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Hendrik Decher : Vom Floristen zum Kindergärtner

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Die Arme ausgestreckt an den Körper gepresst, die Hände zur Seite abgewinkelt. Und dann wie im Stechschritt genau einen Fuß nach dem anderen nach vorn. Ach ja: Das Wackeln mit dem Oberkörper nicht zu vergessen. So watschelt eine Handvoll Kindergartenkinder hinter einem Mann her.

Die Arme ausgestreckt an den Körper gepresst, die Hände zur Seite abgewinkelt. Und dann wie im Stechschritt genau einen Fuß nach dem anderen nach vorn. Ach ja: Das Wackeln mit dem Oberkörper nicht zu vergessen. So watschelt eine Handvoll Kindergartenkinder hinter einem Mann her.

"Na, wir sind doch Pinguine!" ruft ein Mädchen. Eine weitere Runde über den gepflasterten Weg rund um die Sandflächen auf dem Außengelände der Kita Am Breul in Klein-Karben fordern die Dreikäsehochs ein. Also geht Hendrik Decher (37) im Watschelgang voran, die Kleinen folgen ihm. Nicht jeder von ihnen kann die beiden Bewegungen perfekt koordinieren – und dabei noch die Arme am Körper und die Hände weggespreizt halten. Ganz egal: Sie haben Spaß.

Das liegt nicht nur daran, dass die Sonne an diesem Herbsttag so wunderbar wärmt, dass der Sommer draußen kaum ein Ende nehmen mag. Sondern auch daran, dass die Kinder "ihren" Neuen schon nach wenigen Wochen ins Herz geschlossen haben. Seit September ist Hendrik Decher an der Kita.

Er ist hier kein Erzieher – noch nicht. Im letzte Jahr seiner Ausbildung absolviert er hier sein Anerkennungspraktikum. Und das erst mit 37? "Ich war vorher Florist", erklärt der Okarbener. Seine Eltern betreiben in der Stadt eine Gärtnerei, haben vor mehr als einer Dekade vom Blumengroßhandel auf Mietpflanzen umgeschwenkt und sich spezialisiert. "Ich habe im elterlichen Betrieb mitgearbeitet.". Sein Weg scheint vorgezeichnet. Darauf freut sich Hendrik Decher auch durchaus, als er 1999 das Friedberger Augustintergymnasium verlässt. Das Kreative am Floristenberuf lockt ihn an.

Doch je mehr er im Alltag zu tun hatte, desto mehr folgt die Desillusionierung. Acht Stunden lang am Tag nur im Stehen, die Massenproduktion, das Eintönige. "Ich habe die Lehre mit Ach und Krach fertig gemacht." Dann schleppt sich Decher über die Jahre hinweg durch den Job. Und merkt dabei immer deutlicher, dass es mit der Übernahme des Familienbetriebs wohl nichts wird. "Unternehmerisches Gespür: Das habe ich nicht."

Inzwischen über 30 Jahre alt, weitet der junge Okarbener seinen Blick wieder in die Arbeitswelt. In dieser Zeit nimmt ihn ein Freund mit an seinen Arbeitsplatz, einen Kinderhort. "Ich habe mit extra vorher noch angeschaut, wie man Papierboote baut", sagt Hendrik Decher und grinst. Als er mit den Kindern anfängt zu basteln, sind die mit Feuereifer dabei.

Sie erklären dem Gast gleich, wie viel Spaß das Boote basteln macht. "Schon beim Mittagessen habe ich mir gedacht: Das ist so ein toller Job." Womit klar ist: Seine Berufung hat Decher gefunden. Hätte er sich die Zeit für eine solche Orientierung nur schon bei der ersten Berufswahl genommen!

Immerhin: Statt einer fünfjährigen Ausbildung zum Erzieher muss er nur drei Jahre absolvieren. Mit Abitur oder einer abgeschlossenen Berufsausbildung reduziert sich die Regelausbildungszeit. Zudem stehen die Chancen gut, dass er nach dem Praktikumsjahr als dann fertiger Erzieher gleich in Karben an einer Kita bleiben kann.

Aber warum Erzieher, warum nicht Lehrer? Gerade das Kindergartenalter sei faszinierend, findet Decher. "Da dürfen die Kinder alles und müssen nichts, sie können sich ausprobieren." Eine Periode der Freiheit – während in den Jahren danach auch Grenzen klar werden.

Während der Jahre im Kindergarten bildeten die Dreikäsehochs ihre Interessen und Persönlichkeiten, bilde sich die Sprache heraus. Und als Erzieher trage er erheblich dazu bei: "Es ist wichtig, zu kommentieren, was die Kinder machen." Das Wichtigste dabei sei, dass die Kinder lernten, Vertrauen zu sich selbst zu finden, findet Decher. "Ich vermittle jedem Kind, dass es etwas kann und jemand ist."

Die Zuneigung der Kinder scheint das Elixier zu sein, das den Okarbener für seinen Beruf brennen lässt. Diese Dankbarkeit habe er in seinem alten Beruf nicht gespürt. "Wenn ich eine Bestellung ausgeliefert habe, dann habe ich die oft irgendwo abgestellt und es gab eine Unterschrift auf die Quittung, sonst nichts." Ein Dankeschön für die besonders schönen Blumen, die pünktliche Lieferung? Eher selten.

Mit der Besonderheit, als Mann in der Kita zu arbeiten, ist Hendrik Decher noch nicht konfrontiert worden. Doch fällt der Blick zwangsläufig auf seine lilafarben lackierten Nägel, die von den nackten Füßen im warmen Sand heraufschimmern. Noch von einer Aktion aus der vorigen Kita das. "Die Kinder hier haben mich gefragt, ob ich eine Frau bin", sagt Decher und lächelt. Wenn es dem Nachwuchs ganz egal sei, ob Mann oder Frau sie betreue, sei das doch am besten. "Mal spiele ich Fußball, was die Jungs toll finden, und mal lese ich vor, was die Mädchen mögen."

Jetzt aber drängeln die Kinder. Sie wollen noch eine weitere Runde als Tiere drehen. Und welches Tier diesmal? "Känguru", ruft ein Mädchen. So verschränkt Hendrik Decher die Hände auf dem Rücken zu einem Schwänzchen. Dann drückt er die Beine zusammen und hüpft los. Die Kinder hüpfen begeistert quietschend hinterher.

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