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Grüne zerlegen sich selbst: Büdinger Fraktion ist gespalten und offenbart tiefe Abgründe

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Sie haben sich von Bündnis 90/Die Grünen getrennt und nennen sich jetzt Grüne 2.0: Uwe Knecht (l.) und der neue Fraktionsvorsitzende Arno Remmers. © Björn Leo

Abgründe tun sich beim Blick auf die Büdinger Grünen auf. Die Fraktion ist gespalten, das Vertrauen dahin. Die Vorwürfe sind gravierend, der Krach für Außenstehende kaum zu begreifen.

Unterschiedliche Wege in die Zukunft sind nicht nur möglich, sie sind bereits im Heute angelegt. Ungewollt dient der Einstieg in die aktuelle Zustandsbeschreibung der Grünen auf ihrer Homepage als Ermunterung des Büdinger Ablegers. Wo auf Bundesebene Gerechtigkeit, Demokratie, Zusammenhalt und Aufbruch als Eckpfeiler moderner Parteiarbeit angepriesen werden, sieht es an der Basis am Rande des Vogelsbergs düster aus. Die Fraktion hat sich entzweit, der Ortsverband erhebt schwere Vorwürfe gegen das Ehepaar Cott, das lange Zeit die grüne Fahne in Büdingen hoch gehalten hat.

Unrühmlicher Höhepunkt

Da ist von Verstößen gegen demokratische Prinzipien, von mangelnder Transparanz und von massivem Vertrauensverlust die Rede. Was seit der Kommunalwahl im März 2021 gärte fand jetzt in der Aufspaltung der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen seinen unrühmlichen Höhepunkt. Fortan bilden Susanne und Joachim Cott ein Duo unter vermeintlich altbewährtem Namen im Parlament. Daneben werden Arno Remmers und Uwe Knecht als Grüne 2.0 in der Stadtverordnetenversammlung agieren.

Rückblende: Die Kandidatenliste der Grünen zur Kommunalwahl war lang. vom allgemeinen Boom der Partei profitierte auch die Basis. Themen der Verkehrs- und Energiewende, ein tief in der aufgeklärten Gesellschaft verankertes Wertefundament, das Einstehen für die zweifelsohne besondere Landschaft und das kulturhistorisch bedeutsame Büdinger Land waren den Grünen nicht nur Verpflichtung.

Vielmehr waren ein unbedingter Wille und die Überzeugung spürbar. Hinzu kam der stete Kampf gegen rechte Strömungen in der Stadt. Die hinzugewählten Arno Remmers und Uwe Knecht schienen wie gemalt fürs neue Team.

Der Ortsverband sollte umstrukturiert, Fraktions- und Parteiarbeit personell getrennt werden. Heute ist klar: Die Cotts waren damals schon nicht mehr wohlgelitten.

»Ihr schreckt die Leute ab«, habe es laut Susanne Cott geheißen. Sollten sie und ihr Mann zu Versammlungen kommen, würde der Rest daheimbleiben. Uwe Knecht, der dem Verband vorsteht, leugnet das nicht. »Das Ehepaar Cott hat sich nie um den Ortsverband gekümmert und viele vergrault, etwa Daniel Gottmann, den wir gut in der Stadtverordnetenversammlung hätten gebrauchen können.«

Mitglieder sprechen von einem Geklüngel der Cotts mit der CDU, davon, dass sie keine Informationen aus dem Stadtverordnetenvorstand bekommen, werfen ihnen vor, den Flyer zur Kommunalwahl eigenmächtig verändert zu haben und dass sie sich inhaltlich seit 25 Jahren nicht verändert hätten. »Der Ortsverband gibt die politische und gesellschaftliche Basisarbeit vor. Die Mitglieder fungieren als Ideenschmiede für die Fraktion«, beschreibt Uwe Knecht, der erklärt, dass dies wohl für Susanne und Joachim Cott nicht zu gelten scheint. »Sie lassen ein demokratisches Grundverständnis vermissen.« Vor diesem Hintergrund stellte Grünen-Mitglied Ulla Seipel den Antrag zur Teilung der Fraktion, um, wie es wörtlich hieß, »weiteren Schaden vom Ortsverband und der Fraktion abzuwenden«.

In einer außerordentlichen Mitgliederversammlung waren es schließlich sechs Grüne, die bei zwei Enthaltungen der Cotts für die Teilung stimmten. Das »unglückliche Bild der Büdinger Grünen«, von dem beide Lager sprechen, darf seit dem Abend im Dorfgemeinschaftshaus Dudenrod, dem Gegenentwurf zum smarten Habeckschen Image einer modernen Volkspartei, um das Adjektiv jämmerlich erweitert werden. »Der Grünen ziehen sich selbst die Beine weg. Hier wird ein Versuch unternommen, Probleme zu lösen, der am Ende dazu führt, dass alle Beteiligten und die Partei in der Öffentlichkeit Schaden nehmen«, fasst Joachim Cott die Entwicklung zusammen.

Gemeinsam mit seiner Frau zeigt er sich erschüttert ob der Vorwürfe. Sie sprechen von Heimtücke und einer Rufmordattacke. Den besagten Wahlflyer, sagt Susanne Cott, habe Arno Remmers abgesegnet, bezahlt und verteilt. »Von allen kam das Okay, bevor er der Grafikerin übergeben wurde.« Im Zusammenhang mit der Homepage, die Susanne Cott betreut und auf Druck dem Ortsverband übergeben hatte, habe Remmers sogar juristische Schritt angedroht. »Die Homepage ist bis heute nicht aktiv, wir sollten einfach mundtot gemacht werden.« Die Cotts sprechen von einer personenbezogenen Kampagne. »Die herbeigeführte Trennung ist strategisch Blödsinn und wirft die Grünen um Jahre zurück. Das Gute ist: Die Gängelung, die wir erlebt haben, ist nun endlich vorbei«, betont Joachim Cott.

Arno Remmers ist Fraktionschef

Und so liegt hinter den Grünen ein Abend, der unfassbar viel zerschlagenes Porzellan zutage gefördert hat, das zumindest mittelfristig nicht zu kitten ist. Arno Remmers (70), seit 1956 Büdinger und unter anderem elf Jahre dort als Hausarzt aktiv, übernimmt den Fraktionsvorsitz der Grünen 2.0. Er agiert im Parlament mit dem Technischen Beamten Uwe Knecht (54). Den Lorbacher, der seit 2007 in der Kernstadt lebt, kennen die Büdinger unter anderem aufgrund seines Engagements im Bündnis für Demokratie und Vielfalt. Sie kehrten der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen den Rücken. Die wiederum repräsentieren fortan Joachim Cott, seit 1994 Stadtverordneter, und seine Frau, seit 15 Jahren dabei. Die beiden betreiben einen Verlag, haben mit der Geschichtswerkstatt unter anderem Bücher zur Historie ihrer Wahlheimat herausgebracht.

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