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Hilfe per App für Unentschlossene

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Von: Myriam Lenz

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NIDDA/BERLIN - Mit einer neuen App möchten Arbnor Raci aus Nidda und seine Kollegen in Berlin Berufseinsteigern aus der Orientierungslosigkeit helfen. Psychologische Analysen sollen den richtigen Weg in die Arbeitswelt weisen. Im Interview mit dem Kreis-Anzeiger erklärt Arbnor Raci, was es mit der App Aivy auf sich hat.

Herr Raci, für die Entwicklung der App Aivy sind Sie Anfang 2019 von Nidda nach Berlin gezogen. Was benötigten Sie für Ihr berufliches Ziel?

Neben der Idee benötigt es natürlich das richtige Team zur Umsetzung und die entsprechende Unterstützung. All das war bei Aivy gegeben, weshalb ich gerne die Chance ergriffen habe. Angesprochen wurde ich von David Biller, mit dem ich vorher schon viele Projekte umgesetzt hatte. Nun arbeite ich zusammen mit meinen Mitgründern daran, Aivy immer besser zu machen. Wir werden dabei von der Freien Universität Berlin, dem Bundeswirtschaftsministerium und der Europäischen Union gefördert und sind seit diesem Herbst mit unserer App für Android und iOS verfügbar.

Ziel der App ist es, den passenden Job zu finden. Wie waren Ihre eigenen Erfahrungen bei der Berufswahl?

Als Jugendlicher war mir erst einmal nicht klar, was ich später werden wollte. Ich besuchte die Hauptschule, dann die Realschule und später die Fachoberschule in Nidda mit dem Schwerpunkt Informatik. Bei der Berufsberatung erhielt ich verschiedene Ratschläge, hatte aber nicht das Gefühl gehabt, dass gezielt auf meine Stärken und Schwächen eingegangen wurde. Mit der Zeit habe ich selbst herausgefunden, dass die Informatik zu mir passt und dann in Gießen mein Studium begonnen.

Wie kam es zur Entwicklung der App Aivy?

Aus unseren eigenen Biografien und unserem Umfeld kennen wir das Problem der Unsicherheit bei der Berufs- und Stellenwahl. Meine Co-Founder Boas Bamberger und Florian Dyballa haben als Psychologen das Problem im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeiten beleuchtet. So kam die Idee, eine Auswahl zu schaffen, die spielerisch Potenziale erkennt. Mit diesem Wissen kann man eine bessere Orientierung sicherstellen. Wichtig ist uns dabei, dass Aivy für Nutzer kostenlos und wissenschaftlich validiert ist.

Was kann Aivy?

Wir verpacken psychologische Eignungsdiagnostik in ansprechende Minispiele, die wir "Challenges" nennen. Wir geben unseren Nutzern dann Rückmeldung über ihre individuellen Stärken und Fähigkeiten und errechnen anhand der Ergebnisse passende Berufsvorschläge. Jedes Spiel kann in mehreren Runden absolviert werden und dauert jeweils nur zwei bis drei Minuten. Wir decken damit die Bereiche Interessen, Fähigkeiten, Kompetenzen und Persönlichkeit ab. Man kann Aivy also jederzeit flexibel nutzen, im Bus oder auf der Couch. Neun von zehn Nutzern fanden in unseren Studien diese Art der Berufsorientierung ansprechender als bisherige Verfahren. Derzeit sind zehn Minispiele beziehungsweise Challenges im Einsatz, weitere werden entwickelt. Je mehr Spiele absolviert werden, desto genauer ist das Ergebnis. Darüber hinaus beziehen wir reale Daten zu Arbeitserfolg und -zufriedenheit in das Matching ein und können so bessere Vorschläge ermitteln als die Standardverfahren innerhalb der Psychologie.

Welches ist Ihre Zielgruppe?

Den größten Bedarf haben junge Menschen vor dem Einstieg in das Berufsleben. Das sind jährlich rund 2,5 Millionen Menschen. Diese stehen für uns zunächst im Fokus. Perspektivisch wollen wir aber auch jenen Erwerbstätigen mit Aivy helfen, die in ihrem Beruf unglücklich sind. Das betrifft laut Umfragen jeden dritten Angestellten in Deutschland, also über 14 Millionen Menschen.

Bei Berufsberatungsgesprächen sitzt ein geschulter Berater vor einem und schätzt den Bewerber persönlich ein. Wie läuft diese Individualisierung per App?

Der Berufsberater ist in seinen Möglichkeiten oftmals begrenzt, er hat nicht die Instrumente, in einem Gespräch valide diagnostische Daten zu erheben. Was ich besonders gut kann oder mir Spaß bereitet, wird meist nicht strukturiert erfasst und auch der Erfolg der Beratung langfristig nicht erhoben, um den Prozess zu optimieren. Diese Probleme räumen wir aus dem Weg. Wir wollen die individuellen Potenziale eines Menschen in den Vordergrund rücken, was eine Diskriminierung auf Grund von Alter, Geschlecht oder Herkunft vermeidet und so auch für mehr Chancengleichheit bei der späteren Personalauswahl sorgt. Für diesen Ansatz wurden wir erst kürzlich mit dem European Youth Award ausgezeichnet.

Was steht im Ranking der Wunsch-Berufe an erster Stelle?

Das werden wir zum Jahresende auswerten. Bis dahin wird die App noch weiterentwickelt. Im Dezember erscheint die neue Version und Aivy wird aktiv vermarktet.

Welche Verbindung haben Sie heute noch zu Nidda?

Meine Familie wohnt in Nidda. Daher bin ich alle vier Wochen in meiner alten Heimat. Wir wollen zudem mit weiteren Pilotschulen direkt in der Berufsberatung zusammenarbeiten und hoffen auf eine solche Kooperation mit der Berufsschule in Nidda.

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