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Helden wider Willen: Edgar M. Böhlke würdigt Swing-Jugend in der Nazi-Zeit

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Gedenken an die Opfer des NS-Terrors: Am Mahnmal legt auch Edgar Böhlke eine Rose nieder. © Elfriede Maresch

Die oppositionelle Jugend-Subkultur im NS-Staat stand im Mittelpunkt von Frankfurts jährlicher Gedenkstunde zur Erinnerung an den deutschen Widerstand. Mit dabei auch Edgar M. Böhlke.

Es war eine kluge, das Motto der Gedenkstunde vertiefende Themensetzung: zum einen der repressive Druck des Dritten Reiches bis hinein ins Privatleben, zum anderen das Phänomen der Musik als Raum für Individualität, als »Chance des vorpolitischen Widerstandes«.

Zudem ergab sich eine kleine Hommage an Emil Mangelsdorff, Frankfurts großen Jazz-Saxofonisten, in seiner Jugend als Teil der Swing-Szene den Repressionen der Nazis ausgesetzt. Mit Rezitationen war auch der in Burkhards beheimatete Schauspieler Edgar M. Böhlke beteiligt.

Mit dem Jazz Standard »Exactly like you« spielten Thilo Wagner (Klavier) und Jean Philipp Waldle (Kontrabass) die Gedenkstunde ein, beschlossen sie mit »Blues forever«. »Die Swing-Jugend: Helden wider Willen« hatte der Musikwissenschaftler Dr. Jürgen Schwab als Titel seines Vortrags gewählt.

Abstand zum Drill in HJ und BDM

Karierte, weite Anzüge, Mäntel, Regenschirme, Pomade im Haar, brennendes Interesse am Jazz mit dem Idol Benny Goodman war das Markenzeichen der Jugendcliquen, die sich während des Dritten Reiches vor allem in Hamburg, Berlin und Frankfurt bildeten. Die Mädchen schminkten sich, rauchten, stimmten mit dem Ideal der »künftigen deutschen Mutter« so gar nicht überein.

Zunächst sei es ihnen um kulturelle Selbstbestimmung, um Lust an Musik und Tanz, um Abgrenzung zum ungeliebten Drill in HJ und BDM gegangen, meinte der Musikwissenschaftler und stellte sehr lebendig das »Harlem am Main« und seine Protagonisten dar.

Aber das »Undeutsche« ihrer Musik, die vielen Anglizismen in der Umgangssprache, die lässige Lebensfreude im Gegensatz zur geforderten Strammheit missfiel den NS-Machthabern, Swing galt als »entartet«,

Repressionen gegen die Swing-Kids begannen. Insbesondere während des Zweiten Weltkriegs wurden Hunderte von Swing-Anhängern misshandelt oder in KZs gesteckt. Schwab nannte als Beispiel Emil Mangelsdorff.

Die Gedichte, die Professor Edgar M. Böhlke, Schauspieler und lange Zeit Dozent der Theaterwissenschaften, dann vortrug, waren zugleich ein Gruß an den verstorbenen Freund Emil Mangelsdorff.

Erfolgreiche Zusammenarbeit

1974 hatte der Musiker mit dem Schauspieler Kontakt aufgenommen. Eine große Bank hatte sich an Mangelsdorff mit der Bitte um ein Jazz-Lyrikprogramm als Kulturangebot für die Mitarbeiter gewandt.

So erfolgreich war die Zusammenarbeit von Mangelsdorff-Quartett und Böhlke, dass die Künstler sich später vom Bankauftrag lösten und mit dem Programm quer durch die Republik tourten.

Böhlke begann mit dem Gedicht Hans Erich Nossacks »Zur Nacht«, wo die Metaphern »Schlaf und Trägheit« für den ausgebliebenen Widerstand standen. Trotz Wegducken - die Repressionen des Systems trafen jeden: »Diese Nacht werde ich nicht schlafen, selber schreien…«

Böhlke ist nicht nur Schauspieler, sondern auch leidenschaftliche Spurensucher in der Literatur vieler Länder und Epochen. In der Anthologie »Der Fiedler vom Ghetto« fand er beeindruckende jiddische Gedichte. Dramatisch sprach Böhlke Mordechai Gebirtigs Ballade »Unser Städel brennt«, erschütternder noch das leisere »Gehabt hab ich ein Heim, ein kleines Stückel Raum…« desselben Dichters.

»Ein bissel Wirtschaft wie für arme Leut«, aber dennoch der Ort der Lieder, der Freunde. Dann plötzlich Krieg, Fremdherrschaft: »Mit Feindschaft, Hass und Tod, so kamen sie - für sie war’s nur ein Spiel.« Die Überlebenden aber sind »gejagt mit Frau und Kind wie Vögel ohne Nest«.

Atmosphäre beindruckt

»An die Kommenden« richtete sich das Gedicht von Schmuel Jankew Imber. Mit dem »Friedenslied« von Pablo Neruda, von Bertolt Brecht bearbeitet, beschloss Böhlke seine Rezitation. Die Zuhörer hatten sich der dichten Atmosphäre seines Sprechens nicht entziehen können.

Beim Niederlegen von Rosen am Mahnmal im Außenbereich erinnerte Rolf Heinemann (Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora in der BRD) an wenig beachtete Formen des Widerstandes, etwa dem der Roma und Sinti.

FOTO: MARESCH

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