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Geständnis wirft Fragen auf: Weiter unklar, warum im Juni 2021 am Büdinger Gymnasium Schüsse fielen

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Von: Jürgen W. Niehoff

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Warum sind damals Schüsse gefallen? Auch der zweite Verhandlungstag im Prozess um die Vorfälle auf dem Parkplatz des Büdinger Gymnasiums im Juni 2021 brachte keine Klarheit.

Büdingen/Gießen (jwn). Warum sind damals plötzlich Schüsse gefallen? Auch der zweite Verhandlungstag im Prozess um die Vorfälle auf dem Parkplatz des Büdinger Wolfgang-Ernst-Gymnasiums in der Nacht vom 4. auf den 5. Juni 2021 brachte keine Klarheit.

Zwei Männer müssen sich vor dem Landgericht Gießen verantworten. Die Anklage wirft ihnen gefährliche Körperverletzung und unbefugten Waffengebrauch vor (diese Zeitung berichtete). Nachdem die beiden Angeklagten, ein 26- und ein 28-Jähriger, zu Prozessbeginn die Taten laut Anklage umfänglich eingeräumt hatten, war es zu einer Verständigung hinsichtlich des Strafrahmens zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Angeklagten gekommen. Diese Verständigung scheint aber schon am zweiten Verhandlungstag zu kippen. Richter Jost Holtzmann hatte ausdrücklich betont, dass die Geständnisse umfänglich sein müssten und dass im Laufe des Prozesses keine neuen Umstände herauskommen dürften. Genau das scheint aber nun der Fall zu sein, denn das Geständnis des Jüngeren der beiden Männer, des Hauptangeklagten, der sich allein für den Gebrauch einer Schusswaffe an dem Tag verantworten muss, scheint mehr als löchrig.

Aussagen gegensätzlich

In seinem Geständnis behauptete der Mann, dass er aus Notwehr zur Pistole gegriffen habe, da seine Freunde und er von einer Gruppe junger Männer angegriffen worden seien. Er habe auch nicht auf Menschen gezielt, sondern nur mit der Waffe gedroht und in die Luft geschossen. Der Richter jedoch betonte, dass fast alle Zeugen ausgesagt hätten, der Hauptangeklagte sei auf die gegnerische Gruppe zugegangen und habe einem Mann, der zunächst vom 28-Jährigen beleidigt und mit den Worten »Wer will Ärger? Wer will als Erster erschossen werden?« herausgefordert worden sei, zunächst die Pistole an den Kopf gehalten und dann damit zugeschlagen. Als dieser ihn aufgefordert habe »Steck deine Schreckschusspistole weg«, habe der 26-Jährige gelacht und geantwortet: »Von wegen Schreckschuss.« Dann habe er geschossen. Jedoch sei ihm ein anderer Mann in den Arm gefallen und habe so die Pistole im letzten Momente wegdrehen können. »Sehen Sie, Herr Richter, ich habe hier Verbrennungssspuren davon an der Hand«, wandte sich der als Zeuge Geladene an Holtzmann.

Auch ein weiterer Zeuge bestätigte diese Version. Er will kurz vor dem Schuss den Angeklagten von hinten angegriffen haben. Zusammen seien sie dann bei einer Rangelei zu Boden gegangen. Als der Hauptangeklagte sich befreit habe und aufstehen konnte, habe er mit der Pistole zweimal abgedrückt. Doch es habe nur Klack gemacht. Die Pistole habe Ladehemmung gehabt. Die Hülse vom ersten Schuss habe noch im Lauf gesteckt. »Als wir merkten, dass er eine scharfe Waffe hatte und von ihr auch Gebrauch machte, sind wir alle in Panik davongerannt«, berichtete der Zeuge. Dies habe der 26-Jährige ausgenutzt und auf die Flüchtenden geschossen. Dabei traf er einen Mann von hinten in den Oberschenkel.

In Panik geflüchtet

»Ich habe zuerst gar nichts von der Verletzung mitbekommen. Nur mein Körper fühlte sich plötzlich so taub an«, berichtete der Getroffene von dem Vorfall. Er habe zuvor am Rande des Geschehens mit einem der vier Männer aus dem Auto der Angeklagten gerungen und sei dabei ebenfalls zu Boden gegangen. Als die Gruppe in Panik davongerannt sei, seien der Schütze und seine drei Kumpels ins Auto gestiegen und hätten wegfahren wollen. Doch sie hätten plötzlich einen weiteren Mann, der sich im Gebüsch versteckt hätte, entdeckt. Auch auf ihn habe der Hauptangeklagte die Pistole gerichtet und ihm geraten, sich aus dem Staub zu machen. Diese Situation habe der zweite Angeklagte genutzt, um noch einmal auszusteigen, hinter den Flüchtenden herzulaufen und ihnen nachzurufen: »Nächstes Mal nicht so viel telefonieren, sondern schneller laufen.«

Auch wenn die Aussagen der ersten Zeugen in einigen Punkten voneinander abwichen, stellte der Vorsitzende Richter fest, dass die Behauptung des Angeklagten, es sei eine Notwehrhandlung gewesen, damit in sich zusammengefallen sei. Auf seine Folgerung, »jetzt müsse auch über den Fortbestand der Vereinbarung hinsichtlich eines geminderten Strafrahmens wegen eines Geständnisses« neu nachgedacht werden, räumte der Verteidiger ein: Sein Mandant könne sich an den Sachverhalt nicht so genau erinnern. Zu dem Zeitpunkt sei er sehr stark alkoholisiert gewesen.

Wo die Wahrheit liegt und vor allem, aus welchem Grund es zu den Übergriffen kam, werden die nächsten fünf Verhandlungstage zeigen.

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