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Holz mit Geschichte: Aus knorrig wird schön

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Die beiden Lehrerkollegen Reinhard Pfnorr (l.) und Hartmut Reuther, in der Mitte die Skulptur »Bildung«, von einer Buchrolle inspiriert. © Maresch

»Fundstücke - Kunststücke« ist der Titel einer neu eröffneten Ausstellung im Heimatmuseum Nidda mit Skulpturen des Künstlers Hartmut Reuther.

Fundstücke - Kunststücke« lautet die neue Ausstellung im Heimatmuseum Nidda, die kürzlich eröffnet wurde. Der Künstler Hartmut Reuther hat ein Faible für Holz, das jedes in seiner eigenen Form und durch seine spezielle Verwendung eine besondere Vergangenheit hat. Aus dieser formt er Neues.

Von 1978 bis 2013 war Reuther Lehrkraft für Sport und Kunst zunächst in Frankfurt, dann am Gymnasium Nidda. So konnte Museumsleiter Reinhard Pfnorr, damals Kollege des Künstlers, neben Mitgliedern des Trägervereins Heimatmuseum Nidda auch ehemalige Schüler begrüßen. Sehr persönlich erinnerte Pfnorr an Reuthers Tätigkeit am Gymnasium: »Dein Ziel war, Jugendlichen über handwerklich-kreatives Tun Freude und Verständnis für Kunst zu vermitteln.« Neben der Lehrtätigkeit liefen Reuthers künstlerische Aktivitäten weiter. Er holte sich Impulse bei einem Fernstudium Gebrauchsgrafik der Studiengemeinschaft Darmstadt und stellte in Laubach, Gießen, Mainz sowie dem ökumenischen Kirchentag München aus. Eine neue Perspektive habe sich für Reuther geöffnet, als er mit seiner Frau ein historisches Fachwerkhaus in Niddas Innenstadt kaufte und renovierte. Pfnorr: »Du hast ein intensives Gespür für den Werkstoff Holz, für die speziellen Bearbeitungstechniken entwickelt.« Aus Gespür sei Spürsinn geworden: Reuther suchte seinen Werkstoff auf Baustellen, etwa bei der Sanierung von Niddas Dreigiebelhaus, aber auch in der Natur. Er kombinierte Holz mit Michelnauer Lavatuff, stellte Skulpturen auf Sockel aus Vogelsberger Basalt und verwandte Schiffstaue, Eisenbänder und mehr. Inzwischen gestaltet er auch Gebrauchsgegenstände aus dem Bereich Wohndesign. »Das Prozesshafte Deines Schaffens wird auch durch die subjektiv gewählten Titel unterstrichen, eine Anregung für jeden Betrachter, eigene Deutungen zu finden«, schloss Pfnorr.

Er bedauerte, dass pandemiebedingt die Gäste nicht mit Snacks und Getränken bewirtet werden konnten. Aber Reuther hatte vorgesorgt, sich seiner zweiten Leidenschaft, dem Kochen und Backen hingegeben und so bekam jeder Besucher ein verpacktes Giveaway in die Hand gedrückt, ein Muffin mit Schokolade-Pfefferminz-Geschmack.

Das zweite Leben eines Balkens

Snoopy, der Hund aus der Peanuts-Serie, ebenfalls in Reuthers Werkstatt entstanden, bewacht gewissermaßen als Schirmherr den Ausstellungsraum im Museum. Eichenholz ist ein bevorzugter Werkstoff Reuthers und es ist faszinierend, wie die Form der Skulpturen und die Oberflächengestaltung zu einem Ganzen zusammenfließen. So beim »zweiten Leben« des Balkenabschnitts aus dem Dreigiebelhaus. Eine Holzstele verjüngt sich zur Mitte, ist dort von einem derben Tau umschnürt, verbreitert sich wieder nach unten. Längsfurchen lassen das harte Holz wie gefaltet, zusammengepresst erscheinen, bezeichnenderweise hat die Skulptur den Titel »Eingeschnürt«.

Ganz anders ein Wurzelholztisch auf Metallfüßen, völlig bizarr in der Form, mit Buckeln und Höhlungen, wie sich die Wurzeln durch harten Grund arbeiten mussten. Reuther hat ihn mehrfach abgeschliffen, die Oberfläche immer wieder mit Bootslack überzogen. So heben sich die Maserungen des Holzes hervor, das Gebilde wirkt fast elegant.

Engel tauchen oft in Reuthers Schaffen auf, vielleicht am faszinierendsten bei zwei Flügelwesen, die aus einer verleimten Stele aus Eichen-Fichtenholz herauswachsen. Ihr Titel: »Wir sind alle Engel mit nur einem Flügel. Um zu fliegen, müssen wir uns umarmen.«

Mit Verspieltheit hat Reuther keine Berührungsprobleme. Skurril ist seine »Spaßvogel«-Gruppe, noch gesteigert durch einen frechen Geflügelten mit Goldkrönchen, der auf einem schönen Schrank aus Museumsbeständen hockt. Sein Name: Zaunkönig.

Erlös des Exponates wird gespendet

»Hilflos« heißt eine überlange Figur mit bittend nach oben gestreckten Händen. Sie ist verkäuflich, der Erlös fließt dem Ukraine-Projekt »Hessen hilft« zu. »Fundstücke - Kunststücke« werden bis zum Internationalen Museumstag am 15. Mai im Heimatmuseum gezeigt. Die Öffnungszeiten sind dienstags, donnerstags und sonntags 15 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung.

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