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Die Robert-Blum-Anlage am Ortsausgang Petterweils erinnert an den Redner.

Berühmter Petterweiler

Freiheitkämpfer Norbert Blum war seiner Zeit ein gutes Stück voraus gewesen

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Es war ein Ereignis von Bedeutung weit über den Ort hinaus: Heute auf den Tag vor 170 Jahren wandte sich Robert Blum – Mitglied der Deutschen Nationalversammlung – mit der sogenannten Wiesenrede in Petterweil an das Volk.

„Deutsche Frauen und Männer!“ Mit diesen Worten habe die Rede begonnen, die Robert Blum am 9. Juli 1848 in Petterweil bei einer Versammlung an das Volk richtete. Deren Wortlaut ist nicht im Original erhalten, sondern lediglich überliefert. Die Rede wurde gehalten in einer Zeit der Unruhe, in der auch in der Wetterau zum Widerstand gegen Abgaben und Zölle aufgerufen wurde. Blum rief dabei unter anderem dazu auf, „mit Wort und Tat“ für die Freiheit und die Selbstbestimmung des Volkes zu kämpfen.

„Die Turner wurden bearbeitet, die Arbeiter, Bäckergesellen und andere, wurden aufgereizt, ihren Meistern den Gehorsam zu verweigern und (…) jenseits der Frankfurter Wartthürme (…) sogenannte ,Volksversammlungen‘ abzuhalten“, lautet der entsprechende Wortlaut im Karbener Heft 6. Johann Georg Holtzmann war zu jener Zeit Petterweils Bürgermeister; er hatte das Amt von 1825 bis 1852 inne. Robert Blum kam auf Einladung von Pfarrer Heinrich Christian Flick nach Petterweil, wo er – und weitere Redner – herzlich empfangen worden seien, erläuterte Professor Helmut Hirsch in einem Vortrag in Petterweil im Jahr 1978.

Wie der Acker, so müsse auch die Geschichte bestellt werden, habe Blum gesagt und mit solchen Metaphern gezielt die bäuerliche Gesellschaft ansprechen wollen, erläuterte Claus-Dieter Herzfeldt † vom Karbener Geschichtsverein und Herausgeber der Petterweiler Geschichtsblätter bei einer Rede in Petterweil vor neun Jahren.

Der Alltag der Menschen in Petterweil war zu dieser Zeit landwirtschaftlich geprägt. Die Einnahmen der Kommune – veröffentlicht in der sogenannten jährlichen „Rechnungslegung“ – hätten zu Beginn des 19. Jahrhunderts „aus dem Verkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse sowie der (...) Verpachtung von Äckern, Wiesen und Waldstücken“ resultiert. Damit sei die Landwirtschaft als „Lebensader des Dorfes“ amtlich bestätigt, schlussfolgerte Wilfried Forstmann, Akademischer Oberrat, in einem Referat im Jahr 2003 in Petterweil.

Professor Jan-Otmar Hesse – ein weiterer Referent und Wissenschaftler an der Universität in Frankfurt – hob hervor, dass es ein Klischee sei, anzunehmen, Schulen in früheren Zeiten hätten stets einen autoritären Erziehungsstil praktiziert. Im Gegenteil, für die Petterweiler Dorfschule macht er für die Zeit um 1830 eine geradezu „antiautoritäre“ Erziehung aus. Lehrer Johannes Weygand war zur damaligen Zeit an der Petterweiler Schule tätig.

Der Lehrerberuf sei damals gewiss kräftezehrend gewesen: Die zwei Petterweiler Klassen umfassten 1839 insgesamt 93 Schüler, die gemeinsam in einem Raum unterrichtet wurden. Oftmals hätte der Lehrer die Eltern überreden müssen, ihre Schüler zur Schule zu schicken, da diese sich das Schulgeld sparen und auf die Arbeitskraft der Kinder nicht verzichten wollten. So habe Weygand im Jahre 1844 sogar den Gerichtsdiener damit beauftragt, die Tochter des Bauern Heinrich Leichner, Margarethe, in die Schule zu holen, da im Großfürstentum Hessen-Darmstadt bereits seit 1733 die allgemeine Schulpflicht bestand.

Trotz seiner emotionalen Rede seien Blums Ziele zur damaligen Zeit nicht durchsetzbar gewesen. „Es herrschten eben andere Mehrheitsverhältnisse“, sagte Herzfeldt. Vier Monate nach seiner Rede in Petterweil, am 9. November 1848, wurde Robert Blum durch ein militärisches Standgericht in Wien zum Tod verurteilt und erschossen. Mit der Robert-Blum-Anlage – 1967 eingeweiht – erinnert die Stadt Karben an den berühmten Redner.

Auch Herzfeldt war es ein Anliegen, an Robert Blum zu erinnern. Ihm sei „die Auseinandersetzung mit Robert Blum als einem Freigeist des 19. Jahrhunderts wichtig“, hatte er im Jahr 2008 in einem Interview mit dieser Zeitung gesagt.

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