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Gar nicht so böse Jungs aus Bleichenbach

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Von: Manuela Baumann

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cwo_MBNroadjumper_070922_4c © Manuela Baumann

Motorradclubs haftet oft das Image der harten, gewalttätigen Rocker an. Wie viel davon den Tatsachen entspricht, zeigt ein Besuch bei der Jubiläumsfeier des Ortenberger Motorradclubs »Road Jumper«.

S chreib, dass hier nur böse Leute sind und alles ganz furchtbar ist«, sagt Karsten von den Motorradfreunden »Scharfes Eck« in Unterfranken mit einem Augenzwinkern. »Dass hier alle nett sind, will doch keiner lesen!« Der Informatiker aus der Region Schweinfurt, der sich selbst als »Wochenend-Rocker« bezeichnet, kann ein Lied davon singen, mit welchen Vorurteilen Menschen wie er zu kämpfen haben. In den Augen vieler Zeitgenossen gilt die ebenso simple wie falsche Vorstellung, Motorradfahrer mit Kutte, also Zugehörige oder Supporter eines Motorradclubs (MC) oder einer Vereinigung von Motorradfreunden (MF), sind grundsätzlich finstere Gestalten mit Hang zu Drogen- und Gewaltkriminalität.

Nichts könnte in Bezug auf die aus ganz Deutschland zur Sommerparty anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Ortenberger MC »Road Jumper« angereisten Rocker unzutreffender sein. Auf jeder Dorfkirmes mit teils deutlich weniger Gästen dürfte das Aggressionspotenzial höher liegen als hier auf dem ehemaligen Bleichenbacher Handball- und Inline-Hockey-Platz, wo die »Road Jumper« seit einigen Jahren ihr Clubheim haben und am Wochenende drei Tage lang das »Zehnjährige« feierten. Das über allem schwebende Motto waren Geselligkeit, Freundschaft und Freude am Wiedersehen mit Bekannten aus der ganzen Republik.

Auch für Nichtkuttenträger war es selten einfacher, mit Fremden ins Gespräch zu kommen und nette Leute kennenzulernen. Uwe, genannt »Baba«, President des gastgebenden Ortenberger Motorradclubs, weiß, woran das liegt: »Das Wort ›Sie‹ gibt es hier nicht. Hier ist jeder mit jedem per Du, alle sind quasi eine große Familie.« Eine Familie, die die Freude am Motorradfahren und das damit verbundene Gefühl von Freiheit eint, die gerne in landschaftlich schönen Gegenden unterwegs ist und Zusammenhalt unter Gleichgesinnten schätzt.

Man besucht sich gegenseitig zu Festen und Veranstaltungen, und wenn jemand Hilfe braucht, sind die anderen zur Stelle. Wie vorletzten Advent, als die »Road Jumper« eine Sammelaktion von Decken, Schlafsäcken, warmer Kleidung und Lebensmitteln für Obdachlose starteten und Freunde anderer Clubs Spendengüter anhängerweise nach Bleichenbach brachten.

Überhaupt spielt soziales Engagement für »Baba« und seine Leute eine wichtige Rolle. Ihre vorweihnachtlichen Aktionen, bei denen sie auf ihren Bikes stets im Nikolaus- oder Engelskostüm unterwegs sind und Süßigkeiten an Kinder verteilen, sind schon Legende. Dabei zählt, was die Mitglieder des MC betrifft, alles andere als Masse. Gerade einmal acht »Full Members«, also vollwer-tige Mitglieder, zählen die »Road Jumper«, hinzukommen zwei sogenannte Prospects, also Anwärter in der Probephase. Ob sie am Ende als Mitglieder aufgenommen werden, entscheiden die anderen einstimmig. Und wenn es dann so weit ist, steht die »Kuttentaufe« an. Dann müssen sich die Neuen ihren Aufnäher des Vereinslogos für die Kutte, das sogenannte Colour, erst noch hart erkämpfen. Beispielsweise, indem sie etwas Merkwürdiges essen und sich das in einer schwer zu öffnenden »Verpackung« eingeschlossene Colour und die anderen Clubinsignien mühsam erarbeiten.

Aufnahmeritual für Mitglieder

Wer es zum »Full Member« gebracht hat, muss einige Grundregeln beachten, sonst ist er (oder sie) die Kutte schnell wieder los. So sind Drogen absolut tabu. »Wer damit erwischt würde, fliegt achtkantig raus«, stellt »Baba« klar. Nicht, dass bei den »Road Jumpers« da große Gefahr bestünde. Alle Mitglieder sind 50 plus, haben die Experimentierphase und ihre wilde Zeit längst hinter sich gelassen. Nur beim Feiern, so wie am Samstagabend, als zum Jubiläumsfest die Bands »Alleinunterhalter Walter« und »Creanna« auftraten, wird nach wie vor ordentlich aufgedreht.

Auch auf ihren Bikes lassen es die »Road Jumper« lieber ruhig angehen. Genießen statt rasen ist ihr Ding, denn schließlich wollen sie die Landschaft, in der sie unterwegs sind, auch wirklich sehen und erleben - und das möglichst noch lange. Jeden Monat sind sie zu einer gemeinsamen Ausfahrt unterwegs, jeweils von einem Member ausgearbeitet, das an diesem Tag dann als »Road Captain« die Führung übernimmt. An Fronleichnam steht immer eine Club-Fahrt über das verlängerte Wochenende an. Ziel war dieses Jahr die Mosel.

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Ein Gruppenfoto zum Jubiläum muss sein: Die acht »Full Members« der Ortenberger »Road Jumper« und ihre beiden »Prospects«, die sich noch in der Probephase befinden, haben mit vielen Helfern eine grandiose Sommerparty auf die Beine gestellt. © Manuela Baumann
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Das »Colour« der »Road Jumper«, der Aufnäher mit dem Club-Logo. © Manuela Baumann

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