichtung in der Kaserne wird es neben sportlichen und sozialen Angeboten auch eine eigene Kita geben. Dies, weil die Kommunen nicht in der Lage seien, so vielen Kindern einen Betreuungsplatz anzubieten. Auch die Hausarztpraxen in Friedberg wären wohl überfüllt, gäbe es hier kein eigenständiges medizinisches Angebot, sagte Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich. Für schulpflichtige Kinder soll eine Grundschule als Kooperationspartner gefunden werden. Aber nicht, um die Kinder auf bestehende Klassen zu verteilen. »Die Kinder bilden eigene Klassen, sollen den Schulunterricht kennenlernen.« Kommt dabei nicht die Intregation zu kurz? Das wollte eine Parlamentarierin wissen. Die Integration setze dann ein, wenn die Flüchtlinge die Einrichtung verlassen haben und einer Kommune zugeteilt wurden. Aber Grundlagen sollen gelegt werden, durch Deutschunterricht und die Vermittlung westlicher Werte.

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