Ganz normale Menschen?
»Nur ein Piks - Im Schatten der Impfung« lautet der Titel eines umstrittenen Films, den sich am Wochenende über 150 Menschen im Niddaer Bürgerhaus anschauten. Weite Teile des Publikums, das den impfkritischen Streifen sehen wollte, ist der Querdenker-Szene zuzuordnen, um die es zuletzt merklich ruhig geworden ist.
Mehr als 150 Besucher haben am Samstag im Bürgerhaus einen Film von Mario Nieswandt gesehen, der die Impfpolitik während der Pandemie infrage stellt. Eingeladen hatte Bruno Ramge, der Verbindungen zur Querdenker- und Reichsbürger-Szene hat. Erhebliche Teile des Publikums sympathisieren offenbar ebenfalls mit solchen Gruppierungen.
Mit dem Ende der Pandemie war es ruhig geworden um die Querdenker. Die »Spaziergänge« der Gegner der Maßnahmen, die eine schnelle Ausbreitung des Coronavirus und eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindern sollten, sind zum größten Teil aus der Öffentlichkeit verschwunden. Nur ein vergleichsweise kleiner Teil versucht unter anderem durch zuweilen fragwürdige Forderungen nach Frieden in der Ukraine auf sich aufmerksam zu machen.
Rechtsextreme sind mittendrin
So war die Filmvorführung, die zunächst im Lumos-Kino stattfinden sollte, auch der Versuch einer Art Wiederbelebung. Frauen mit rotgefärbten Haaren, lilafarbenen Pullovern und Jacken oder Peace-Zeichen und -Schriftzügen auf der Kleidung waren ebenso vertreten wie Männer mit langen Haaren und Bärten oder Dreadlocks, karierten Flanellhemden und Handwerkerhosen. Die Abgrenzung vom bürgerlichen Milieu als alternativ und andersdenkend ist fester Bestandteil der Identität der Szene. Mittendrin zwei Rechtsextreme, die führenden »Die Heimat«-Funktionäre (früher NPD) aus der Region, Stefan Jagsch und Daniel Lachmann.
Eine wesentliche Funktion solcher Veranstaltungen und Treffen ist die Bestärkung in der eigenen Geisteshaltung. Die große Masse an Publikum mit weitgehend gleichen Ansichten vermittelt das gute Gefühl, dass man mit den Zweifeln an den Corona-Maßnahmen und inzwischen am »System« schon damals recht hatte.
Nieswandts 73-minütiger »Dokumentarfilm« liefert dazu die Argumente. Insbesondere zwei junge britische Frauen müssen als Kronzeuginnen für angebliche Impfschäden herhalten. Deren Leiden an Krämpfen und unkontrollierten Zuckungen wird in einer Reihe von Handyvideos zur Schau gestellt. Auch eine deutsche Mutter, deren 15-jährige Tochter nach einer Impfung im Krankenhaus starb, kommt ausführlich zu Wort.
Vorwürfe und Behauptungen
Entsprechend suggestiv ist der Text, mit dem Nieswandt die »Dokumentation« unterlegt. »Es gibt auch die Menschen, die die Injektion überlebt haben«, sagt er - als seien die meisten Menschen nach der Impfung verstorben oder zumindest schwer geschädigt. Natürlich kommt auch der unvermeidliche Prof. Dr. Sucharit Bhakdi zu Wort, der erzählt, warum Geimpfte eine tickende Zeitbombe in sich tragen. Bhakdi gehört zu den Kritikern der Corona-Maßnahmen und wird in der Querdenker-Szene wie eine Ikone verehrt.
Bemerkenswert ist, dass Nieswandt trotz Millionen geimpfter Menschen anscheinend nur sehr wenige Impfgeschädigte findet, um seine Hypothesen zu untermauern. Dass er sich dabei auf Großbritannien fokussiert, begründet er damit, dass ihm in Deutschland bei der Internetsuche nach »Impfgeschädigten« keine Ergebnisse angezeigt werden. »Da hat die Zensur schon gegriffen«, ist er überzeugt.
»Diese Veranstaltung wird garantiert wieder in die rechte Ecke gestellt«, glaubt Bruno Ramge. Er versucht die Vorführung des Filmes, in dem die AfD breiten Raum zur Selbstdarstellung bekommt, von Parteipolitik zu distanzieren. Das seien »ganz normale Menschen, die ins Kino gehen, und da regt sich keiner drüber auf«. Ramge betont auch, dass er den Film zunächst im Niddaer Kino zeigen wollte. »Das wurde aufgrund von Drohungen abgesagt«, bedient Nieswandt, der selbst an der Veranstaltung teilnahm, die bei Rechtsextremen beliebte Inszenierung als Opfer. Die Wahrheit scheint indes eine andere zu sein. Geschäftsführer Steffen Presse bestätigt, dass Ramge einen Kinosaal reserviert hatte, allerdings nur für eine private Vorführung. Nieswandt habe dagegen eine Deutschlandkarte veröffentlicht, auf der Nidda als Aufführungsort in Hessen markiert worden sei. »Es sah einfach so aus, als wäre das offizieller Bestandteil unseres Lumos-Programms«, so Presse.
Mahnungen, aber keine Drohungen
Auch die Kritiker des Films mochten die angekündigte Vorführung nicht als Privatveranstaltung sehen. In E-Mails, Internet-Beiträgen und Anrufen sei das Kino auf den Hintergrund von Film, Regisseur und Veranstalter aufmerksam gemacht worden. »Zwischen den Zeilen war schon der erhobene Zeigefinger zu lesen«, ordnet Presse den Charakter der Nachrichten ein. Deutliche Mahnungen seien es gewesen, berichtet er auf Nachfrage dieser Zeitung. Drohungen habe es jedoch nicht gegeben.



