Flüchtlinge

Zu Gast bei den neuen Nachbarn

Seit vier Jahren leben Helen (28) und Habtom (27) aus Eritrea in Karben. Dass das Ehepaar mittlerweile in einer eigenen Wohnung lebt, ist für die Integration ein bedeutender Baustein. Doch allzu oft beobachten Flüchtlingspaten bei Vermietern Bedenken.

Leise rascheln die Kaffeebohnen in dem Pfännchen, das Helen Beimnet Tekle über der Gasflamme kreisen lässt. Kaffeeduft macht sich in der Wohnung breit. Das Essen hat die 28-Jährige bereits vorbereitet: Enjera, das traditionell eritreische Fladenbrot, Linsen, Spinat, Curry. „Heute kommen Gäste, das gemeinsame Essen gehört doch dazu“, erklärt Helen, während sie sich an das Mahlen des Kaffees macht.

Tatsächlich bekommen Helen und ihr Mann Habtom Semere Bahta an diesem Sonntag Besuch von Freunden. Christel und Reinhard Wortmann aus Klein-Karben kommen regelmäßig zu den beiden Flüchtlingen nach Okarben.

Seit vier Jahren leben Helen und Habtom in Karben. Das Flüchtlingshelfer-Ehepaar Wortmann haben die Flüchtlinge aus Eritrea in ihrer ersten Unterkunft im Groß-Karbener Fasanenhof kennengelernt (diese Zeitung berichtete). Heute sprechen die beiden Eritreer gut deutsch, sind voll berufstätig, und seit November wohnen sie in einer kleinen, nett eingerichteten Wohnung Am tiefen Born.

Für Habtom war das ein wichtiger Schritt. „Ich verdiene mein Geld selbst“, sagt er heute stolz. Gerade bei der eigenen Wohnung hakt es oft. „Es gibt durchaus leerstehenden Wohnraum, auch entsprechend geeignete, kleine Wohnungen“, weiß Christel Wortmann. „Doch bei vielen Vermietern kursieren leider allerhand Schreckgespenster, wenn es zum Thema Flüchtlinge kommt.“

Sie selbst hat erst jüngst wieder mit zehn Vermietern gesprochen. Doch die Bilanz ist ernüchternd. So rufe sie oft bei in Frage kommenden Objekten an, um „anzuklopfen“. „Viele sagen dann, dass die Wohnung noch frei ist. Doch wenn ich anspreche, dass ein von uns betreuter Flüchtling Interesse hat, sind die Reaktionen oft verhalten bis ablehnend.“ In den Unterkünften bildet sich dadurch eine Art Rückstau, weil bereits anerkannte Flüchtlinge die Plätze in den Gemeinschaftsunterkünften „belegen“. „Auch im Fasanenhof haben wir mehrere Flüchtlinge, die eigentlich schon in eigene Wohnungen ziehen müssten“, berichten die Karbener Eheleute. Stadt und Kreis duldeten das aktuell – weil der entsprechende Wohnraum fehle.

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Dabei zeigen Helen und Habtom, wie es gehen kann: Bereits vor zwei Jahren sind sie in ihre erste eigene Wohnung nach Rendel gezogen. Über die Jahre hat sich zum Vermieter eine wahre Freundschaft entwickelt. „Er hat bedauert, dass er wegen Eigenbedarf kündigen musste“, weiß Reinhard Wortmann. Dann haben er und seine Frau für die jungen Eheleute aus Eritrea „mitgebürgt“ – „zwar nicht finanziell, aber durch unterstützende Telefonate“, erklärt der Karbener.

Denn Wortmann weiß, dass die Flüchtlinge, für die er ein Wort einlegt, wirklich wollen: Habtom etwa hat sich bereits auf dem Fasanenhof handwerklich eingebracht. Heute arbeitet er bei der Karbener Firma Uniflex, seine Frau Helen in einem Frankfurter Catering-Betrieb.

In der Freizeit geben die beiden mittlerweile Unterstützung zurück: So engagiert sich Habtom, der in seiner Heimat Rennrad gefahren ist, in der Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge und trainiert eine Fußballmannschaft bei der KSG Groß-Karben. „Zu unseren Nachbarn haben wir bisher kaum Kontakt“, sagt Helen mit Bedauern. Die zum großen Teil internationalen Bewohner im Okarbener Mehrfamilienhaus grüßten sich zwar. „Aber wir sind ja auch beide von morgens bis abends arbeiten, da bleibt gar nicht so viel Zeit sich zu sehen.“

Umso wichtiger sei für sie der Kontakt zu anderen Flüchtlingen aus der Fasanenhof-Zeit, aber ebenso den Flüchtlingspaten. Auch Vermietern, die Bedenken haben, stehen diese zur Seite, betont Reinhard Wortmann. „Wir sind auch nach dem Einzug noch Ansprechpartner, wenn etwa Fragen zum Mietvertrag auftauchen oder es doch einmal Probleme geben sollte.“So stärken sie ihren Schützlingen weiterhin den Rücken – und sei es mit dem regelmäßigen Besuch unter Freunden.

Wohnungen dringend gesucht

Vermieter können sich bei Hans-Jürgen Thomas von der Flüchtlingshilfe melden, Telefon (0 60 39) 26 25, E-Mail ha_ma_tho@yahoo.de

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