Die beiden Ausbilder des IT-Bereiches (von links) Jörg Kuhlmann und Marc Trenz mit den Auszubildenden Christian Nagel und Gennaro Brill.

Beruf

Das Berufsbildungswerk Südhessen bietet zwei neue Ausbildungsberufe in der Computerbranche

Nicht immer läuft der Weg in den Beruf nach Plan. Das Berufsbildungswerk Südhessen in Karben bietet nun auch jungen Leuten Wege, in der IT-Branche Fuß zu fassen.

Jungen Leuten steht die Welt offen. Ein guter Schulabschluss, danach Ausbildung oder Studium und ein toller Job, das ist das Wunschziel. Doch oft genug gibt es Stolpersteine unterwegs, die diesen geraden Weg ins Berufsleben verhindern. Das wissen Gennaro Brill (26) und Christian Nagel (28), zwei jungen Menschen, die jetzt im Berufsbildungswerk (Bbw) die Chance für einen Neustart ergriffen haben. Sie gehören zu den Teilnehmern des neuen und anspruchsvollen Ausbildungsbereiches Fachinformatik. Brill ist einer der ersten zwölf Teilnehmer, die den dreijährigen Ausbildungsgang Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung absolvieren. Nagel ist bereits im zweiten Ausbildungsjahr als Fachinformatiker für Systemintegration. Er beginnt demnächst sein achtwöchiges Praktikum bei einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

"Vollkostenrechnung" ist kein Fremdwort mehr für Brill, seitdem er für fiktive "User" ein Programm erstellt, mit dem Geschäftsprozesse optimiert werden sollen. Der frühere Lehramtsstudent sitzt im Seminarraum an seinem Computer und gibt Daten ein für einen Güterzug, dessen Waggons nacheinander einzeln gemessen und gewogen werden sollen. Es ist eine Übungsaufgabe im Programmieren, wie noch viele und weitaus komplexere folgen werden. Ziel der Ausbildung ist es, dass er später einmal als Fachinformatiker Programme, Websites und Apps entwickeln kann, die in der datenbasierten Welt notwendig sind. "Wir erstellen ein Programm, in dem Vertriebsarbeiter nur noch die Materialkosten und Fertigungskosten einzugeben brauchen, und schon wird automatisch das optimale Angebot ausgerechnet", sagt er.

Vorher Lehramt studiert

Die Ausbildung gefällt ihm: "Hier ist es super.". Alle würden miteinander arbeiten, und es gebe Unterstützung, wenn Probleme auftauchten. Er weiß, wovon er redet, denn an der Universität fühlte er sich allein gelassen und überfordert. Zwei Jahre hat er Lehramt auf Mathematik und Englisch studiert. "Tonnenweise Hausaufgaben und ständiger Zeitdruck", sagt er lakonisch. Brill wurde krank, verließ die Uni, kam in Reha. "Es dauerte lange, bis ich wieder arbeitsfähig war", sagt er. Eine einjährige berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme half ihm, den Weg zurück ins Berufsleben zu finden.

Passgenau war dann das Angebot des Bbw, eine Ausbildung als Fachinformatiker zu machen. Im August fing er an. Seitdem sitzt der 26-Jährige jeden Morgen pünktlich um 7.30 Uhr zum "Warm-up" im Seminarraum. "Eine halbe Stunde Zehn-Finger-Tippen", sagt Brill und grinst.

Ausbilder Marc Trenz hat ihnen das aufgegeben, damit sie als angehende Programmierer möglichst schnell lernen, die Codes einzugeben. Danach werden die aktuellen Projekte besprochen und weitergearbeitet, bis um 16.10 Uhr Schluss ist. Zweimal in der Woche ist außerdem Berufsschulunterricht. Derzeit sitzen 44 Teilnehmer in sieben Seminarräumen des IT-Bereiches.

"Die Förderbedarfe im Bbw haben sich in den vergangenen Jahren verändert. Wir sehen zunehmend junge Leute mit psychischen Erkrankungen bis hin zum Autismus-Spektrum", erklärt Valeska Falkenstein von der Öffentlichkeitsarbeit.

Anderswo unterfordert

Es habe sich gezeigt, dass diese Gruppe in den klassischen Bbw-Berufsfeldern wie Farbe, Raumgestaltung, grüne Berufe, Gastronomie, Handel oder Büro unterfordert ist. Deswegen sei das Spektrum um den IT-Bereich erweitert worden. "Fachinformatiker sind eine sehr begehrte Berufsgruppe", sagt Auszubildender Christian Nagel. Der ernsthafte junge Mann mit dem dunklen Bart hat mehrere Semester Soziologie und Philosophie studiert, bis ihn eine psychische Erkrankung aus der Bahn warf.

Zurück an die Uni wollte er nicht mehr. "Mir fehlte dort die berufliche Perspektive", bekennt er und ist den Empfehlungen des

Reha-Teams des Arbeitsamtes gefolgt, eine Ausbildung im IT-Bereich zu machen. Dies war eine richtige Entscheidung, denn mittlerweile ist er im zweiten Ausbildungsjahr, und sein Ausbilder Jörg Kuhlmann ist beeindruckt, mit welchem Engagement und Drang nach Wissen der junge Frankfurter sich mit den Themen seines Berufes auseinandersetzt.

von ANNE-ROSE DOSTALEK

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