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Jeder kann einer Täuschung erliegen: Büdinger Präventionstag richtet sich an Senioren

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Büdingens Erste Stadträtin Katja Euler und Christian Gerhardt, seit zweieinhalb Jahren als Schutzmann vor Ort in der ehemaligen Kreisstadt aktiv, sprechen im Interview unter anderem über die Sicherheitslage der Stadt. © Anja Carina Stevens

Senioren sind häufig Opfer vom Enkeltrick und von Schockanrufen, in denen angebliche Verwandte oder Polizisten Geld brauchen. Nun lädt die Stadt Büdingen zum Präventionstag ein. Ein Interview dazu.

Seit 2018 nimmt die Stadt Büdingen an der Sicherheitsinitiative des hessischen Innenministeriums Kompass (Kommunal-Programm-Sicherheitssiegel) teil. Ziel des Programms ist es, die Sicherheitslage in Kommunen weiterzuentwickeln und Lösungen für bestehende Probleme zu etablieren. Dabei steht die Prävention im Fokus. 2022 erhielt die Stadt für ihr Engagement rund um die Sicherheit das Kompass-Sicherheitssiegel. Über Opfer und Täter, etwaige städtische Problembereiche und Möglichkeiten zur Vorbeugung hat diese Zeitung mit der Ersten Stadträtin Katja Euler sowie mit Christian Gerhardt, dem Schutzmann vor Ort in der ehemaligen Kreisstadt, gesprochen.

Welche Ziele verfolgt die Stadt Büdingen mit dem Präventionstag?

Gerhardt: Die primäre Intention der Polizei ist die Aufklärung in Sachen Betrug den Senioren gegenüber. Hier stehen insbesondere der Enkeltrick und Schockanrufe im Fokus, bei denen angebliche Verwandte oder Polizisten Geld fordern. Des Weiteren werden verschiedene Kooperationspartner Vorträge halten und versuchen, Verbesserungen im Alltag herbeizuführen: Ein Optiker wird kostenlos Augentests anbieten, ein Akustiker gratis Hörtests und eine Fahrschule wird beraten, wenn jemand beim Autofahren unsicher ist oder länger nicht mehr hinter dem Steuer saß.

Euler: Vor allem unsere älteren Mitbürger müssen dahingehend sensibilisiert werden, sich nicht in falscher Sicherheit zu wiegen und zu begreifen, dass wirklich jeder einer Täuschung erliegen kann. Neben dem Schwerpunkt auf Gewalt fassen wir den Begriff der Prävention weiter, da dieser viele Gesichter hat. Generell geht es um Vorsorgemöglichkeiten, die man treffen kann: von Brandschutzmaßnahmen bis hin zur Unfallverhütung. Dieser Gedanke erstreckt sich auf alle Bereiche, in denen eine vorsorgliche Betrachtung eine spätere Behandlung oder Reparatur verhindern kann.

Welche Art von Täter betrügt Senioren auf diese Weise?

Gerhardt: Das Täterbild lässt sich schlecht beschreiben, da wir leider häufig erst dann ins Spiel kommen, wenn die Leute schon geschädigt sind. In der Regel sitzen irgendwo im Ausland Call-Center-Mitarbeiter, die in Telefonbüchern gezielt nach alt wirkenden Namen suchen und dann anrufen. Unser erster Angriffspunkt liegt bei der Person, die als Bote fungiert und das Geld in Empfang nimmt.

Frau Euler, wie kamen Sie auf die Idee, einen solchen Präventionstag zu organsieren?

Euler: Als ich vor einem Jahr mein Amt als Erste Stadträtin antrat, übernahm ich auch automatisch den Vorsitz im Präventionsrat. Dieser ist gegründet worden zur Gewaltprävention und Beseitigung von Angsträumen in der Stadt. Vergangenes Jahr erhielt die Stadt Büdingen das Kompass-Sicherheitssiegel vom Land Hessen. Das Siegel steht für eine Verbesserung der Sicherheitslage und des Sicherheitsgefühls vor Ort. Der Impuls, als Präventionsrat einen Präventionstag für Senioren durchzuführen, kam von Herrn Gerhardt. Diese Idee haben wir gerne aufgenommen. Auch machen wir uns Gedanken um die Verkehrssicherheit, insbesondere in der Bismarckstraße. Die Straße ist schmal und viele Anwohner, Busfahrer und Fußgänger empfinden diesen Bereich als gefährlich.

Wie könnte man die dortige Situation entschärfen?

Euler: Dies ist ein Thema, mit dem wir uns beschäftigen, bei dem wir aber als Präventionsrat nichts bewirken können. Aber auch solche Themen werden in diesem Gremium besprochen und wir machen uns Gedanken um die Sicherheit und Probleme der Menschen, vom Verkehr bedrängt zu sein. Weitere Anliegen sind beispielsweise Sauberkeit in der Stadt und Drogenprävention. Aus dieser Vielfalt an Themen greifen wir diejenigen auf, bei denen wir etwas machen können.

Herr Gerhardt, wie sind Sie zum Schutzmann in Büdingen geworden?

Gerhardt: Als die mittelhessische Polizei nach einem Schutzmann vor Ort für Büdingen suchte, bekundete ich mein Interesse. Zu dieser Zeit war ich bei der Büdinger Polizei vor allem für die Bekämpfung von Gewaltdelikten und Jugendkriminalität zuständig. Außerdem hatte ich bereits das nötige dienstliche Netzwerk, das man für diese Funktion braucht. Als Schutzmann bin ich sowohl zu Fuß, mit dem Rad als auch mit dem Auto unterwegs und sorge für die nötige Präsenz. Meine Hauptaufgabe besteht darin, dass Gewalt erst gar nicht entsteht.

Welches dieser Fortbewegungsmittel bevorzugen Sie und warum?

Gerhardt: Gerade das Fahrrad ist ein gutes Einsatzmittel, weil die Hemmschwelle der Bürger, mich anzusprechen, deutlich niedriger ist. Gleichzeitig bin in dadurch in meinem Aktionsradius nicht großartig eingeschränkt. Zu Fuß ist das anders. Im Fahrzeug hingegen fährt man oft nur vorbei und verliert sich wieder. Auf dem Fahrrad dagegen kann man bei auftauchenden Fragen sofort stehen bleiben und entsprechend reagieren. Im vergangenen Jahr legte ich über 1000 Kilometer mit dem Dienstrad zurück.

Der Büdinger Bahnhof und die Emil-Diemer-Anlage haben viele Bürger als »Problembereiche« identifiziert. Wie bewerten Sie die Situation dort?

Gerhardt: Seit 2018 hat die Stadt viel getan, um das Sicherheitsgefühl in der Emil-Diemer-Anlage zu verbessern: Hecken wurden zurückgeschnitten, frei einsehbare Sitzmöglichkeiten geschaffen, bauliche Veränderungen durchgeführt und Lichtquellen eingesetzt. Seitdem sind die Fallzahlen gesunken und das subjektive Sicherheitsgefühl der Einwohner hat sich verbessert. Gäbe es ein größeres Problem, hätte man dort in der Vergangenheit eine Videoanlage installieren dürfen.

Gilt das auch für den Büdinger Bahnhof?

Euler: Die Stadt befasst sich generell mit sogenannten Angsträumen. Allerdings können wir nur dort etwas bewirken, wo die Stadt auch Eigentümerin ist. Das Bahnhofsgebäude ist im Privatbesitz und die Gleisanlage steht im Eigentum der Bahn. Aus diesem Grund hoffen wir auf eine künftige Kooperation mit der Bahn mithilfe der Initiative Kompass-Bahnhof.

Anträge zur Videoüberwachung sind in der Vergangenheit abgelehnt worden. Gibt es - abgesehen von Fallzahlen - noch andere Gründe für die Anbringung einer Videoüberwachung?

Gerhardt: Die Anzahl der Straftaten allein ist kein Grund, um eine Überwachung mittels Videos abzulehnen oder zu befürworten. Hier muss im Einzelfall geschaut werden, welche Grundrechte der Bürger durch die Überwachung geschützt und welche eingeschränkt werden. Zudem ist abzuwägen, ob die Maßnahme verhältnismäßig ist. Die Videoüberwachung wurde seinerzeit von unserem Datenschutzbeauftragten abgelehnt.

Bundesweit beklagen manche Menschen eine erhöhte Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen. Können Sie diese Entwicklung in Büdingen bestätigen oder dementieren?

Euler: Ich weiß nicht, ob man das so verallgemeinern kann. Bis vor einem Jahr war ich in der Schule tätig und da hätte ich glattweg nein gesagt. Ich denke, was sich insgesamt - sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen - verändert hat, ist die Bereitschaft zu verbaler Gewalt. Jemand ärgert sich über etwas und anstatt kurz in sich zu gehen, wird der Unmut schon veröffentlicht. Insofern ist der nötige Filter nicht vorhanden. Ich glaube, dass ist durchaus etwas, wo die Jugend glaubt, dass das in Ordnung zu sein scheint.

Manche Stimmen fordern eine Herabsetzung der Strafmündigkeit von 14 auf 12 Jahren. Was halten Sie davon und was kann man abseits dieser Forderung tun?

Gerhardt: Ob das Strafrecht angepasst werden muss oder nicht, kann ich nicht sagen. Fest steht, dass wir weiter Aufklärung betreiben müssen und dass diese - bezogen auf das Alter - früher stattfinden sollte, da viele Kinder und Jugendliche heute weiter sind. Eine frühere Kriminalisierung beseitigt nicht die Ursachen. Auch vor diesem Hintergrund ist Prävention der Anfang.

Der Büdinger Präventionstag hat dieses Jahr seine Premiere. Ist eine Fortsetzung geplant?

Euler: Ja. Wenn es so weit ist, werden wir überlegen, worauf wir den Fokus legen wollen, welche Zielgruppe angesprochen werden soll und wie breit wir das Programm aufstellen möchten. Prävention ist eine große Überschrift und hört nie auf. Nächstes Jahr könnten zum Beispiel Familien, die Jugend oder Hausbesitzer im Zentrum stehen.

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