Zeitzeugen erzählen von Ankunft als Vertriebene

Bucheckern gegen den Hunger

Viele alte Karbener wissen, wie es sich anfühlt, Flüchtling zu sein. Es war um 1945 ein Massen-Schicksal. Drei Vertriebene aus Ostpreußen und Schlesien berichteten jetzt, dass nicht alle mit offenen Armen empfangen wurden. Und dass man daraus für die Gegenwart lernen kann.

Von KLAUS NISSEN

Willi Malcharczik ist 76 Jahre alt – ein freundlicher, weißhaariger Pensionär aus Kloppenheim. Schon 1958 baute er sein Häuschen an der Taunusstraße. Er sei aber kein Ur-Karbener, erzählte Malcharczik am Freitagabend vor 50 Zuhörern im Bürgerzentrum. Er komme aus Ratibor in Oberschlesien. Heute heißt die 50 000 Menschen zählende Stadt Racibórz und gehört zur polnischen Euro-Region Silesia.

Willi Malcharczik war das dritte Kind eines katholischen Küsters, der bei Stalingrad verwundet wurde und bald starb. Seine ersten eigenen Erinnerungen setzen bei den Fliegeralarmen ein, so Malcharczik: „Wir saßen betend und zitternd im Keller.“

Die Mutter spürte, dass sie mit ihren kleinen Kindern weg musste. Im eiskalten Januar 1945 floh sie zu Fuß zunächst zur Großmutter aufs Land, dann in einem Flüchtlingstreck nach Süden zum Altvater-Gebirge. „Die Wege waren vereist, es wurde immer steiler. Die Pferde schafften es nicht mehr. Dann war für uns klein Platz mehr auf den Wagen“, berichtete Malcharczyk aus den Erzählungen seiner Mutter.

Zu Fuß ging es weiter, man schlief nachts auf Stroh in Scheunen, war Wochen später in Prag. Dann im Zug ausgerechnet nach Braunau am Inn. Manche im Publikum lachten bitter – sie wussten, dass das Hitlers Heimatort ist.

Den Sommer 1945 verbrachte die Familie bei einem Bauern in den Bergen. „Wir hatten nur ein Laib Brot pro Woche“, erzählt Willi Malcharczik. „Wir durften aber noch gelbe Rüben vom Futterhaufen holen. Die aßen wir roh.“ Die Mutter sammelte im Herbst Beeren im Wald – und tauschte sie gegen weiteres Brot.

Im Oktober 1945 wurde die Familie auch aus Österreich vertrieben. „Wir wurden mit 20 Leuten in einen Viehwaggon verladen. Manchmal hielt der Zug an und fuhr plötzlich weiter, während Menschen noch draußen ihre Notdurft verrichteten.“ Der Lokführer hatte Order, die Flüchtlinge in die „Ostzone“ zu bringen – doch er weigerte sich und lief weg. Am Ende landete man zufällig in Bad Nauheim. Malcharczik: „Die amerikanischen Soldaten rissen die Türen auf und nebelten uns erstmal mit Desinfektionsmitteln ein.“

In Wölfersheim wurde die Familie bei einer Bauernfamilie einquartiert, die sich zunächst heftig dagegen wehrte. Mutter und drei Kinder hausten sechs Jahre in einer Kammer mit zwei Betten und Kanonenofen. „Ein großes Problem war für uns die Verständigung. Wir haben zu Hause nur Hochdeutsch gesprochen“, so Malcharczyk. Den oberhessischen Dialekt der Wölfersheimer verstanden die Vertriebenen nicht.

Die Familie überlebte von 104 Mark Witwen- und Waisenrente, davon gingen 24 Mark für die Miete und die Fahrtkosten der beiden Schwestern zum Bad Nauheimer Lioba-Gymnasium ab. Er selbst durfte aus Geldmangel nicht auf die Oberschule, berichtete Malcharczyk. Später zog die Familie nach Karben, weil es in Frankfurt Arbeit gab.

Wie Willi Malcharczyk hatte es auch den gleichaltrigen Manfred Sasse an die Nidda verschlagen. Im Winter mussten die Flüchtlingskinder im Wald Bucheckern sammeln, berichtete der Klein-Kärber im Bürgerzentrum. Dafür tauschte man das Öl zum Braten und Backen ein.

Manfred Sasse war als Vierjähriger mit Geschwistern und Mutter aus dem schlesischen Gleiwitz (heute Gliwice) ins Sudetenland geflohen, landete schließlich in einer österreichischen Schulturnhalle, dann auf einem Bergbauernhof.

Im Viehwaggon wurde auch diese Familie ins Hessische deportiert. Sie hatte Glück, weil der Vater aus russischer Kriegsgefangenschaft geflohen war, in Klein-Karben zur Familie stieß und bald als Eisenbahn-Schlosser Arbeit fand. Der von ihm gebaute Schlitten „Eiserner Heinrich“ war berüchtigt, so Manfred Sasse. Der heutige Großvater erzählte am Freitag Anekdoten aus seiner glücklichen Rest-Kindheit – die Karbener Außenbezirke waren damals noch ein riesiger Abenteuerspielplatz.

Der heutige Klein-Kärber Reinhard Wortmann war bei der Flucht seiner Familie aus Ostpreußen im Januar 1945 erst zwei Jahre alt. Sein Vater hatte da ein Rittergut geleitet und führte auch den zehnwöchigen Treck von 200 Menschen mit 30 Pferdegespannen in den Westen an. Zufällig landete man in Hessen, weil der Vater 1959 Arbeit im heutigen Main-Taunus-Kreis fand.

Was lernt man aus den Fluchterfahrungen? Reinhard Wortmann engagiert sich bei der Karbener Flüchtlingshilfe, kümmert sich um Syrer und Afghanen. Millionen Menschen seien seit 1945 nach Westdeutschland geflohen – auch die neuen Flüchtlinge könne man hier integrieren.

Man müsse ihnen helfen. Und wenn die Flüchtlinge selbst „richtig in die Integration einsteigen“, dann könnten sie hier auch eine Heimat finden. Spätestens die Kinder werden es schaffen und in die Sozialkassen einzahlen – davon ist Reinhard Wortmann überzeugt.

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