Heimat-Woche der Landesregierung

Europaministerin mit Promi-Koch am Herd

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Küchentermin mit Ministerin: In Karben zeigt Volker Bouffiers Frau für Europa, Lucia Puttrich (CDU), ihre Qualitäten am Kochtopf. Der Besuch bei Starkoch Reiner Neidhart ist schließlich eine Werbeveranstaltung – in eigener Sache, aber nicht nur.

„Soll ich einfach so schneiden? So, wie ich das zuhause auch mache?“ Lucia Puttrich hat das Messer am Rand des Knochens angesetzt. Fragend schaut sie Koch Reiner Neidhart an. „Jaja“, antwortet der, „einfach drauf los.“ Beherzt schneidet die Europaministerin in den Lammrücken, löst das Filet vom Knochen ab.

Eine Ministerin beim Kochen in Karben im Restaurant „Neidharts Küche“? Das gehört sicher nicht zum gewöhnlichen Arbeitsalltag von Lucia Puttrich. Doch so langsam lockt unweigerlich der Wahlkampf, schließlich sollen die Hessen am 28. Oktober den Landtag neu besetzen. Weshalb die gesamte Landesregierung dieser Tage ausschwärmt, um dafür zu trommeln, wie sehr sie die „Heimat Hessen“ fördert. Als Bühne dafür hat sich die CDU-Ministerin aus Nidda ihre Wetterauer Heimat gewählt – die Küche von Reiner Neidhart.

„Wir sind uns schon ein paar Mal begegnet“, erklärt der Spitzenkoch. Beispielsweise, wenn Neidhart immer einmal wieder bei Festen in der hessischen Landesvertretung in Berlin am Herd steht. Neidhart sei ein gutes Beispiel dafür, wie Regionales erfolgreich vermarktet werden könne, findet die Ministerin. „Er kocht in seiner Küche mit Tradition, aber er entwickelt diese mit neuen Einflüssen weiter, so dass auch neue Zielgruppen Regionales mögen“, plaudert Lucia Puttrich.

Was für Neidhart Einladung genug ist. „Dann machen wir nun noch Knollengemüse zum Lamm“, sagt er und greift sich die Schüssel, in der unter anderem Gelbe Beete und Mohrrüben liegen. „Das hört sich nach Arbeit an“, sagt Puttrich. Neidhart lächelt und greift selbst zum Sparschäler. Im Hintergrund öffnet Norman Groh eine Flasche Apfelwein. Der junge Edelobstbrenner aus Ockstadt hat ein feines Stöffche mitgebracht, als Aperitif. Es ist der erste Geschmacksgenuss während der Küchentätigkeit der Ministerin.

Im Wetterauer Landgenuss, einem Zusammenschluss von Erzeugern und Gastronomen, arbeitet Groh seit vielen Jahren mit Neidhart zusammen. Und auch mit Thomas Etzel. Der Schäfer aus Enzheim hat den Lammrücken beigesteuert. Kaum Fett muss Lucia Puttrich vom langen Streifen dunkelroten Fleisches herunterschneiden. Das wenige aber sitzt richtig fest, die Ministerin müht sich. „Unsere Lämmer sind gut trainiert, die rennen ständig den Keltenhügel rauf und runter“, sagt Etzel und grinst.

Wie die Erzeuger aus der Wetterau über die Jahre immer erfolgreicher ihre Produkte verkaufen können, will Lucia Puttrich wissen. Dass sich eine treue Kundschaft entwickelt hat und starke Nachfrage, erfährt sie. Anfangs füllten die regionalen Produkte Nischen in den Supermarktregalen, vor allem mit den „Landmarkt“-Truhen in größeren Rewe-Märkten. Längst seien sie mit einzelnen Produkten ganz regulär gelistet, berichten der Obstbrenner wie auch der Schäfer.

Aber wenn sie schon einmal da sei, da müsse er sie doch darauf ansprechen, erklärt Reiner Neidhart: Warum spreche die CDU gerade so oft von „Heimat“? Gerade rund um die Aufstellung von Annegret Kramp-Karrenbauer als Generalsekretärin sei ihm das stark aufgefallen. „Der Begriff war früher reaktionär besetzt, jetzt aber positiv“, erklärt Lucia Puttrich, die auch die Wetterauer CDU führt.

Aber wollen sich die Christdemokraten da nicht einfach ein AfD-Thema zueigen machen? „Die AfD steht doch nicht für Heimat, sondern für Ausgrenzung“, winkt die Ministerin ab. Unter dem Stichwort Regionales habe sie schon immer für Heimat gewirkt. „Früher hat man das nicht so genannt, weil der Begriff in der Nach-68er-Zeit verpönt war.“ Die jüngeren Generationen aber gingen mit dem Begriff Heimat „wieder entspannter um, weil er nicht nationalistisch gemeint ist“. Sondern weil es auch darum gehe, Zugezogenen hierzulande eine neue Heimat zu bieten.

Das Stichwort Heimat will Puttrich also nicht kampflos hergeben – so wie wohl alle Minister bei ihrer Tour. Beim Plaudern mit Schäfer Etzel stellen die beiden fest, dass sie sich auch schon lange kennen. Vor sicher 15 Jahren, als die Ministerin noch Bürgermeisterin in Nidda war, hatte sie mit den Nachbarn aus Hungen die zarten Anfänge dessen auf den Weg gebracht, was heute als Landgenuss überaus nachhaltig für die Wetterauer Produkte wirbt.

In diesem Moment kommt Steffen Gerlach mit zwei großen Bündeln Kräutern vom Riedhof in Nieder-Erlenbach hinein. Schnittlauch, Borretsch, Pimpinelle, Kerbel, Sauerampfer, Petersilie, Kresse – Grüne Soße eben. Waschen, kleinzupfen, ab in den Mixer mit Fleischbrühe, Apfelwein, Apfelessig, Zitronensaft, Gewürzen und Eiswürfeln. Fertig ist die „Geschäumte Grüne Soße“. Reiner Neidhart richtet sie auf Scheiben von geräucherter Lachsforelle aus dem hohen Vogelsberg an.

Um die Vorspeise zu genießen, unterbricht die Ministerin ihre Küchenarbeit. „,Regionalität‘ klingt schon etwas abgedroschen“, räumt Neidhart ein. Aber das nun als „Heimat“ zu vermarkten? „Das wirkt auch ein wenig komisch“, findet er. Aber genug der Philosophie. Das Wurzelgemüse muss in essbare Form gebracht und das Lamm zum Genuss verfeinert werden. Zum Wetterauer Landgenuss eben.

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