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Glauburg: Ein Kreis schließt sich nach 200 Jahren in Stockheim

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Von: Inge Schneider

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Irmgard Reichert (l.) mit ihrem Zwillingsbruder Horst Scholz (r.), ihren Eltern Marie, geborene Schleinig, und Adolf Scholz, dem älteren Zwillingspaar Waltraud und Kurt im Hintergrund sowie in der Mitte Schwester Renate im Sommer 1944 bei ihrer Einschulung. Ein knappes halbes Jahr später folgten Vertreibung und Flucht. FOTOS/REPROS: SCHNEIDER © Inge Mueller

Im 18. Jahrhundert wandern die Vorfahren Irmgard Reicherts aus Stockheim von Ranstadt nach Schlesien aus. 200 Jahre später bringt der Zweite Weltkrieg Nachkommen dieser Siedler zurück.

E s ist eine spannende, von Schrecken, Glück und Zufällen erfüllte Geschichte: »Mehr als 200 Jahre, nachdem meine Vorfahren aus der hiesigen Region in Schlesien ein neues Leben begannen, wohnt meine Familie heute wieder hier und hat Wurzeln geschlagen«, berichtet Irmgard Reichert, geborene Scholz, aus Stockheim. »Wir haben gleichsam einen großen Kreis geschlossen - allerdings weiß ich davon erst, seit der Bruder meiner Mutter mir die Originalunterlagen zur Überschreibung unseres Hofs in Schlesien zukommen ließ.«

Familiengeschichte in Stockheim: Vom »Alten Fritz« ins Land geholt

Friedrich der Große (1712 bis 1786), begann als König von Preußen nach seinem Sieg in den Schlesischen Kriegen ab 1745 damit, gezielt Bauernfamilien und Handwerker aus seinen Reichsgebieten im Westen Deutschlands als Kolonisten ins relativ dünn besiedelte Schlesien zu holen. »Das wesentlich von Aussiedlern aus der Wetterau begründete damalige Dorf Gräfenort trägt heute den polnischen Namen Grotowice und ist ein Vorort von Oppeln/Opole«, sagt Irmgard Reichert. Heute weiß sie, dass ihre Vorfahren Johann Schleinig und Peter Weil damals aus »dem Dorf Rohnstadt aus dem Fürstenthum Gedern« (heute Ranstadt) nach Schlesien einwanderten. Das aus »Schuchs Siedlerverzeichnis von 1772« stammende Zitat ist in einem Ausdruck des »Friderizianischen Kolonistenverzeichnisses aus Schlesien« verzeichnet, das 1939 zur Zeit der Nazidiktatur als Herkunftsnachweis ein Staatsarchivar Karl G. Bruchmann anlegte. Darin erstattet der Verwaltungsbeauftragte der neuen Kolonien, Johann Hartman Schuch, seinem Vorgesetzten, Graf Hoyn, detaillierten Bericht über seinen Besuch in den elf »Colonien«. Für Gräfenort sind die Namen der Ururgroßväter von Irmgard Reichert wie folgt verzeichnet: Johann Schleinig mit den Zusätzen »Bauer und Schneider, evangelisch« sowie der Ehefrau und drei Söhnen, der evangelische Bauer Peter Weil mit Ehefrau vier Töchtern und einem Sohn. Auch über zugezogene Familien aus Stockheim, Mockstadt und Laubach führt man Buch. Ferner vermerkt Schuch über Gräfenort: »Dieses Kolonie steht unter Aufsicht des Herrn Oberforstmeisters Burich zu Oppeln und wird angelegt mit 20 Wohnungen, 18 sind vom Zimmermann aufgeschlagen, die übrigens sind nebst Scheuern in voller Arbeit... Auf ihrem Ackerland arbeiten sie fleißig und haben sich gepflanzt Erdoffelen sowie auch Hirße. Auch haben die Colonisten je eine Kuh bekommen.«

Familiengeschichte in Stockheim: Wohnhäuser bis heute erhalten

Irmgard Reichert liegt ein Lageplan vor, der die Anordnung der Wohnhäuser entlang der zwei Kilometer langen Hauptstraße zeigt, wie sie bis heute erhalten ist. Sämtliche Gebäude mussten die Neuankömmlinge selbst errichten, die Äcker mit gestelltem Saatgut bestellen. »Das Land war Erbgut, das als Ganzes an den ältesten Sohn überzugehen hatte. Für Geschwister erwarb man, wenn möglich, neues Land hinzu. Außerdem erhielten sie von ihrem Bruder ein jährliches Legat an Erntegütern und ein Schwein. Die jüngeren Brüder mussten zum Broterwerb ein Handwerk erlernen«, erklärt Reichert.

Ihre Mutter, Marie Scholz, geborene Schleinig, erhielt von ihren Großeltern zwei Morgen Land, das unter der Leitung ihres Manns Adolf Scholz, einem in der Gärtnerei des Fürsten Pückler ausgebildeten Landschaftsgärtners, in ein parkähnliches Anwesen verwandelt wurde.

Familiengeschichte in Stockheim: Vertreibung durch Zweiten Weltkrieg

An keiner Stelle der nun folgenden Schilderung ihrer unbeschwerten Kindheit mit folgender Vertreibung, Flucht und Neubeginn wird Irmgard Reichert bitter - gerade deshalb erschließt sich auf dramatische Weise, welche Idylle der von Nazideutschland entfesselte Krieg im Winter 1945 dort zerstörte. »Mein Vater war damals in Polen bei der Bahn stationiert, mein älterer Bruder Kurt an der Front, seine Zwillingsschwester Waltraud mit meiner Mutter, unserer Schwester Renate, mir selbst und meinem Zwillingsbruder Horst auf sich gestellt. Wir beiden Kleinen waren sechs Jahre alt, gerade im Herbst eingeschult worden.« Die Vertreibung der Dorfbevölkerung durch den Ortsgruppenleiter am 19. Januar 1945, nachts und bei minus 20 Grad, ist nur der Auftakt zu einer langen, oft unvorstellbar grausamen, manchmal herzzerreißenden Geschichte von Flucht, Verlust der Heimat, Ablehnung bis hin zur Liquidierung ganzer Flüchtlingstrecks, Wiederfinden des Vaters und vieler Menschen aus dem Heimatdorf, die Aufnahme jugendlicher Soldaten, fast noch Kinder, aus Hitlers letztem Aufgebot, schließlich das mehr als glückliche Überschreiten der Grenze im Bayerischen Wald.

Info: Rückkehr in die alte neue Heimat

Mit dem Grenzübertritt nach Bayern war für Irmgard Reicherts Familie die Zeit der Sorgen aber noch lange nicht vorbei: »Damit war unsere Entwurzelung längst nicht ausgestanden, denn in Bayern waren wir dreifach fremd«, erinnert sie sich. »Flüchtlinge, evangelisch und preußisch.« Als die Verhältnisse untragbar werden, entschließt sich die Familie, über das Rote Kreuz nach ihren Angehörigen zu suchen, findet den jüngsten Bruder der Mutter in Merkenfritz und bezieht im Februar 1946 eine Wohnung in Eckartsborn. Von nun an wendet sich das Blatt, werden Eltern und Kinder heimisch, vorerst ohne zu wissen, wie nah sie dem Ausgangsort ihrer Vorfahren sind. Während die Eltern und das ältere Zwillingsgeschwisterpaar Waltraud und Kurt bereits verstorben sind, ist Irmgard Reichert bis heute eng mit ihrem noch in Eckartsborn lebenden Zwillingsbruder Horst Scholz und ihrer Schwester Renate Klingelhöfer, der langjährigen Vorsitzenden des Seniorenbeirats des Wetteraukreises, verbunden.

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Irmgard Reichert heute. © Inge Mueller

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