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Tobias Engelhardt war FJÖler, Jonas Goy absolviert gerade sein Freiwilliges Ökologisches Jahr in der Gemeinde Altenstadt. Das bedeutet viele praktische Einsätze, das Auseinandersetzen mit Themen rund um die Nachhaltigkeit und zahlreiche Kontakte zu Gleichgesinnten. Die beiden jungen Männer erzählen über ihre Erfahrungen.

Erste Kontrolle der Eimer an der festgemauerten Krötenschutz-Barriere zwischen Altenstadt und Höchst an der B 521 zum meteorologischen Frühlingsanfang: Noch sind in den Behältnissen keine Erdkröten, Frösche oder Molche. Doch wenn die nächtlichen Temperaturen über dem Gefrierpunkt liegen, dürfte in den nächsten Tagen die Amphibienwanderung beginnen. Dann wird Jonas Goy seinen Dienst als FÖJler morgens damit beginnen, die zehn Eimer auf einer Strecke von rund 600 Metern regelmäßig zu überprüfen und »gestrandete« Tiere über die Straße zu ihrem Laichgebiet, dem Karl-Winther-Teich, zu bringen.

Angebot seit über zehn Jahren

Seit Mitte August 2021 leistet der 19-Jährige ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) bei der Gemeinde ab. Tobias Engelhardt weiß, dass das Einsammeln der Tiere »ziemlich viel Arbeit machen kann«. Als der heute 22-Jährige im Jahr 2019 FÖJler in der Wetterau-Kommune war, »habe ich einmal an einem Tag 200 Tiere zum Teich gebracht«.

Seit mehr als zehn Jahren bietet die Altenstädter Verwaltung jungen Menschen die Möglichkeit, sich nach der Schule in zwölf Monaten mit Themen wie Nachhaltigkeit, Ernährung, Arten- und Klimaschutz vertraut zu machen. Für Sabine Schubert, Umweltbeauftragte der Gemeinde Altenstadt, ist es eine sinnvolle Alternative zum direkten Beginn von Studium oder Ausbildung. Das sehen auch die beiden jungen Männer so. Der Nidderauer Jonas Goy, der seine Reifeprüfung 2021 an der St. Lioba-Schule in Bad Nauheim ablegte, sagt: »Ich wollte nach dem Abi erstmal keine Klausuren und keine Prüfungen mehr. Ich habe nach etwas gesucht, das in die technische Richtung ging und möglichst viel praktische Arbeit bedeutete.«

Seine Schwester machte ihn auf das FÖJ aufmerksam. Jonas bewarb sich auf das bundesweite Angebot. »Altenstadt war am nächsten.« Er bekam nach einer digitalen Bewerbung und einem coronabedingten Online-Bewerbungsgespräch die Stelle.

Vor Ort hat der junge Mann seitdem reichlich praktische Erfahrung im Umgang mit Obstgehölzen gemacht: vom Baumschnitt über die Ernte von Äpfeln, Birnen und Kirschen bis hin zur Herstellung von Apfelmost und -saft. Sabine Schubert: »Wir haben in unserer Gemarkung 1200 gemeindliche Obstbäume, die müssen gepflegt werden. Auch die Patenschaften, die es für diese gibt. Zudem hat die Verwaltung ein mobiles Rundum-Paket, wenn es ums Apfelpressen geht. Mit diesem kann vor Ort in Kitas, Schulen, bei den Pfadfindern oder in der Seniorenresidenz der beliebte Saft direkt vor Ort gewonnen werden.«

»Für mich waren gerade die Kontakte mit den Kindern sehr prägend. Ihre Begeisterung, etwa für das Energiesparprojekt in Kitas«, sagt Tobias Engelhardt. Für sich hat der Altenstädter über den Einsatz der Demonstrationen von »Fridays for Future« zu den Bedrohungen durch den Klimawandel im FÖJ eine Möglichkeit gesehen, »über einen längeren Zeitraum für mich und andere in der Umweltbildung aktiv zu sein«. Wie Jonas hatte er - als FÖJler 2019 auch Landessprecher seiner Mitstreiter - ein eigenes Projekt zu betreuen: ein Feldwegeprojekt. In diesem galt es, Feldwege, die von Landwirten »umgebrochen wurden«, ausfindig zu machen und zu vermerken. »Dazu war ich in der Gemarkung unterwegs, habe zudem viel am Computer gesessen, um Luftbilder anzusehen.« Von der Unteren Naturschutzbehörde war das Anliegen an alle Kommunen des Kreises gegangen, die »umgebrochenen Flächen an Feldwegen« zu sondieren, um diese für Rückzugsräume, insbesondere für Vögel, wiederzugewinnen.

Nach seinem FÖJ hat Tobias Engelhardt das auf 450-Euro-Basis noch weitergeführt. Jonas Goy widmete sich in seinem Projekt den »Schottergärten«, jener Art der Vorgartengestaltung, die aus ökologischen Gründen immer stärker in die Kritik gerät.

Neben den Erfahrungen draußen in der Natur und dem ersten Kennenlernen eines beruflichen Alltags, ist es vor allem das Netzwerk von Gleichaltrigen mit ähnlichen Interessen, das die beiden in der Zeit zu schätzen gelernt haben und nicht missen möchten. An fünf Wochen pro Jahr kommen die FÖJler für Seminare zu Gruppen mit 15 bis 20 Teilnehmern zu den verschiedensten Schwerpunkten und Exkursionen an unterschiedlichen Orten zusammen. »Daraus sind richtige Freundschaften entstanden«, sagt Tobias Engelhardt. »Ich hatte ja auch noch Glück, vor Corona mein FÖJ zu leisten.« Denn während der Pandemie galt auch für die FÖJler: Videokonferenz statt Präsenz.

Das Jahr half, die Richtung zu finden

Bis Mitte August ist Jonas Goy noch bei der Gemeinde angestellt. Dann ist seine Stelle neu zu vergeben. Der 19-Jährige hat sich erst einmal entschieden, sich um eine Ausbildung zum Mechatroniker zu bewerben. »Ökologie ist derzeit zwar nicht meine erste Priorität für die Zukunft. Die Zeit hat mir aber sehr geholfen, mir mehr darüber klar zu werden, in welche Richtung ich will.«

Von Sabine Schubert haben sich beide bestens betreut gefühlt. »Wir waren täglich in Kontakt.« Mit Taschengeld sowie Unterstützung bei Unterkunft und Verpflegung »hatten wir rund 650 Euro monatlich zur Verfügung«, so die beiden. Ein Antrag auf ein Schüler-Ticket kann gestellt werden. Außerdem gibt es 27 Tage Urlaub im Jahr. Was sie sich wünschen: »Dass FÖJler bundesweit kostenfrei Bus und Bahnen nutzen können.«

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