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Gruppe hilft, wenn das Familienbild zerbricht

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Wenn die Rollen neu zugeordnet werden, ist das oft schmerzhaft. Der Verein Tangiert berät Frauen, deren Partner sich plötzlich zur Homosexualität bekennen. © pv

Sind es zu romantische Vorstellungen von der lebenslangen Liebe? Während eines Treffens der Selbsthilfegruppe Tangiert sprechen Frauen über ihre Männer, die sich plötzlich als schwul outen.

Was die Frauen der Selbsthilfegruppe Tangiert verbindet? Ihre Partner sind homosexuelle Beziehungen eingegangen. Die Mitglieder der Gruppe treffen sich neuerdings in Nidda.

Bei einigen Mitgliedern liegt das schon Jahre zurück. Die junge Frau steckt mitten drin in der Krise. Sie hat nach Monaten der Ungewissheit durch einen nicht gelöschten Chat ihres Mannes im Netz entdeckt, dass er einen Liebhaber hat.

Für ihn schien das ein Befreiungsschlag zu sein: »Ja, ich bin schwul, ich weiß jetzt erst richtig, was Leidenschaft ist.« Für den Mann steht fest, dass er mit dem neuen Liebhaber zusammenziehen will.

Was aber soll aus seiner Frau, aus den beiden vierjährigen Zwillingen werden? Das Ehepaar hat erst vor zwei Jahren ein Haus gekauft, es ist noch viel abzuzahlen. Mit den beiden Kindern kann die junge Frau nur halbtags arbeiten. Als pharmazeutisch-technische Assistentin in einer Apotheke verdient sie nicht besonders gut. Und wieder beginnt sie zu weinen: »Die Zukunft der Familie ist meinem Mann anscheinend egal. Er sieht jetzt nur sein junges Glück. Ich glaube, er hätte es am liebsten, wenn die Kinder und ich einfach verschwinden. Wir sind nur noch Störfaktoren für ihn!«

Coming-dahinter statt Coming-out

Die Hälfte aller homosexuellen Männer seien verheiratet oder lebten in Partnerschaft mit einer heterosexuellen Frau. Statistiken sprechen von einer von zehn Paarbeziehungen. »Coming-out« wird das erste, offene Bekenntnis zur eigenen Homosexualität genannt. »Es ist eher ein Coming-Dahinter als ein Coming-out. Meist war die Frau durch plötzliche Distanz und teilweise starke Veränderungen ihres Mannes schon gewarnt, wollte es aber oft nicht glauben«, sagt die Leiterin der Gruppe, die Deutschamerikanerin Sharon Rieck, die selbst Betroffene ist. Zum Teil wollten die Männer die heterosexuelle Partnerschaft auch fortsetzen, wenngleich zu ihren eigenen Bedingungen, heißt es in einem Info-Flyer von Tangiert. Das stelle die Frauen vor schwierige Entscheidungen: »Bin ich bereit, mich einer solchen ›indirekten« Dreierbeziehung anzupassen?«

Von völliger Perspektivlosigkeit nach dem Coming-out des Mannes können auch andere Frauen in der Gruppe berichten: »Ich war damals auf Ground Zero und musste für mich und die Kinder ein ganz neues Leben aufbauen«, erzählt Rieck. »Gemeinschaft hilft. Wir können in unserer Selbsthilfegruppe über Dinge reden, die Nichtbetroffene überhaupt nicht verstehen«.

Aus diesem Bedürfnis heraus wurde 1992 in Köln Tangiert als ehrenamtlich organisierte Selbsthilfegruppe gegründet, im Rhein-Main-Gebiet dann 1998. Inzwischen ist Nidda der Treffpunkt geworden und die Gruppe wird in organisatorischen Dingen von der Selbsthilfekontaktstelle des Wetteraukreises unterstützt. Verschwiegenheit nach außen ist selbstverständlich. Als größere Informationsplattform für Frauen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es eine streng abgeschirmte Facebook-Gruppe. »Ich nehme jede Woche im Schnitt ein, zwei neue Frauen in diese Chatgruppe auf«, sagt Sharon Rieck. Tangiert bietet betroffenen Frauen persönliche Beratung per Telefon, E-Mail, in direktem Gespräch oder in der Gruppe an, auf Wunsch können sie dabei anonym bleiben.

Das vertraute Tangiert-Netzwerk ist ein Gegengewicht zur Isolation betroffener Frauen in Bekanntenkreis und Familie. Nicht immer reagieren Nahestehende einfühlsam und solidarisch. Es können dumme Bemerkungen kommen (»Sei froh, dass es keine Frau ist«), sogar Schuldzuweisungen (»Du hast ihn zu viel allein gelassen«).

Männer finden während ihres Coming-out schnell Rückhalt in homosexuellen Netzwerken. Verlassene Frauen haben es dagegen schwerer.

Sharon Rieck: »Wer von uns in Krisensituationen Unterstützung sucht, bekommt sie auch. Wir versuchen aber nie, eigene Vorstellungen anderen Frauen aufzuzwingen. In spontanen Kontakten wie Telefonaten und Besuchen geben wir einander Nähe. Manche Frauen stecken in so tiefen Krisen, dass sie psychotherapeutische Hilfe brauchen. Wir halten unsere Selbsthilfegruppe für eine andersartige, aber gleichwertige Bewältigungshilfe. Wir lernen gerade deshalb voneinander, weil wir in unterschiedlichen Phasen leben.«

Mut zu neuen Lebensmodellen

Bei Tangiert ermutigen sich die Frauen gegenseitig, neue Lebensmodelle zu entwickeln, die an den individuellen Bedürfnissen orientiert sind.

Wer als Betroffene Kontakt mit der Selbsthilfegruppe aufnehmen will, kann das per E-Mail an info@tangiert.de tun. Noch mehr Infos gibt es unter www.tangiert.de.

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