Legendäre Geschichte

Mit der „Alten Tante JU“ über die Bürger hinweg gesegelt

Als an einem sonnigen Tag im Jahr 1935 siebzehn junge Männer mit dem legendären Flugzeug „Alte Tante JU 52“ zu einem Rundflug über Karben starten, ist die Freude groß: Beim Flug über den Ort jubeln die Kinder und manch einer denkt gar, der Kirchturm wird mitgerissen. Für die Rossmarktbrüder war der Flug eine Mutprobe. Fast alle Männer kannte Rainer Züsch noch, der im Degenfeld’schen Schloss einen Vortrag hielt.

Der Rundflug, der insgesamt nur siebzehn Minuten dauerte, so Rainer Züsch, gehörte zweifelsohne zu einem der Höhepunkte der Burschenschaft, die sich 1927 gegründet hatte. Sie bestand aus einem lockeren Bund junger Männer, der sich gerne zum Reden, Singen und dem ein oder anderen Schoppen in ihrem Stammlokal in der Rendeler Gaststätte „Frankfurter Hof“, später „Rendeler Hof“ traf. Politisch sei es dort nie zugegangen, erzählt das Klein-Kärber Urgestein Züsch. Die jungen Burschen kamen aus der Landwirtschaft, dem Handel und der Arbeiterschaft.

In einer dieser geselligen Runden habe man beschlossen, sich Klein-Karben mal von oben anzusehen und einen Rundflug zu organisieren. Damals so Züsch, sei der Preis von fünf Reichsmark pro Person ein kleines Vermögen gewesen.

Daher hätten auch nicht alle mitfliegen können, sondern nur siebzehn, die den Preis aufbringen konnten. Vom Rebstockgelände in Frankfurt aus, sei man dann in der legendären dreimotorigen „alten Tante JU 52“ mit 220 Kilometern pro Stunde über Klein-Karben geflogen. Charakteristisch für das Passagierflugzeug war sein Wellblechrumpf. Auf der Landebahn in Frankfurt hat ein Lautsprecher die Passagiere aus Klein-Karben am 16. Juni 1935 zum Sonderflug aufgerufen. Sie sollten sich über eine Rolltreppe in die Maschine begeben.

„Als die Männer ihre Namen hörten, waren sie natürlich stolz und glücklich“, sagt Züsch. Der Spaß in der Kabine sei damals riesig gewesen und es seien Witze und Sprüche über Mut und Angst gerissen worden. Walter Trabandt, der sehr an Technik interessiert war, beobachtete den Piloten und ließ sich auch etwas erklären.

Während der Fluges, berichtet der Mundart-Redner Züsch, sei überliefert, dass die Brüder Flugzettel über Karben abgeworfen haben, auf denen ein paar Grußworte an die Bevölkerung standen. Durch die dröhnenden Motorengeräusche seien alle Kärber nach draußen gerannt, um sich das Spektakel anzusehen und den Brüdern von unten zuzuwinken. Heinrich Schuch, damals „Hanjer“ genannt, hat das Erlebnis später in einem humoristischen Gedicht zusammengefasst. Den Großteil der Infos für seinen Vortrag hat Züsch von Horst Krause bekommen, einem der Söhne der Rossmarktbrüder. Diese trafen sich Anfang der 1960er-Jahre noch einmal im Gasthof „Rendeler Hof“, um über alte Zeiten zu reden.

Beim Vortrag von Rainer Züsch war auch der Sohn von Friedrich Meiß, damals „Mobbi“ genannt, einem der Rossmarktbrüder dabei. Von seinem Vater habe er als Kind die Geschichte des Rundflugs gehört. Sie sei in der ganzen Wetterau bekannt gewesen. „Für ihn war das eine riesige Sache und sicherlich ein Höhepunkt in seinem Leben“, erzählt Reinhold Meiß. Er selbst sei schon mal in einem kleinen Flugzeug mitgeflogen und kann die Situation nachempfinden. „Es war sehr wacklig“, erinnert er sich.

Veranstaltungen im Schloss

Der Karbener Geschichtsverein bietet im Degenfeld’schen Schloß, Westliche Ringstraße 2, in Groß-Karben, an den Sonntagen, 6. und 13. Mai, je von 14 bis 17 Uhr Veranstaltungen an: Am 6. dreht sich alles um landwirtschaftliche Maschinen, am 13. findet der Internationale Museumstag mit Aktionen statt. Informationen gibt es unter www.ka rbenergeschichtsverein.de.

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