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Gemeinschaft fördern, Identität bewahren: Büdingen feiert Jubiläum »50 Jahre Großgemeinde«

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leo_buedingen3_240922_4c © Oliver Potengowski

Einen Tag früher als gewöhnlich wurde der 690. Gallusmarkt eröffnet. Der erste Abend war für einen Kommers reserviert, bei dem der Zusammenschluss zur Großgemeinde Büdingen im Fokus stand.

Bürgermeister Benjamin Harris erklärte in seiner Begrüßung, dass Büdingen sowohl eine sehr alte wie auch eine junge Stadt sei. Die Remigiuskirche sei zirka 1300 Jahre alt. In einigen Stadtteilen gebe es sogar noch ältere Spuren der Besiedlung. Doch die heutige Stadt Büdingen, die er ausdrücklich als Einheit der Kernstadt mit den 15 Dörfern verstehe, sei erst vor 50 Jahren gegründet worden.

Harris betonte, dass sowohl er als auch Erste Stadträtin Katja Euler sich den Stadtteilen auch biografisch sehr verbunden fühlten. Auch wenn er die Gebietsreform selbst nicht erlebt habe, wisse er doch darum, wie schwer es für viele Dörfer gewesen sei, sich plötzlich in einer kommunalen Einheit mit Büdingen wiederzufinden. Aspekte, an die der Büdinger Ehrenbürger Dr. Volkmar Stein später ausführlicher erinnerte.

Seine Generation, die mit der Realität der Großgemeinde aufgewachsen sei, habe die Vorbehalte gegen andere Stadtteile und die Kernstadt weitgehend überwunden. Bei diesem Zusammenwachsen seien die Feuerwehren, bei denen sich immer mehr Einsatzabteilungen zusammenschließen, ein großes Vorbild. »Sorgen um den Verlust von Identität ordnen sie dem gemeinsamen Ziel, Menschen in Not Hilfe zu leisten, unter.« Harris forderte die Bürger auf, weiter zusammenzuwachsen, aber auch »unsere Eigenheiten, die die Dörfer und die Kernstadt ausmachen, zu bewahren«.

Landrat Jan Weckler wies auf den Gedanken der Gebietsreform hin, durch den Zusammenschluss der einst mehr als 2600 selbstständigen Gemeinden und 39 Landkreise zu 422 kreisangehörigen Städten und Gemeinden und fünf kreisfreien Städten sowie nur noch 21 Kreisen die Verwaltungen der Kommunen zu stärken. Mit der zunehmenden Komplexität werde die Notwendigkeit dieser Entwicklung deutlich. »Alleine können kleine Gemeinden immer weniger bestehen, um in einem demokratischen Rechtsstaat auf Dauer rechtskonform handeln zu können«, erläuterte Weckler. Ein Beispiel für die Möglichkeiten, die sich durch interkommunale Zusammenarbeit bieten, sei die Landesgartenschau Oberhessen in fünf Jahren.

Sehr gelungen sorgte die Big Band des Wolfgang-Ernst-Gymnasiums mit einem breiten Repertoire populärer Titel und Unterstützung durch Katja Euler für einen unterhaltsamen musikalischen Rahmen.

Volkmar Stein zog in seiner Rede eine Parallele zur feierlichen Unterzeichnung der Grenzänderungsverträge zwischen Büdingen und 15 Kommunen, die sich zu einer Stadt zusammenschließen wollten. Auch damals bot ein Ensemble des Büdinger Gymnasiums den musikalischen Rahmen.

Doch die beteiligten Kommunen waren keineswegs alle die selben, die heute die Großgemeinde bilden. Denn die Gemeindevertretung Düdelsheim hatte sich gegen einen Zusammenschluss mit Büdingen ausgesprochen. Altwiedermus und Mittel-Gründau wollten dagegen Teil der Großgemeinde werden, durften aber nicht.

»Das Land Hessen in seiner überlegenen Weisheit behielt sich das letzte Wort in Gesetzesform vor«, umschrieb Stein, dass das Diktat aus Wiesbaden auf viel Unmut stieß. Auch der ehemalige Landrat Kurt Moosdorf, der gemeinsam mit Bürgermeister Willi Zinnkann den Landkreis Büdingen erhalten wollte, zählte zu den erbitterten Gegnern des Konstrukts. Wenn überhaupt hätten sie lieber mit dem Kreis Friedberg oder mit Hanau fusioniert.

Stein erläuterte, dass vor allem finanzielle Bedenken Zinnkanns Ablehnung der Gebietsreform nährten. Denn obwohl die umliegenden Gemeinden doppelt so viele Einwohner wie Büdingen hatten, erwirtschafteten sie nur 400 000 Mark Steuereinnahmen statt der 1,9 Millionen der Kreisstadt.

Es sei die CDU gewesen, die damals auf die Umsetzung der von der SPD-Landesregierung beschlossenen Gebietsreform gedrängt habe. In Gastwirtschaften der Nachbargemeinden habe sie für den Zusammenschluss geworben. In Verhandlungen hätten diese schließlich den Erhalt bestehender Einrichtungen und den Ausbau der Infrastruktur mit Büdingen als Bedingungen für den Zusammenschluss vertraglich festgeschrieben. Auffallend sei, dass nur Michelau ein Dorfgemeinschaftshaus und nur Büches einen Kindergarten gefordert habe.

Inzwischen acht Fraktionen

Der Büdinger Ehrenbürger skizzierte, dass entgegen dem Eindruck ruhiger politischer Zeiten, den die Zahl von nur vier Bürgermeistern seit 1972 erwecke, das politische Leben sehr bewegt gewesen sei. Von einst drei Fraktionen (SPD, CDU und FWG) sei die Stadtverordnetenversammlung zuletzt durch die Spaltung der Grünen auf inzwischen acht Fraktionen angewachsen. Weil es nur selten schriftlich fixierte Koalitionen gab, mussten Entscheidungen in »Debatten, in denen es in Büdingen öfter rumpelte«, gefunden werden, stellte Stein fest. »Die Lautstärke hing vom Temperament der Wortführer der Fraktionen und vor allem des Bürgermeisters ab.«

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leo_buedingen1_240922_4c © Oliver Potengowski

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