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Für ein gutes Buch ist immer Platz: Die Hellersche Buchhandlung in Pandemie-Zeiten

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»Wer wenig liest und so wenig Informationen bekommt, muss das glauben, was er hört«, sagt Ina Schneider. © Georgia Lori

Die »Hellersche« besteht seit 222 Jahren. In der Bahnhofstraße ist sie seit 1910 eine der wenigen Konstanten in Büdingen. Wie die Buchhandlung durch die Pandemie kommt, erzählt die Inhaberin.

Buchläden litten in der Pandemie besonders unter den Ladenschließungen während der Lockdowns. Um trotzdem den Stoff zum Leser zu bringen, waren Engagement und Kreativität gefragt. Dass dabei die Stammkundschaft den lokalen Handel unterstützt und sich auch gegenüber Webshops offen zeigt, ist für die Branche ein großes Glück. Buchhändlerin Ina Schneider Inhaberin der Hellerschen Buchhandlung, spricht über ihre Erfahrungen in der Krise, die Wertigkeit von Büchern und bricht eine Lanze fürs Lesen generell.

Fenster zum Hof

»Während der Lockdowns haben wir schnell reagiert und erhielten eine Genehmigung, dass wir unser Fenster zum Hof öffnen dürfen«, sagt Ina Schneider im Gespräch mit dieser Zeitung. Dort richtete das Geschäft in der Bahnhofstraße eine Buchausgabe für bestellte Bücher zum Abholen ein. Mit Winterjacke und bei geöffnetem Fenster, flitzte Ina Schneider jeden Tag vier Stunden durch den Laden. Im Alleingang leistete sie Telefondienst, nahm Onlinebestellungen vor, bearbeitete E-Mails und hörte den Anrufbeantworter ab. Ihre Tochter fuhr zudem Bücher aus.

Die ersten beiden Monate der Pandemie im Jahr 2020 nutzte Ina Schneider mithilfe ihrer Söhne und Maritta Mahr für Malerarbeiten in der Buchhandlung. Auch den Webshop des Geschäfts baute sie aus. Kundentreue und Treffs auf dem Hof unter neuen Bedingungen empfand die Buchhändlerin als positiv. Von März bis Mai, sagt sie, hat diese Art der Entschleunigung der Gesellschaft grundsätzlich gutgetan.

Vielleser und Wenigleser

Aber mit Öffnung der Läden im Sommer habe sich jedoch wieder die Ellenbogenmentalität gezeigt. Bis heute haben die Sorgen bei ihr weiter zugenommen. »Aktuell beunruhigt mich die zunehmende Gewaltbereitschaft sehr.« Und sieht einen Zusammenhang mit einer anderen Entwicklung. In der Gesellschaft beobachtet sie die Vielleser und die Wenigleser. Doch wer wenig liest und so wenig Informationen bekommt, erklärt Schneider, muss halt das glauben, was er hört. »Viele hören aber nur das, was ihnen angenehm ist. Es reicht aber nicht aus, nur Parolen in den sozialen Netzwerken zu lesen.«

Und der Alltag im Laden? Seit März 2021 sind Buchhandlungen als Grundversorger, die für Geist und Seele zuständig sind, anerkannt. »Viele der Leser lieben es, an den Regalen entlang zu gehen, zu stöbern und ins Gespräch über Literatur zu kommen. Doch es gibt auch Kunden, die es vorziehen, lieber telefonisch beraten zu werden«, erklärt Schneider. Einige bestellen online oder über den Webshop direkt.

Nichts für Schnäppchenjäger

Aufgrund der Buchpreisbindung ist der Buchhandel nichts für Schnäppchenjäger, so Schneider. In ihrer Buchhandlung punktet sie aber mit einem kostenlosen Verpackungsservice. Zum Vergleich führt die Inhaberin den Versandhandelsriesen Amazon an, der für die Verpackung eines Buches 3,50 Euro berechnet. Bei der Gewichtung der Geschäftsfelder setzt Ina Schneider zu 80 Prozent auf den Buchhandel und zu 20 Prozent auf hierzulande produzierten Schreibwaren und Geschenkartikel.

Eine Veränderung des Buchmarktes in der Krise hat sie beobachtet. »Die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt wurden geschoben. Einige Titel, die im Sommer erscheinen sollten, kamen dann erst im Herbst«, sagt Schneider. Sie empfindet es als korrekt, dass die Wertigkeit des Buches von den Verlagen angehoben wird. Gute, gebundene Bücher hatten schon früher ihren Preis, doch bei Taschenbüchern dauerte es ewig, bis sich der Preis bei über zehn Euro eingependelt hat. Verstehen kann Schneider nicht, dass ein Buch zum einen geschätzt wird, aber preislich als Billigprodukt gilt. Zwar hat sie sich in der Krise über Besuche von Vertretern gefreut, doch sie sieht keinen besonderen Anreiz für Messebesuche - wegen der geringen Präsenz von Verlagen vor Ort. Einen Moment hält sie inne, berichtet dann von ihrer Beobachtung, dass einige Eltern und Großeltern in der Krise das Vorlesen verstärkt pflegen oder es einführen. »Einige Großeltern haben das online per Skype mit ihren Enkeln gemacht«, so Schneider. Über die Zukunft des Buchhandels sagt sie, dass dieser schon oft totgeredet worden ist. »Doch für ein gutes Buch ist immer Platz.«

16 000 Bücher vorrätig

Die Hellersche Buchhandlung, die in diesem Jahr 222 Jahre alt wird, ist seit etwa 1910 am aktuellen Standort in der Bahnhofstraße in Büdingen ansässig. Ina Schneider ist seit 17 Jahren in der Buchhandlung tätig. An ihrer Seite ist Ida Simon als feste Mitarbeiterin. Drei Teilzeitkräfte und eine Schulpraktikantin sind im Team. In der Buchhandlung sind etwa 16 000 Bücher vorrätig. Zugriff hat Schneider auf eine Million Titel.

Für die Leser hat Ina Schneider drei aktuelle Buchempfehlungen. Zu ihnen zählen »Hier sind wir - eine Anleitung zum Leben auf der Erde« von Oliver Jeffers aus dem Nord-Süd-Verlag. Jeffers schrieb das Buch, als sein Sohn auf die Welt kam, um ihm an die Hand zu geben, was einen Neuankömmling erwartet und was dieser alles tun kann und sollte, auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit. Wunderschön illustriert ist das Buch »Vielleicht«, geschrieben von Kobe Yamata, illustriert von Gabriella Barouch. Es ist die Geschichte des ungebundenen Potenzials, das in einem steckt, und aller Möglichkeiten, die vor einem liegen.

Die dritte Buchempfehlung »Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd« wird öfter mit dem Klassiker »Der kleine Prinz« verglichen. Kleine Lebensweisheiten beschäftigen sich damit, was der Junge glaubt, was er sieht und sich wünscht. »Wir wissen nicht was morgen ist, wir leben heute und wir sollten das Beste aus dem Heute machen, um das Morgen zu genießen«, lautet eine Lebensweisheit. Erschienen ist das Buch im Ullstein-Verlag. Der Autor heißt Charlie Mackesy. geo

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