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Hindenburgstraße in Nidda: Schall und Rauch ist der Name nicht

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Kein Alleinstellungsmerkmal: Wie hier in Nidda sind viele Straßen in Deutschland nach Hindenburg benannt. © Myriam Lenz

In Nidda heißt ein Teil der B 457 Hindenburgstraße. Laut Rolf Hartmann aus Bad Salzhausen ist es höchste Zeit für eine Umbenennung. Er hat auch einen Vorschlag für den neuen Namen..

Von A wie Aichtal in Baden-Württemberg bis Z wie Zwiesel im Bayerischen Wald. Hindenburgstraßen sind in Deutschland beileibe keine Seltenheit. Der Name des letzten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Paul von Hindenburg (1847 bis 1934), ist vor 1945 offenbar gerne genommen worden, um ihn mit Straßen, Wegen oder Plätzen zu ehren. Und in den allermeisten Fällen hat sich daran bis heute nichts geändert. Mehr als 300 sind es noch.

Auch in der Stadt am Fluss ist eine Straße nach ihm benannt. In Nidda heißt ein Teil der B 457 Hindenburgstraße. Wer von Norden aus Richtung Harb kommt, ist auf einer der Hauptverkehrsachsen der Stadt unterwegs. Von oben bis runter zum Kreisel am Lumos-Kino ist es die Hindenburgstraße. Geht es nach Rolf Hartmann aus Bad Salzhausen, ist es höchste Zeit, dass sich das ändert. Mit seinem Ansinnen wird eine grundsätzliche Frage aufgeworfen: Ist es richtig, mit dem Wissensstand von jetzt, diesen Namen weiterhin zu verwenden? Rolf Hartmann hat sich an den Niddaer Magistrat gewandt. In einem Schreiben von Ende Februar bittet er darum, zu prüfen, die Hindenburgstraße in der Kernstadt in Johannes-Pistorius-Straße umzubenennen.

Hartmann hat eine Stimme, die vielfach gehört wird. Der frühere Rechtsanwalt und Notar ist im Privatleben Vorsitzender der Synode des evangelischen Dekanats Büdinger Land und zweiter Vorsitzender des Vereins Oberhessen. Er ist der Überzeugung, dass die Person des Paul von Hindenburg »mit verschiedenen Ereignissen« verknüpft ist, die nicht geeignet sind, sie mit einer Straße zu ehren. »Zunächst war von Hindenburg Generalfeldmarschall und führte während des Ersten Weltkrieges die Oberste Heeresleitung. Diese übte in den Jahren 1916 bis 1918 de facto diktatorisch die Regierungsgewalt aus. Er war in seiner Funktion als Oberbefehlshaber verantwortlich für die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges und die Verhinderung eines Verständigungsfriedens. Er ist auch verantwortlich für die sogenannte Dolchstoßlegende, wonach Deutschland den Ersten Weltkrieg nicht auf dem Schlachtfeld verloren habe, sondern durch die Demokraten der Novemberrevolution. Besonders gravierend ist jedoch, dass er am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler berufen hatte. Damit legte er den Grundstein für das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte«, schreibt Rolf Hartmann.

Schon der verstorbene Stadtverordnetenvorsteher Dr. Wolfgang Knoche habe sich vehement für die Umbenennung der Hindenburgstraße eingesetzt, ruft der Bad Salzhausener in Erinnerung. »Damals wurden technische Probleme vorgeschoben.« Mittlerweile hätten einige Städte und Gemeinden damit begonnen, Straßennamen zu überprüfen. »Dabei wurden in vielen Kommunen Straßen, die an Hindenburg erinnern, umbenannt.« Hartmann zählt da Trier und Hannover auf, die im vergangenen Jahr einen Schlussstrich unter den Namen Hindenburg gezogen haben. Zu nennen ist hier auch Darmstadt. Dort hat es aber über Jahre hinweg Diskussionen und Auseinandersetzungen gegeben, wie mit der Hindenburgstraße zu verfahren ist.

Hinweis auf Pistorius fehlt

»Während in Nidda mit Hindenburg eine problematische Person geehrt wird, fehlt ein Hinweis auf einen der bedeutendsten Söhne unserer Stadt, nämlich Johannes Pistorius«, findet Rolf Hartmann. Es habe schon einmal den Vorschlag gegeben, Nidda den Zusatz »Johannes-Pistorius-Stadt« zu geben, »was leider gescheitert ist«. Hier biete es sich an, dass die Hindenburgstraße in Johannes-Pistorius-Straße umbenannt wird. Johannes Pistorius der Ältere ist 1504 in Nidda geboren und 1583 in Nidda gestorben. Er war bedeutender Reformator und Superintendent der Diözese Alsfeld in Hessen. »Während des Stadtjubiläums wurde auf seine Bedeutung für Nidda ausführlich hingewiesen«, unterstreicht Hartmann. Leider sei es dabei geblieben. Bis auf das Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde erinnere heute nichts an diesen bedeutenden Niddaer. »Ich hoffe, dass sich der Magistrat seiner Verantwortung für die geschichtliche Einordnung des Paul von Hindenburg bewusst ist und meinen Vorschlag positiv prüft«, schließt Hartmann.

Geprüft hat ihn der Magistrat, wie Bürgermeister Hans-Peter Seum (parteilos) im Gespräch mit dieser Zeitung sagt. Bewusst wolle man es sich aber nicht einfach machen, sondern einen Diskurs auf breiter Basis führen, statt nur über Für oder Wider abzustimmen. Laut Seum hat sich nicht nur Rolf Hartmann für eine Umbenennung der Straße ausgesprochen, sondern auch der Niddaer Lothar Schelenz, das frühere Vorstandsmitglied im SPD-Ortsverein.

Eine Arbeitsgruppe soll eingesetzt werden, kündigt der Bürgermeister an. Eingebunden werden soll hier Yalcin Can von der Koordinierungs- und Fachstelle »Demokratie Leben«. Auch Reinhard Pfnorr, Vorsitzender des Vereins Heimatmuseum, sollte nach Meinung Seums dazu gehören. Vorstellbar wären überdies Vertreter von Kirche und Schulen.

Gibt es weitere Problemfälle?

Diese Arbeitsgruppe soll ihr Augenmerk nicht nur auf die Hindenburgstraße und die geschichtliche Einordnung des Namensgebers legen, sondern in der ganzen Großgemeinde ähnlich problematische Straßennamen, so denn vorhanden, bewerten. Wie damit umzugehen sei, sollte als Vorschlag ausgearbeitet werden, über den dann das Stadtparlament zu befinden hätte. Seum verspricht sich dadurch einen intensiven Meinungsbildungsprozess, an dem am Ende nicht nur einige wenige beteiligt sind. Heißt: eine Konsenslösung, die nicht spaltet. Statt umbenennen oder alles belassen wie es ist, wäre womöglich eine Alternative nach Bad Tölzer Vorbild auch für Nidda ein gangbarer Weg, bringt Seum eine denkbare Variante ins Spiel. Die Oberbayern haben es bei ihrer Hindenburgstraße belassen. Sie haben ihr aber eine Stele zur Seite gestellt, die einen Erklärungstext zu der umstrittenen Person trägt.

Und was sagt Rolf Hartmann zum Plan, sich nicht nur mit der Hindenburgstraße auseinanderzusetzen, sondern weitere Straßennamen einzubeziehen in eine kritische Gesamtbetrachtung? »Ich weiß gar nicht, ob es da überhaupt noch welche gibt.« VON HOLGER SAUER

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