Interview mit Kaarlo Friedrich

Vom Geschäftsmann zum Pfarrer

Der neue Pfarrer der evangelischen Sankt-Andreas-Kirchengemeinde in Büdesheim, Kaarlo Friedrich, war früher ein erfolgreicher Geschäftsmann. Dann entschied er sich für ein Theologiestudium. Im Mai hat er nun die Gemeinde von Ernst Rohleder übernommen. FNP-Mitarbeiterin Ursula Erbacher hat Friedrich an seinem neuen Arbeitsplatz besucht und ihn zu seinem Werdegang, seiner Profession und seinem privaten Leben befragt.

Wie kommt ein gebürtiger Finne in die Sankt-Andreas-Gemeinde nach Büdesheim?

KAARLO FRIEDRICH: Das ist ganz einfach. Ich wurde von der Kirchenleitung hergeschickt, in die frei gewordene Pfarrstelle. Inzwischen denke ich: Ich hätte diese Gemeinde auch wählen können, weil mir vieles leicht gemacht wird.

Wie kam es zu Ihrem Werdegang vom Geschäftsmann zum Pfarrer?

FRIEDRICH: Das war ein langsam wachsender Prozess. Es hat bereits lange in mir geschlummert, bis es zu diesem Berufsbild kam.

Wie haben Ihre Familie, Freunde, Ihr Umfeld reagiert, als Sie sich für das Theologiestudium entschlossen?

FRIEDRICH: Viele entferntere Bekannte und Freunde konnten es nicht glauben, waren überrascht, vielleicht auch skeptisch. Doch enge Freunde oder anders: Je näher mir Menschen standen, je mehr Verständnis habe ich erfahren. Und meine Ehefrau Ina sagte: Endlich! Vor allem habe ich unglaubliche Unterstützung durch meine Familie erhalten, sie standen hinter mir und akzeptierten meinen Wunsch.

Nun, zunächst steigen Sie in den Betrieb Ihrer Eltern ein, bringen es bis zum Geschäftsführer und nun wollen Sie eine Gemeinde managen. Wie passt das zusammen?

FRIEDRICH: Das Management ist ein guter Vergleich, nur mit dem Unterschied, dass mein bisheriger Schwerpunkt auf Finanzen lag und nun sehe ich mich mehr als geistlicher Manager. Das war zwar früher in unserem Unternehmen auch schon gefragt, kommt aber hier in der Gemeinde mehr zum Tragen.

Wie kam es zu diesem beruflichen Gesinnungswandel?

FRIEDRICH: Als die Zeit und ich reif dafür waren. Zunächst bin ich den einfachen Weg gegangen, in den Betrieb meiner Eltern eingestiegen, habe rasch geheiratet, Kinder bekommen. Da blieb kaum Raum für persönliche Entwicklung.

Gab es Auslöser, warum Sie diesen Weg eingeschlagen haben?

FRIEDRICH: Es waren viele Ereignisse, Erlebnisse, Begegnungen, Menschen, die mich begleitet haben. Letztendlich war es eine langsame, aber stetige innere Entwicklung, die mich dazu gebracht hat.

Was treibt Sie beruflich an?

FRIEDRICH: Spüre ich diesen Beruf, dann bin ich angekommen und habe meinen Platz gefunden. Und es ist die Vielfalt von Menschen und Tätigkeiten, die mich trägt. Es treibt mich auch, diese Gemeinde zu einer offenen Gemeinde zu entwickeln, wo jede Frau, jeder Mann, jedes Kind teilhaben kann und willkommen ist.

Was verstehen Sie unter einer „offenen Gemeinde“?

FRIEDRICH: Als Teil der Gesellschaft, in der wir als Kirche Verantwortung übernehmen für Junge, Alte, Bedürftige, Gläubige oder Ungläubige. Jeder kann kommen.

Was ist Ihr Selbstverständnis als Gemeindepfarrer?

FRIEDRICH: Ich bin eine Treppe, eine Stufe, mehrere Stufen, ein Geländer, an dem man sich festhalten oder auch wieder loslassen kann, ganz so, wie es erforderlich ist. Ich möchte Orientierung geben.

Gibt es einen Leitsatz für Ihre Arbeit als Pfarrer?

FRIEDRICH: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.

Wo sehen Sie Ihre Schwerpunkte im Amt?

FRIEDRICH: Die Jugendarbeit – denn die Jugendlichen sind schließlich unsere Zukunft.

Gibt es etwas, das Sie rasch umsetzen wollen?

FRIEDRICH: Ja, die Vernetzung innerhalb der Gemeinde zwischen Tradition und Innovation. Neues gestalten.

Im Rahmen zahlreicher Kirchenaustritte interessiert unsere Leser, ob und wie Sie Anreize schaffen, die Kirchenbänke wieder zu füllen?

FRIEDRICH: Im vorigen Monat ist niemand ausgetreten. Und ich habe zwei Taufen machen dürfen. Insofern gibt es Hoffnung. Wenn es uns gelingt unsere Kirchentüren zu öffnen und interessante Angebote zu machen, ergreifen vermutlich viele die Chance, um teilzuhaben.

Wie stehen Sie zur Ökumene?

FRIEDRICH: Sehr positiv! Ein Zeichen ist unser ökumenischer Kirchenchor mit Annette Dörr, als Leiterin. Und im Altenhilfezentrum arbeiten wir ebenfalls auf ökumenischer Ebene gut zusammen.

Gibt es neben Ihrem Amt als Pfarrer noch andere Aufgaben?

FRIEDRICH: Nein. Als Pfarrer ist man Pfarrer, mehr geht nicht.

Ja, Sie sind verheiratet und haben drei Kinder, eine Enkelin. Sie haben Sonntagsdienste, Abendveranstaltungen, Taufen, Beerdigungen, Trauungen, Predigten vorzubereiten, Seelsorge. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Familie und Beruf?

FRIEDRICH: Gute Frage! Darüber werde ich mich mit meinen Kollegen in der Supervision austauschen. Ernsthaft, die Burnout-Rate bei Pfarrern ist höher als in anderen Berufen, mit steigender Tendenz. Also sind sowohl Disziplin wie auch klare Terminpläne, Zeitmanagement und das Kennen der eigenen Grenzen notwendig.

Gibt es Freizeitbeschäftigungen?

FRIEDRICH: Ja, Fahrrad- und Motorrad fahren, Sauna, die Familie und auch wieder Fußball spielen.

Sind das Ihre Kraftquellen für einen ausgefüllten Arbeitstag?

FRIEDRICH: Ja auch, aber mehr gewinne ich durch Pausen und im Kontakt mit Menschen. Sprich im Wechsel zwischen Passivität und Aktivität. Wie das Ein- und das Ausatmen.

Beherrschen Sie Ihre finnische Geburtssprache?

FRIEDRICH: Ja! (und fängt gleich an, Finnisch zu sprechen) Da ich die Sprache mit der Muttermilch eingesogen habe, kann ich sie gar nicht verlernen.

Gibt es einen Unterschied zwischen einem Gemeindeleben in Finnland und Deutschland?

FRIEDRICH: Auf alle Fälle. Finnland ist ein großes Vorbild für die Konfirmandenarbeit. Dort wird ein zweiwöchiges Camp in der freien Natur, sehr intensiv und naturnah angeboten, gelebt, erlebt und reflektiert.

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