Perspektive für Flüchtlinge

Vom Banker zum Berufsberater

Jahrzehnte hat er in einer großen Bank gearbeitet – nun setzt er sich dafür ein, Flüchtlinge in die Arbeit zu bringen. Der Bad Vilbeler Jürgen Werner ist einer von zahlreichen Flüchtlingshelfern in Karben.

Jürgen Werner kennt sich im Berufsleben aus. Er war lange Jahre im Firmenkundengeschäft der Deutschen Bank tätig, hat deutsche Mittelständler bei der Geldanlage beraten, gerechnet, analysiert, Projekte umgesetzt. Heute gibt der Bad Vilbeler sein Wissen weiter – an Flüchtlinge, die in Karben Fuß fassen wollen.

Vor zwei Jahren ist Werner in den Vorruhestand getreten. „Seither habe ich Zeit fürs Ehrenamt“, erzählt er. „Und weil das Engagement für mich keine Stadtgrenzen kennt, helfe ich als Bad Vilbeler auch in Karben.“ Durch den Vorstandsvorsitz des Trägervereins der Musikschule Bad Vilbel und Karben habe er diese ohnehin schon lange nicht mehr gespürt. Als über sein Ehrenamt in der Musikschule eines Tages der Kontakt zu Philipp von Leonhardi aufkam, fragte er schnell, was er konkret tun könne für die Flüchtlinge in der Stadt.

Zur Arbeit motiviert

„Als ich die Antwort ,Deutschkurse geben‘ bekam, habe ich erst einmal gezweifelt“, gesteht der ehemalige Banker. „Immerhin hatte ich doch gar keine pädagogische Ausbildung, habe immer mehr mit Zahlen gearbeitet.“ Dass er während Uni-Zeiten mal Tutor war, lag zu lange zurück – dachte er. Doch als er das erste Mal an der Deutschstunde einer anderen Freiwilligen teilnahm, wusste Werner: „Das kann ich auch.“

Vielleicht ist es dieses sichere Auftreten des Berufsprofis, das viele junge Flüchtlinge heute zu ihm aufschauen lässt. Aus den anfänglichen Deutschkursen hat sich ein festes Engagement entwickelt, und heute kennt ihn jeder in der Flüchtlingsunterkunft Am Spitzacker – rund 140 Flüchtlinge leben dort. Werner koordiniert den Bereich „Arbeit“ der Flüchtlingshilfe – und hat dabei schon einige Erfolge vorzuweisen. Im vergangenen Jahr konnten zehn Flüchtlinge für eine Schnupperwoche an das BBW vermittelt werden.

„Die jungen Männer konnten hier in verschiedene Werkstätten reinschauen und sehen, was verschiedene Berufsfelder ausmacht.“ Dass Werner meist von „jungen Männern“ spricht, hat einen einfachen Grund: Der Großteil der Flüchtlinge, die in Karben ankommen, sind jung und männlich. Die wenigen Frauen hätten zumeist wenig Bestreben, in die Arbeit zu gehen, viele haben Kinder, erklärt der Flüchtlingshelfer.

Sein Ziel ist es, vor allem die 27- bis 30-Jährigen nicht direkt in eine Arbeitsstelle – zumeist wäre das nur ein einfacher Hilfsjob –, sondern eine Ausbildung zu bringen. Es ist ein Punkt, den auch Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Agentur für Arbeit, offen kritisierte: „Wir stellen fest, dass viele Flüchtlinge möglichst schnell Geld verdienen wollen“, sagte er jüngst. „Sie wollen und müssen damit häufig ihre Angehörigen in der Heimat finanziell unterstützen, manchmal auch noch horrende Schulden an Schlepperbanden zurückzahlen.“

Laut Becker ist den Schutzsuchenden der hohe Stellenwert von beruflicher Ausbildung in Deutschland einfach nicht bewusst. Ein Problem, das auch Werner kennt: Tatsächlich sei das Konzept der Ausbildung, erklärt er, in den Herkunftsländern – die meisten seiner Schützlinge stammen aus Syrien und Eritrea – oft nicht bekannt. Doch der Berufsprofi vermittelt und erklärt ihnen, warum der unbekannte Weg der richtige sein kann.

Zehn Flüchtlinge sind heute bereits in Arbeit, vier davon in kommunalen Arbeitsplätzen – etwa beim Bauhof. Wer für die verschiedenen Wege in den Beruf geeignet ist, das bespricht Werner auch mit den Hauspaten. Sie sind im Alltag die wichtigsten Ansprechpartner für die Flüchtlinge, hören bei Sorgen zu, begleiten zum Arztbesuch, spenden Rat (die FNP berichtete). Im Gespräch zeige sich dann auch manchmal, dass es für eine Arbeitsstelle zu früh sei: „Einige Flüchtlinge sind traumatisiert“, sagt Werner. Nicht jeder sei daher sofort geeignet, vermittelt zu werden.

Aber: „Der Großteil der jungen Männer, die hier in Karben leben, ist bereit, zu arbeiten“, sagt Werner. Einer von ihnen ist Bilal Idries. Der 40-Jährige steht regelrecht in den Startlöchern. Er ist Elektriker, und er kann es kaum erwarten, in Karben zu arbeiten. Aktuell hofft er auf eine Anstellung als Hausmeister in einem Karbener Pflegeheim.

Idries kam mit seiner Frau und drei Kindern aus Damaskus nach Karben. Seit fünf Monaten ist er in Deutschland, seine Kinder gehen mittlerweile in Karbener Schulen und Kindergärten. „Mein älterer Sohn ist jetzt in der vierten Klasse und kommt bald auf die Kurt-Schumacher-Schule“, erzählt er auf Deutsch. Werner lobt sein Englisch – und wie engagiert er von Anfang an beim Deutsch lernen gewesen sei. „Das ist wirklich auffällig – im extrem positiven Sinn.“

Schöner als Damaskus

Kennengelernt haben sich Werner und Idries tatsächlich im Deutschkurs, den der Bad Vilbeler geleitet hat. Heute sind sie Verbündete: „Bilal hilft mir regelmäßig, in der Unterkunft für Deutschkurse oder Ausflüge zu werben“, sagt Werner anerkennend. „Wir sind regelmäßig per WhatsApp in Kontakt.“ Dass Familie Idries – wie Werner anerkennend betont – zu den aktivsten Asylbewerbern der Stadt gehört, ist für den Syrer eine Selbstverständlichkeit: „Mir gefällt Karben sehr gut“, sagt er. „Obwohl es im Vergleich zum großen Damaskus so klein ist. Aber es ist schön. Ich würde gerne hier bleiben.“

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