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Jahrelange Sanierung unter Extrembedingungen

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Von: Bernd Klühs

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In einem Musterraum im Badehaus 5 erläutern Sina Vorbach, Frank Thielmann und Melanie Hampl (v. l.), wie die Wandgestaltung so weit wie möglich dem historischen Vorbild angepasst wird. © Nicole Merz

Wie aufwendig die Sanierung des Bad Nauheimer Sprudelhofs tatsächlich ist, zeigt sich erst im Laufe der Arbeiten. Die über 100 Jahre alten Materialien warten immer wieder mit Überraschungen auf.

Der Zuhörer will es sich nicht vorstellen, was Sina Vorbach, Gesamtprojektleiterin der Sprudelhof-Sanierung, erzählt: Mit Schutzanzügen bekleidete Arbeiter mussten durch kleine, kreisrunde Öffnungen in finstere Solebehälter kriechen, um dort in gebückter Haltung über etliche Stunden per Hand radioaktiven Schlamm von den Wänden zu kratzen. Kaum zumutbar und doch notwendig, um 4 der 16 historischen Behälter im Badehaus 2 des Bad Nauheimer Sprudelhofs für die Nachwelt erhalten zu können.

Diese Vorgabe hat die Denkmalschutzbehörde dem Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen (LBIH) gemacht - eine von vielen, die bei Sanierung und Umbau des europaweit einmaligen Jugendstil-Ensembles zu beachten sind. Hinzu kommen Umweltauflagen. Seit dem Start des Projekts in den Badehäusern 2 und 5 vor einem knappen Jahr sind die beauftragten Firmen nämlich vorwiegend in den Kellern tätig. Dort und in den Behälterräumen wird der radioaktive Schlamm entfernt, der von Sole-Ablagerungen stammt.

»Allein aus dem Behälterraum des Badehauses 2 sind gusseiserne Rohrleitungen mit einem Gesamtgewicht von 120 bis 150 Tonnen ausgebaut worden. Jedes einzelne Stück muss beprobt werden. Je nach Kontaminierungsgrad kann es recycelt oder muss auf einer Sondermüll-Deponie entsorgt werden«, beschreibt LBIH-Mitarbeiterin Vorbach das aufwendige Vorgehen.

Mauer abtragen und wieder aufbauen

Die Behälterräume der zwei Badehäuser werden abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Damit schweres Gerät zu dem Bauwerk gelangen kann, musste neben dem Badehaus 5 eine Mauer abgetragen werden. Am Ende wird sie mit Originalsteinen wieder aufgebaut. In diesem Badehaus wird die Sanierung inzwischen parallel im Keller und Erdgeschoss vorangetrieben. Denn der LBIH steht unter Zeitdruck: Im August will die Theodora-Konitzky-Pflegeakademie einziehen. »Bis dahin wird die komplette Instandsetzung nicht abgeschlossen sein, aber genügend Räume werden zur Verfügung stehen«, sagt LBIH-Projektmanagerin Melanie Hampl.

Wie sie erläutert, müssen in vielen ehemaligen Badezellen Wände entfernt werden, um größere Räume zu schaffen. Aus drei Ex-Zellen wird nach Aussage von Frank Thielmann (Geschäftsführer Stiftung Sprudelhof) ein Demoraum, in dem angehende Schwestern und Pfleger an einem Krankenbett lernen können. Trotzdem bleibt im Badehaus alles recht kleinteilig. Im Neubau entstehen dagegen zwei große Klassenzimmer.

Wenn Wände mit speziellem Rauputz dem Original möglichst weit angenähert oder Stahlträger vorübergehend eingezogen werden, um den Absturz von Decken zu verhindern, wird der riesige Arbeitsaufwand deutlich. Manch historische Decke ist nicht mehr zu retten, muss ersetzt werden. Noch extremer wird der Zeitaufwand im Badehaus 2, wo der LBIH aber deutlich mehr Zeit hat. Auch an diesem Badehaus wird ein Neubau errichtet, der die Sauna der Therme aufnimmt. Durch eine gläserne Wand blicken Besucher dann auf alte Solebehälter.

Gesamtkosten: Keine Prognose

Besonders anspruchsvoll sind aber die Arbeiten in den alten Badezellen, die künftig für Therapie und Wellness genutzt werden. Im Gegensatz zum Badehaus 5 gibt es in der Zwei nämlich jede Menge Original-Jugendstil-Fliesen, die erhalten werden. Die meisten müssen entfernt und in einem Spezialverfahren wieder angebracht werden. »Dabei zerbrechen etwa 25 Prozent der Fliesen. Die verbleibende Menge reicht aber zur Wandverkleidung aus, weil ja manche Zwischenwände verschwinden«, erklärt Thielmann.

Bevor das Projekt Badehaus 2 abgeschlossen ist, möchte der LBIH mit der Sanierung des Badehauses 7 starten. Alle übrigen Sprudelhof-Gebäude werden folgen. Zudem stehen vermutlich 2023 die Bohrung einer neuen Solequelle und die Restaurierung der Einfassung des Großen Sprudels an. Thielmann: »Der Sprudelhof wird als Baustelle wohl fünf, sechs Jahre geschlossen bleiben.« Bezüglich der Gesamtkosten wagen weder er noch Vorbach und Hampl eine Prognose. Vor etlichen Jahren war von 55 Millionen Euro die Rede, die das Land in die Anlage investieren muss. Nur eines ist klar: Am Ende wird es deutlich mehr sein.

Termine mehrfach verschoben

Enorme Schwierigkeiten waren bei der Restaurierung des Jugendstil-Juwels Sprudelhof von Anfang an zu erwarten. Als die verkrusteten Sole-Ablagerungen in Kellern und Behälterräumen analysiert waren und die radioaktive Kontamination feststand, spitzte sich die Situation jedoch zu. Im Herbst 2020 erreichte Stadt und Gesundheitszentrum Wetterau (GZW) die Nachricht von einer erneuten Änderung des vorgesehen Zeitplans. Ursprünglich sollte das Badehaus 2, das Wellness und Therapie der Therme beinhalten wird, zeitgleich mit dem Neubau im September 2023 fertig sein. Tatsächlich wird es ein Jahr länger dauern. Bis zur Übergabe im September 2024 wird die Sauna des neuen Thermalbads wohl in Containern angeboten werden müssen.

Das GZW möchte zusammen mit der Kerckhoff-Klinik den Pflege-Nachwuchs in der neuen Theodora-Konitzky-Akademie ausbilden. Vor Jahren war das Badehaus 5 als Standort auserkoren worden. Denn die jetzige Schule am Hochwald leidet seit geraumer Zeit unter Platzmangel. Optimisten hatten den Umzugstermin zu Beginn für Herbst 2020 angegeben. Damals war allerdings nicht mal von einem Sanierungsstart die Rede. Als der nächste Fertigstellungstermin, August 2021, ebenfalls nicht zu halten war, kamen vom GZW lautstarke Beschwerden. Jetzt ist der Einzug für August 2022 schriftlich vereinbart. Auch die Bohrung des neuen Sprudels wird immer wieder verschoben. Neuster Termin ist 2023 - allerdings versehen mit einem Fragezeichen.

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