Projekt des Berufsbildungswerks

Arbeiten hilft beim Ankommen

Sprache, Kultur, aber eben auch eine feste Arbeit: All das sind wichtige Bausteine, wenn es um die Integration Geflüchteter geht. Das Projekt „Orientieren – Qualifizieren – Integrieren“ vereint all diese Bausteine. Die ersten Auszubildenden sind bereits in den Betrieben angekommen.

Konzentriert blickt Mojtaba Nazari auf die Maschine. Es sind wenige Handgriffe, und schon dreht sich der Zylinder rasant. Die Bearbeitung des Metalls kann beginnen. Es sind Handgriffe, die für den 28-Jährigen noch neu sind: Seit Herbst macht Nazari seine Ausbildung zum CNC-Dreher beim Schönecker Unternehmen Gemota.

Wie für jeden anderen Auszubildenden gibt es da allerhand Neues zu lernen – doch für den gebürtigen Iraner kommen neben den neuen Handgriffen auch neue Vokabeln hinzu. „Natürlich muss ich Fachwörter manchmal noch nachschlagen“, erklärt Nazari in gutem Deutsch. „Aber ohne Fleiß kein Preis“, sagt er und grinst.

Auch am Abend greift er deshalb noch zum Wörterbuch, oder er fragt Kollegen nach Rat. „Ich habe sehr nette Kollegen, die mir immer helfen“, sagt er zufrieden. Allzu viele Fragen tauchen im Alltag auch gar nicht auf. Denn auf die Ausbildung vorbereitet hat Nazari das Projekt „Orientieren – Qualifizieren – Integrieren“, kurz OQI. Im Oktober ist die dritte Gruppe des Projekts des Berufsbildungswerks (BBW) Südhessen gestartet (diese Zeitung berichtete).

Rund zwei Jahre nach dem Start ist die Bilanz positiv: Allein aus der letzten Gruppe sind vier der neun Teilnehmer in einer Ausbildung, vier in einem Arbeitsverhältnis, ein Teilnehmer arbeitet aktuell noch an der Sprachqualifikation.

Fast zu perfekt

Die Qualifikation war es, die Gemota-Geschäftsführer Horst Cerv auf Nazari aufmerksam gemacht hat. „Wir haben im vergangenen Jahr rund 70 Bewerbungen gesichtet“, erklärt er – ohne Erfolg. Seine Firma baut Getriebe und Motoren, die Arbeit ist höchst handwerklich: So werden an den firmeneigenen Produktionsmaschinen etwa Zahnräder eigens hergestellt. „Wir suchen Fachkräfte“, betont Cerv.

Als nach dem eigentlichen Bewerbungsschluss – Cerv rechnete schon damit, 2017 keinen Azubi einzustellen – das Schreiben des Iraners in die Firma flatterte, war er überrascht. „Sie war fast ein wenig zu perfekt“, sagt er heute mit einem Lächeln. Nach einem Praktikum hat er sich entschieden, Nazari als Auszubildenden einzustellen. Für den Chef war dabei auch wichtig zu wissen, dass das BBW mit im Boot ist. Denn weil Nazaris Ausbildung einen Monat nach dem offiziellen Ausbildungsstart am 1. August begann, war allerhand Kommunikation mit BBW, Industrie- und Handelskammer sowie der Berufsschule nötig.

„Auch ohne solche Abstimmungen ist es für viele Unternehmen wichtig zu wissen, dass wir die Ausbildung begleiten“, meint Bernhard Witzlau, Bereichsleiter beim BBW. Denn OQI bereitet nicht nur auf den Schritt ins Arbeitsleben vor: Die BBW-Ansprechpartner helfen auch im seltenen Fall von Kommunikationsproblemen oder Abstimmungsfragen nach dem Ausbildungsstart.

Kontakte zu Firmen

Die Hauptarbeit fällt jedoch in der Vorbereitung an: Neben Sprache und Kultur steht auch das gezielte Bewerbungstraining auf dem Programm. „Wir üben etwa das Bewerbungsgespräch im Rollenspiel“, erzählt BBW-Projektmitarbeiter Mohamad Shekho aus der täglichen Arbeit. „Und wir überarbeiten die Bewerbung gemeinsam.“

Ziel ist es dabei immer, die Teilnehmer zur Eigenständigkeit zu motivieren. So hat das BBW zwar zahlreiche Kontakte zu Firmen, im Idealfall sollen die Teilnehmer aber selbst ihre Stelle suchen. So wie Nazari: Er ist beim Googeln auf Gemota gestoßen. „Weil ich schon im Iran handwerklich gearbeitet habe, hat mich das sehr interessiert.“

Mehr Infos zur Situation der Flüchtlinge in der Region gibt’s auch online.

Diese Eigeninitiative sei auch im Sinne der Nachhaltigkeit, betont BBW-Sprecherin Elke Beeck. Denn OQI will nicht nur kurzfristig in den Arbeitsmarkt vermitteln, sondern langfristig eine Perspektive bereiten.

Dass OQI dabei hilft, ist auch dem Karbener Engagement zu verdanken, betont Charlotte Grell von der Fachstelle Jugendarbeit des Wetteraukreises. Mit insgesamt rund 115 000 Euro unterstützt der Kreis das Projekt seit dem Start, 98 000 Euro davon sind weitergeleitete Mittel des Landes Hessen.

„Karben war sehr früh mit der Überlegung, wie Geflüchtete auch in den Arbeitsmarkt integriert werden können“, lobt Grell. Bereits 2013 habe es am Runden Tisch erste Gespräche zu möglichen Ausbildungsplätzen gegeben. Heute geht es darum, mögliche Vorbehalte bei Unternehmen abzubauen. Für Gemota-Geschäftsführer Cerv war es nie eine Frage, Nazari einzustellen. Dass er im Gegenteil 70 Bewerber ablehnen musste, zeigt für ihn, dass der Iraner die beste Qualifikation mitgebracht hat.

„Die Berufswahl ist stimmig“, meint er nach den ersten Monaten. Die Arbeit, sind er und sein Azubi sich einig, könnte so durchaus helfen, dauerhaft in Deutschland Fuß zu fassen.

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