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Gelnhaars Wilder Westen am Frankenschlag

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jub_western5_200722_4c_3 © Judith Seipel

Der Wilde, Wilde Westen fängt gleich hinter Gelnhaar an. Auf einer Wiese auf der Anhöhe Richtung Bindsachsen schlagen für drei Tage im Juli Cowboys, Trapper und Siedler ihre Weißzelte auf.

Seine ersten Cowboystiefel hat Rusty in Hanau gekauft, in einem kleinen Laden am Marktplatz. Teuer seien die gewesen, denn sie kamen direkt aus Amerika. Als er dann mit Jeans, Stiefeln und mit einem Westernhut auf dem Kopf durch die Stadt gelaufen sei, habe ein Junge seine Mutter gefragt. »Mama, ist das ein echter Cowboy?« Das ist über 50 Jahre her. Rudolf Wahn (»Wie Wahnsinn, nur ohne Sinn«), wie er eigentlich heißt, war 18 Jahre alt und hat in Gelnhausen Metzger gelernt. Über die amerikanischen Soldaten, die zum German Sau- sage-Essen an den Bratwurststand kamen, fand er zur Country-Musik, »und dann fängt man halt so an«, erzählt er.

Hier im Westerncamp am Frankenschlag zwischen Gelnhaar und Bindsachsen nennen ihn alle nur Rusty. »Ich hatte früher einen rostroten Bart. Als jemand mal nach meinem Nickname fragte, hat Alamo spontan gesagt: Das ist Rusty.«

Alamo, der seinen wahren Namen für sich behält, verbringt auch das Wochenende in Gelnhaar. Er kommt vom Westernclub Darmstadt und tritt als Gambler auf, als Zocker, die um 1900 an den Spieltischen der Mississippi-Dampfer ihr Glück versuchten. Mit dem ledernen Schulterholster über der bunten Weste und der Melone auf dem Kopf sei er ein besonders authentischer Darsteller, finden seine Mitstreiter, etwa 30 an der Zahl, die für das Wochenende aus weitem Umkreis angereist sind.

Fakten statt

Verklärung

»Wenn man 90 Prozent schafft, ist das schon richtig gut«, sagt Alamo, der mit seinem Outfit nach Perfektion strebt. Heute jedoch trägt er ein Hemd aus der Herrenkonfektion. In Gelnhaar geht das. Es gibt Camps mit strengen Regeln, »da müsste mein Hemd Hornknöpfe haben«.

Rusty ist ein Trapper, ein Fallensteller und Pelztierjäger, wie sie im frühen 19. Jahrhundert in Nordamerika unterwegs waren. Ein breiter Gürtel hält seine schwere Lederhose, die schon unzählige Camps überlebt hat. So ein Trapper wie Rusty lebte bei einem Indianerstamm, vielleicht zusammen mit einer Indianerin. Auf jeden Fall sei es ein hartes Leben gewesen. »Ganz anders, als in den Filmen«, sagt er.

Schon als Kind hat er Cowboy-und-Indianer-Filme geschaut. John Wayne, ein Held. »Aber dann sieht man andere Sachen und fängt an, das zu hinterfragen.« Kevin Costner sei der Erste gewesen, der mit dem Film »Der mit dem Wolf tanzt« eine authentische Geschichte erzählt habe.

»Hollywood ist für uns ein Fremdwort«, bekräftigt Sabine Lück. Ihr Wissen über den Wilden Westen bezieht sie aus Büchern und Reportagen, »aber nicht aus Western«. Fakten sind ihr lieber als romantische Verklärung.

Die Verwaltungsangestellte hat ihren Lebensgefährten Dirk Rietze, einen Lwk-Fahrer, auf so einem Camp kennengelernt. Jetzt sind sie in den Sommermonaten jedes zweite oder dritte Wochenende unterwegs und stellen das Leben von Siedlern nach. Die ersten Europäer kamen schon im 17. Jahrhundert nach Amerika, getrieben von Armut und Hunger. »Die hatten nur wenig, die ersten Siedlungen waren Zeltsiedlungen«, schildert Lück. Ihr eigenes Zelt besteht aus Planen, getragen von langen, dünnen Stämmen, die man im Wald findet. Die Ausrüstung transportiert das Paar aus dem nordhessischen Frielendorf auf einem Anhänger: selbst gezimmerte Kisten aus rohem Holz für die Küchenutensilien, ein Bett, Tisch und Stühle und viele Felle. »Wir improvisieren und versuchen alles so authentisch wie möglich zu halten.« Drei Stunden dauert der Aufbau, dann können sie aufatmen: »Wir sind zu Hause.« Der gusseiserne Dutch oven, ein dreibeiniger Topf, der direkt über das Feuer gestellt wird, muss in diesem Jahr wegen der Waldbrandgefahr allerdings in der Holzkiste bleiben.

Sabine Lück trägt einen dunkelroten Reifrock, das Sonntagsgewand der Siedlerin. »Schreiben sie bloß nicht Kostüm. Wir verkleiden uns nicht und feiern hier auch nicht Fasching«, sagt sie. Sind die Kleider mit den weiten, wippenden Röcken denn nicht unbequem und viel zu warm?

Rückwärts

einparken

»Im Gegenteil«, findet die Gießenerin Heike Schön, die ein weiß-rotes, mit Spitzen verziertes Promenadenkleid trägt, »das ist total bequem.« Genäht hat es, wie so viele andere auch, Heike Maurot aus Laubach. Aus der alten Bettwäsche der Oma beispielsweise sei schon manches hübsche Stück entstanden. Und wie geht man damit aufs Klo? Sabine Lück lacht: »Einfach rückwärts einparken, fertig.«

Innerhalb von 30 Minuten hat sich unter ihrem Zeltdach eine ganze Gruppe Wildwestler versammelt. Sabine Lück erzählt, dass jemand sie mal gefragt habe, was mit ihr nicht stimme, dass sie so der Wirklichkeit entfliehe. Lautes Gelächter. »Ja, wir sind alle ein bisschen verrückt. Wer zu uns nach Hause kommt, sieht an Fellen oder Wagenrädern sofort, was los ist«, bekennt Bernd Nau aus Grünberg. Es sei halt ein intensiv gelebtes Hobby. Was die Camps unterm Strich ausmache, seien Freundschaft und Hilfsbereitschaft: »Das verbindet Menschen.« Manche fürs Leben.

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jub_western4_200722_4c_2 © Judith Seipel
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jub_western9_200722_4c_3 © Judith Seipel
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jub_western6_200722_4c_2 © Judith Seipel
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jub_western7_200722_4c_3 © Judith Seipel

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