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Hoffen auf den Energieschub

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Kai Könnecke, Dieter Koch, Helmut und Birgit Jung vom Arbeitskreis Nahwärme Wallernhausen hoffen auf Bewegung für das Projekt. FOTO: LENZ © Myriam Lenz

Seit knapp zehn Jahren bemüht sich ein Arbeitskreis in Wallernhausen um ein Nahwärmenetz im Dorf. An der Argumentation hat sich bis heute wenig geändert. Durch die bundesweit verzweifelte Suche nach alternativen Energien erfährt dieses Projekt eine ungeahnte Aktualität. Wird das Vorhaben wieder an Fahrt aufnehmen?

Es war 2013, als sich einige Wallernhäuser Bürger trafen, um über ein Nahwärmenetz zu sprechen. Also ein Heizhaus, das mit Holzhackschnitzeln betrieben wird, und ein Leitungsnetz, das die gewonnene Energie direkt in die einzelnen Häusern liefert. »Die Idee war, dass kein Haushalt mehr eine eigene Heizungsanlage benötigt, die Bürger weniger Arbeit und Kosten haben.« Das heißt: Deutlich geringere Energiekosten, keine hohen Investitionen, Wartung, Schornsteinfegerkosten und Rücklagen. Es bedeutet auch mehr Platz im Haus, da der Heizungsraum nicht mehr gebraucht wird, und eine Aufwertung der Immobilie.

Holz aus der Region, das Geld bleibt hier

Die ökologischen Komponenten hatten ebenfalls Gewicht. »Wir wollten weg von fossilen Energieträgern. Das Holz für die Nahwärme kommt in der Regel aus der Region, das Geld würde auch hier bleiben«, sagt Kai Könnecke, Ortsvorsteher von Wallernhausen und Mitglied des »Arbeitskreises Nahwärme für Wallernhausen«. Und ein wenig politisch wurde die Diskussion dann auch, erzählt er von den Anfängen. Denn als Teilnehmer eines Nahwärmenetzes würde man kein Öl oder Gas aus irgendwelchen zweifelhaften Quellen beziehen.

Gemeinsam mit Birgit und Helmut Jung sowie Dieter Koch als Vertreter des harten Kerns sitzt Könnecke im Hof der Neuen Dorfmitte. Sie tauschen Argumente aus, diskutieren. Es wird klar, an der Plausibilität ihrer Gründe hat sich in den vergangenen Jahren wenig geändert. Im Gegenteil: Gestiegene Energiekosten und die Klimaschutzziele sind täglich und öffentlich in aller Munde. Bedeutet das die lange herbeigesehnte Wende für das Projekt? Denn das Vorhaben stockt.

Etwa 120 Vorverträge hatten die Mitglieder des Arbeitskreises vor circa drei Jahren in etlichen Beratungsgesprächen für die Ovag Energie AG gesammelt. In Wallernhausen gibt es kein öffentliches Gasnetz. Und so war es kein Wunder, dass viele Bürger schon damals bekundeten, ihre Ölheizung ohnehin ersetzen zu wollen. Als einmalige Anschlusskosten wurden vor zwei Jahren etwa 3000 Euro genannt. Dafür bekäme der Hausbesitzer einen 1:1-Ersatz der bestehenden Heizungsanlage, sagt Könnecke. »Die Technik liefert genügend Energie, um die Bezieher zu 100 Prozent zu versorgen.«

Doch die 120 Vorverträge waren nicht genug, die Ovag sprang ab, ein anderer Betreiber ebenfalls.

Die Wallernhäuser halten die Federführung der Stadt, die wiederum einen Betreiber beauftragen könnte, für die sauberste Lösung. Helmut Jung begründet das damit, dass die Förderungsmöglichkeiten für eine Kommune wesentlich besser seien. Und die Stadt hätte ebenfalls Vorteile: Sie könnte auch die öffentlichen Gebäude, wie Dorfgemeinschaftshaus, Feuerwehrgerätehaus, die Dorfmitte, sogar auch das geplante Neubaugebiet und anderes daran anschließen.

Wie stark die Stadt mit ihren Liegenschaften von der Steigerung der Energiekosten betroffen ist, hatte Marcus Stadler, Fraktionsvorsitzender der Grünen, während der jüngsten Stadtverordnetenversammlung im Rahmen eines Antrags aufgeschlüsselt. In der Summe, so errechnete er, belaufen sich die veranschlagten Energiekosten in diesem Jahr ohne die Straßenbeleuchtung auf circa 1,15 Millionen Euro. Berücksichtige man die aktuellen Preissteigerungen würde man mit mindestens 1,55 Millionen Euro rechnen müssen.

Hoffen auf die Ausschusssitzung

Da die Ausgaben über die Anschlüsse refinanziert werden könnten, sei die Nahwärme nach ihren Kalkulationen wahrscheinlich haushaltsneutral möglich. Jung: »Wir hoffen auf die nächste Ausschusssitzung, um eine klare Antwort auf die Frage zu erhalten, wie ein städtisches Nahwärmenetz in Wallernhausen umgesetzt werden kann«.

Diese Klärung hatten die Grünen in der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung im Januar 2021 beantragt. Ohne eine genaue Projektion sei eine erneute Akquise sinnlos, sagt Könnecke.

Dieter Koch spricht noch eine ganz andere Komponente, die soziale, an. Bei verschiedenen Bürgern im Dorf - wie vermutlich in anderen Orten auch - gingen schon Ängste um, dass sich die Familien das Heizmaterial im Herbst nicht mehr leisten können.

»Die Bürger wissen nicht, mit welchen Kosten sie rechnen müssen«, sagt auch Marcus Stadler. Nahwärme würde 30 Jahre Energiesicherheit bedeuten, sagt Stadler. »Es macht mich ein wenig sprachlos, wie wir den Leuten hinterherrennen müssen. Die Argumente liegen auf der Hand.«

Die Pläne für das Rohrleitungsnetz und ein Heizhaus auf einem städtischen Gelände beim Angelteich bestehen. Der Standort sei nicht fix, das System an vielen Stellen dynamisch, erklärt Könnecke.

Wie die Ovag das heute sieht, interessiert die Mitglieder des Arbeitskreises sehr. Auf eine Anfrage dieser Zeitung erinnert Dr. Hans-Peter Frank, Prokurist der Ovag, dass trotz des erheblichen personellen und finanziellen Aufwandes für ein »solides Fundament für die verbindlichen Wärmeanschlüsse« das Angebot nicht in dem erforderlichen Umfang von den Wallernhäusern genutzt wurde, »… sodass sich eine Wirtschaftlichkeit nicht darstellen ließ und wir das Projekt auf Hold stellen mussten«.

Mindestanzahl ist nicht allen bekannt

Die Ovag erwarte von den Wallernhäusern und der Kommune eindeutige Bekenntnisse, bringt Frank zum Ausdruck. Sofern zudem die bekannte Mindestanschlussquote durch eine örtlich getragene Akquise erreicht werde, würden sie für Gespräche über eine mögliche Weiterführung des Projektes weiterhin offen sein.

Die Frage dieser Zeitung, wie viele Haushalte notwendig sind, um eine Rentabilität zu erreichen, bleibt unbeantwortet. Auch den Mitgliedern des Arbeitskreises ist die genaue Anzahl nicht bekannt.

Auf die Expertise einer Fachfirma, die mit dem Beschluss des Niddaers Parlaments im Januar 2021 in Auftrag gegeben werden sollte, warten sie noch heute.

Die Hoffnung, dass dies in der nächsten Sitzung des Ausschusses für nachhaltige Stadtentwicklung am 31. Mai geschieht, wird sich nicht erfüllen. Nach Auskunft des Bauamts liegen die Ergebnisse der Firma noch nicht vor.

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