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Der Baumsachverständige Thomas Sinn begutachtet im Auftrag der Stadt Karben mehrere tausend Bäume. Diese Kopfweide am Spielplatz in Klein-Karben ist vom Pilz befallen, ein Teil des Stammes ist hohl. Vorerst kann sie stehen bleiben, empfiehlt Sinn. 

Fast 3800 Stadtbäume begutachtet

So schlecht steht es um die Bäume in Karben

Wie gesund oder krank sind die Bäume im Karbener Stadtgebiet? Wann reicht ein Rückschnitt und wann muss ein Baum gefällt werden? Diese und andere Fragen beantwortet der Baumsachverständige Thomas Sinn im Auftrag der Stadt. Wie er bei der jährlichen Baumkontrolle vorgeht, erläutert er am Spielplatz in Klein-Karben

Karben - Mit einem Werkzeug klopft Thomas Sinn an den Stamm. "Das klingt nicht gut", sagt er. Die Geräusche sprechen eine deutliche Sprache: Teile des Stamms sind hohl. Und zwar vor allem dort, wo schon von außen sichtbar ist, dass etwas nicht in Ordnung ist. Denn immer wenn an einem Baumstamm Pilze wuchern, sind die Abwehrkräfte erlahmt, weiß der Experte, der als Gutachter für die Stadt Karben unterwegs ist und die Bäume auf ihren Zustand hin untersucht. "Pilze zersetzen die Holzmasse", gibt Sinn der alten Kopfweide am Klein-Karbener Spielplatz hinter den KSV-Sportanlagen keine großen Überlebenschancen mehr. "In einigen Jahren wird diese Weide hier nicht mehr stehen", ist sich der Diplom-Ingenieur sicher.

In dem Baumkataster, das seine Frau Patricia führt, ist die Weide mit der Note 4-5 bewertet. Die Sinns bewerten alle exakt 3766 Bäume im Stadtgebiet. Dabei begutachten sie aber nur die Bäume im öffentlichen Raum, an Wegen, Straßen und Plätzen. "Die Bäume im Wald gehören nicht dazu." Und auch die ganz jungen Bäume werden nicht geprüft.

Jährlich prüfen die Sinns und ein weiterer Mitarbeiter des Niddataler Büros die Bäume in der Stadt, einmal übrigens belaubt, im Folgejahr in unbelaubtem Zustand.

Auf allen Stämmen gibt es Nummern. So kann Patricia Sinn genau Buch führen darüber, welcher Baum wann geprüft worden und in welchem Zustand er ist. "Das geht bei uns wie nach Schulnoten", sagt Thomas Sinn. "Bäume mit einer sechs sind tot."

Esche im Jukuz muss weg

"Sind sie umsturzgefährdet, müssen sie gefällt werden, wenn sie an öffentlichen Wegen und Straßen und Plätzen stehen und Menschen gefährden könnten." Die sogenannte Verkehrssicherungspflicht ist ein ganz großes Thema bei der Baumbegutachtung. "Denn schließlich haftet die Stadt, wenn ein Baum einen Schaden anrichtet oder einen Menschen gefährdet", informiert der Leiter des Fachdienstes Stadtplanung, Bauen, Verkehr, Heiko Heinzel. Deshalb habe man, nachdem der Gutachter den schlechten Zustand des Baumes bestätigt hatte, die Kopfweide gegenüber dem Rathaus "auf den Stock setzen müssen". Dies sei vielleicht "ein wenig zu radikal passiert", sagt Heinzel, sei dennoch aber geboten gewesen.

Umsturzgefährdete Bäume wird Experte Sinn in seiner Liste noch an anderen Stellen in der Stadt notieren. Eine Esche auf dem Bolzplatz des Jugendkulturzentrum etwa wird gleichfalls dran glauben müssen, Brut- und Setzzeit hin oder her. "Denn bei Gefahr im Verzuge haben wir nur 14 Tage Zeit zu handeln", informieren Heinzel und Sinn. Der Fachdienstleiter betont allerdings: "Die Baumfällung erfolgt nur, wenn nichts mehr geht." Sprich: Die Stadt versucht erst einmal, die Bäume zu erhalten, auch wenn der Sachverständige Mängel feststellt. Hier wird der große Baum am Eingang des Groß-Karbener Friedhofs als Beispiel genannt. "Den haben wir saniert."

Die Kronen sind wichtig

Was genau bedeutet das aber? Thomas Sinn sagt, dass dabei vor allem das Totholz entfernt werde. Oft bilde sich das in der Krone und müsse entfernt werden. Bei einem Sturm könnten tote Äste abbrechen und auf Passanten oder spielende Kinder fallen. Sinn hat bei der Analyse der Bäume ein Fernglas dabei, um genau zu schauen, wie die Kronen aussehen. Die seien bei Sturm dem meisten Druck ausgesetzt.

Dafür werde bei einigen Bäumen auch die Standsicherheit mittels eines Neigungs- und Dehnungsmessers analysiert. Mit Seilen und einem Gerät werde simuliert, ob der Baum noch Windstärke 8 aushalte. Sei dies der Fall, werde der Baum als standsicher vermerkt. Solch eine Prüfung habe man den Baum am Friedhofseingang unterzogen. Demnächst wird der Niddataler Baumsachverständige der Stadt den Bericht über die mittlerweile abgeschlossene Begutachtung der rund 3800 Karbener Stadtbäume zusenden. Heinzel weiß, wie es dann weitergeht: "Wir erstellen mit dem Bauhof eine Prioritätenliste, und danach schauen wir, ob wir noch eine externe Firma hinzuziehen müssen." Wieviele Exemplare dann gefällt werden müssen, entscheidet sich nach deren Standsicherheit und dem Standort. Eines steht aber schon fest: Die Note 6 hat der Niddataler Experte 48 Mal vergeben.

Info:

Wie die Standsicherheit getestet wird Als im März fast zehn Tage hintereinander starker Wind bis sogar Sturm herrschte, waren die Bäume starken Lasten ausgesetzt. Damit der Baumexperte feststellen kann, bis zu welcher Windstärke ein Baum stehen bleibt, gibt es einen speziellen Test. Auf der Homepage des Niddataler Büros Sinn, www.baumstatik. de, wird das Verfahren beschrieben. Dabei werde eine sogenannte Kippgrenze bestimmt, also der Frage nachgegangen, ab welcher Last der Baum kippen würde. Dazu werde der Baum über Zugseile in mehreren Schritten belastet. Spezielle Messgeräte erfassen dann das Neigungsverhalten des Wurzel-Erde-Verbundes – im elastischen Bereich, verletzungsfrei, wie es dort heißt. Aus dem Neigungsverhalten lasse sich erkennen, ab welcher Zuglast bzw. Windlast der Wurzel-Erde-Verbund nachgeben, der Baum also kippen, würde.

von Holger Pegelow

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