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Großfeuer in Wenings: Video belastet Angeklagten

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11. August 2020: die Feuerwehr beim Großbrand in der Ortsmitte von Wenings im Einsatz. FOTO: POTENGOWSKI © Oliver Potengowski

Nur der massive Einsatz zahlreicher Feuerwehrleute verhinderte im August 2020 weitaus Schlimmeres in Wenings. Weil er damals das Großfeuer gelegt haben soll, muss sich ein 23-Jähriger vor dem Amtsgericht Büdingen verantworten.

Wo vor zwei Jahren eine Scheune und ein Nebengebäude an ein Wohnhaus in der Ortsmitte von Wenings angrenzten, ragt heute nur noch ein Stück der rußgeschwärzten alten Stadtmauer in den Himmel. Der 11. August 2020, der Tag des Großbrandes, wird vielen Weningsern noch lange in Erinnerung bleiben. Ohne die professionelle stundenlange Arbeit von rund 60 Feuerwehrleuten wäre sicherlich auch das angrenzende Wohnhaus zerstört worden und der Brand hätte auf einen benachbarten Bauernhof übergegriffen. Auch dass Menschen hätten zu Schaden kommen können, ist nicht unwahrscheinlich.

Die Justiz geht von Brandstiftung aus. Der mutmaßliche Täter, ein 23 Jahre alter Mann, steht jetzt vor Gericht. Der Angeklagte schweigt in der Verhandlung. Zwei Polizisten, die noch sehr präzise Erinnerungen an den Tattag und ihre Ermittlungen haben, belasten ihn dagegen schwer.

Es geht um gleich zwei Brände

Gleich zwei Brände soll der junge Mann, der mit einer Reihe von Delikten in Unterfranken und auch der Region aktenkundig ist, am frühen Abend des 11. August 2020 gelegt haben. Das erste kleine Feuer in einem hölzernen Unterstand konnte von Bewohnern des Hauses schnell gelöscht werden. Statt mitzuhelfen, soll der Angeklagte einem Bewohner geraten haben, »Du kannst ja rennen, wenn es brennt«, zitiert der Staatsanwalt aus der Anklageschrift.

Kurz nachdem die Bewohner das erste Feuer gelöscht hatten, drang Rauch aus der Scheune auf der anderen Seite des Wohnhauses. Dann schlugen Flammen aus dem Scheunentor. Schnell stand die Scheune ebenso wie ein Nebengebäude in Flammen, Die begannen auf den Dachstuhl des Wohnhauses überzugreifen. Der Landwirt des angrenzenden Nachbargehöfts konnte gerade noch rechtzeitig mit Helfern seine Rinder in Sicherheit bringen.

Eine Polizistin, die mit ihrem Kollegen vor Ort war, beschreibt, wie sie von Anwohnern auf den Angeklagten aufmerksam gemacht wurde. Sie habe eine Flasche Grillanzünder und einen Benzinkanister im Unterstand beschlagnahmt.

Noch während die beiden Polizisten mit der Vernehmung der Anwohner beschäftigt waren, sei der Angeklagte zur Einsatzstelle gekommen. Als die Beamten ihn ansprachen, habe er gesagt, er sei in Hirzenhain bei einem Kumpel gewesen. Dort habe er telefonisch von dem Brand erfahren. Erst gegen 18.35 Uhr sei er zurückgefahren. Da standen Scheune und Nebengebäude bereits in hellen Flammen.

So steht es zumindest im Protokoll der Vernehmung. Sogar eine WhatsApp-Nachricht, die die Darstellung belegen sollte, soll der Angeklagte den Beamten gezeigt haben. Die Polizistin kann sich heute an viele Details, die im Protokoll geschildert werden, aber nicht mehr erinnern. Sie verweist darauf, dass ihr Kollege, der derzeit im Urlaub ist, den Einsatz geleitet habe. »Löschen Sie das aus Ihrem Gedächtnis«, fordert der Verteidiger des Angeklagten die beiden Schöffen auf, die aus den Protokollen zitierten Angaben nicht zu berücksichtigen. »Das macht man in Amerika so«, kommentiert Richterin Barbara Lachmann den Hinweis.

Auch der nächste Zeuge kann wenig zur Aufklärung der Tat beitragen. Der junge Mann wohnt mit seinem Großvater im Haus neben der abgebrannten Scheune. Obwohl er nach seinen Angaben in der Vernehmung durch die Polizei geholfen haben soll, den ersten kleinen Brand zu löschen, hat er heute daran keine Erinnerung mehr. Nur auf hartnäckige Nachfragen von Richterin Lachmann nennt er einzelne teilweise auch widersprüchliche Details.

»Brennt’s da öfter?«, wundert sich Lachmann, dass sich die Ereignisse nicht deutlicher eingeprägt haben. »Nee, da hat’s noch nie gebrannt.« Immerhin ergibt die Vernehmung des Zeugen Hinweise auf ein mögliches Tatmotiv des Angeklagten. Offenbar gab es eine Auseinandersetzung um die Nutzung einer Gartenhütte und des Unterstands. Der Angeklagte habe darin eine Werkstatt einrichten wollen, obwohl die Familie des Zeugen sie aufgestellt habe.

Der 74-jährige Großvater des Zeugen kann zu den eigentlichen Ereignissen um die beiden Brände nichts sagen. Zwar hat er den Brand der Scheune bemerkt und die Feuerwehr alarmiert. Er könne jedoch nicht sagen, ob der Angeklagte den Brand gelegt habe. »Ich bin ins Haus, habe alle rausgeholt«, berichtet er. »Auch meine Lebensgefährtin, die ist schwer gehbehindert.«

Auch ein weiterer Hausbewohner, der eine Konfrontation mit dem Angeklagten beim ersten kleineren Brand gehabt haben soll, kann nicht zur Wahrheitsfindung beitragen. »Er befindet sich mit seinem Polier mit fünf Leuten auf dem Weg zu einer Baustelle«, gibt Lachmann den Inhalt ihres telefonischen Versuchs, den Zeugen zur Aussage bei Gericht zu bewegen, wieder. Sie verhängt eine Ordnungsstrafe von 240 Euro.

Umso besser erinnert sich ein 60-jähriger inzwischen pensionierter Polizist, der am Tatabend auf dem Weg in den Dienst durch Wenings fuhr. Dabei sei ihm der Angeklagte wenige Minuten, bevor Rauch und Flammen aus der Scheune schlugen, mit seinem Auto auf der Höhe der Biogasanlage am Ortseingang aufgefallen. Von dort habe man einen guten Blick auf den späteren Brandherd.

»Ich kann mir sehr gut merken, mit wem ich schon was zu tun hatte und was ich mit dem zu tun hatte«, betont der ehemalige Polizist. »Das ist eine Einheit, das ist Wenings, das ist ein BMW, das Kennzeichen, der Angeklagte.«

Der 23-Jährige behauptet nach den Worten seines Verteidigers, er kenne den früheren Polizisten nicht. Erst als dieser Details zu den beiden Fällen - einem Einbruch in die Wohnung des Angeklagten und gelockerte Radmuttern am Auto der Ex-Freundin - nennt, die auch durch Akten zu belegen wären, räumt der 23-Jährige ein, vor zwei Jahren doch von dem Beamten vernommen worden zu sein.

Vier Alibizeugen benannt

Der Angeklagte wird vor allem durch Aufnahmen der Videoüberwachung einer Spielhalle, die in dem Wohnhaus eingerichtet war, belastet. Ein Kripobeamter zeigt Standbilder, die belegen, wie eine Person zur Scheune läuft und sich zwei Minuten und 26 Sekunden danach wieder entfernt. Knapp zehn Minuten später sind auf dem Video dann Rauchschwaden zu erkennen.

Bei der Vernehmung durch die Kriminalpolizei habe sich der Angeklagte auf den Aufnahmen selbst identifiziert, zugleich aber vier Alibizeugen benannt, die bestätigen könnten, dass er zum fraglichen Zeitpunkt nicht am Tatort gewesen sei. Den Widerspruch habe der Angeklagte nicht auflösen können, stellt der Beamte fest.

Der Prozess wird am 10. Juni fortgesetzt.

VON OLIVER POTENGOWSKI

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