Dieses Teilstück der Nidda in Karben wird gerade renaturiert.

Alle möglichen Rückstände gefunden

Forscherteam der Goethe-Universität: Die Nidda ist in schlechtem Zustand

Ein Forscherteam unter Federführung der Goethe-Universität mit Prof. Dr. Jörg Oehlmann hat in den vergangenen drei Jahren die Wasserqualität der Nidda im Projekt "NiddaMan" untersucht. Das Ergebnis: Besonders Medikamente, Shampoos und veraltete Kläranlagen sind ein Problem. Was können wir tun, um die Wasserqualität zu verbessern?

Herr Oehlmann, nun nach Abschluss des Projekts: Ist die Nidda zu dreckig?

JÖRG OEHLMANN: Die Gewässer in Deutschland sind insgesamt in schlechtem Zustand. Auch an der Nidda sind die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzen für einzelne Schadstoffe überschritten.

Wo genau?

OEHLMANN: Man kann die Regel aufstellen: Sobald die erste Abwasserleitungen, also die erste Kläranlage in das Gewässer mündet, werden die Grenzwerte nicht mehr eingehalten. An der Nidda ist das die Stadt Nidda.

Um welche Schadstoffe geht es in der Nidda?

OEHLMANN: Das war zum Beispiel der Arzneistoff Diclofenac. Dabei wurden Umweltqualitätsnormvorschläge flächendeckend überschritten.

Welche Auswirkungen hat das?

OEHLMANN: Diclofenac ist ein weitverbreitetes und frei verkäufliches Schmerzmittel, das beim Menschen bei längerer Einnahmedauer Leber- und Nierenschäden verursacht. Diese Organschäden sehen wir auch bei den Fischen.


Gibt es noch mehr Schadstoffe, die Sie in hoher Konzentration gefunden haben?

OEHLMANN: Es gibt noch weitere Arzneistoffe wie Carbamazepin. Das wird etwa bei Epilepsie oder Alkoholentzug zur Unterstützung verabreicht. Auch weitere Psychopharmaka und Antibiotika wurden nachgewiesen.

Also sind es hauptsächlich Arzneistoffe, die die Nidda verschmutzen?

OEHLMANN: Nein, ein ganz großer Bereich sind auch Körperpflegemittel. Die Konservierungsmittel, die in Shampoo, Cremes und Lotionen eingesetzt werden, rufen schon in der Kläranlage große Probleme hervor. Diese Stoffe hemmen das bakterielle Wachstum. Und auf der Leistung von Bakterien beruht ja die eigentliche Reinigungsleistung der Kläranlage.

Haben Sie ein Beispiel?

OEHLMANN: Mein liebstes Beispiel sind Anti-Schuppen-Shampoos. Die Mittel darin sind unter anderem Fungizide, die teilweise sogar in der Landwirtschaft verboten sind, weil sie so schädlich sind.

Sind Pflanzenschutz- und Düngemittel auch ein Problem?

OEHLMANN: Ja, Pflanzenschutzmittel, die teilweise in der Landwirtschaft eingesetzt werden, sind auch eine Belastung. Aber das ist eine offene Flanke im Projekt "NiddaMan", das müssen wir zugeben. Dazu laufen nun Nachfolgeprojekte an der Horloff und in Bereichen der Nidda.

Gibt es schon Ergebnisse?

OEHLMANN: Nein, die ersten Ergebnisse wird es voraussichtlich im Juli, August dieses Jahres geben.

Wie sieht es denn mit Mikroplastik in der Nidda aus?

OEHLMANN: Das war nicht Gegenstand von "NiddaMan", es laufen aber an der Goethe-Uni derzeit fünf Projekte zu diesem Thema. Dabei haben wir uns auch an der Nidda umgeschaut. Offen gesagt, ist das dort ein sehr überschaubares Problem. Ein Großteil des Mikroplastiks wird schon in der Kläranlage eliminiert. Es ist zwar auch relevant, aber die Konzentrationen sind gering.

Welche Orte an der Nidda sind denn besonders problematisch?

OEHLMANN: Das sind Gemeinden, die noch eigene kleine Kläranlagen haben. Die laufen teilweise nicht optimal. Da gibt es laschere Grenzwerte von Schadstoff-Restkonzentrationen, die im gereinigten Abwasser enthalten sein dürfen. Es wäre viel gewonnen, wenn diese kleinen Kläranlagen schließen würden und das Abwasser zu einer großen geleitet wird oder sich mehrere kleine Anlagen zu einer großen zusammenschließen würden. Das würde sich sogar finanziell für die Bürger lohnen.

Inwiefern?

OEHLMANN: Ein Beispiel ist die Gemeinde Wölfersheim. Dort steht gerade entweder die Schließung oder Erweiterung der Kläranlage an. Die Gemeinde hat das durchrechnen lassen, und die Schließung wäre die ökonomisch bessere Lösung. Das Abwasser soll nun nach Hungen-Utphe weitergeleitet werden. Das kostet die Anwohner weniger als der Ausbau.

Ist ein großes Klärwerk für die Umwelt wirklich besser?

OEHLMANN: Dass ein Zusammenschluss einen positiven Effekt hat, konnten wir im Rahmen des Projekts zeigen. Wir haben im Niddaer Stadtteil Wallernhausen einen Versuch machen können, denn die dortige Kläranlage ist geschlossen worden. Der Rambach wurde also unmittelbar von den Abwasserleitungen freigesetzt. Wir waren erstaunt, dass sich der ökologische Zustand innerhalb von drei Monaten wieder verbessert hat und sich wieder eine ungestörte Artengemeinschaft bilden konnte.

Können die Schadstoffe auch auf andere Art reduziert werden?

OEHLMANN: Das beste wäre natürlich, dass problematische Substanzen gar nicht mehr verwendet werden und nicht mehr in die Umwelt gelangen. Das ist aber praktisch nicht umsetzbar. Bei der Europäischen Chemikalienagentur sind derzeit 60 000 Chemikalien gemeldet, die im täglichen Gebrauch sind.

Wo kann man dann ansetzen?

OEHLMANN: Man muss an den Anlagen ansetzen, über die die Schadstoffe ins Gewässer gelangen. Das sind in erster Linie die Kläranlagen. Das ist das einzige, das kurz- und mittelfristig positive Effekte bringt.


Und wie?

OEHLMANN: Das große Stichwort ist die vierte Filterreinigungsstufe. Also eine erweiterte Abwasserbehandlung zum Beispiel mit Ozon oder Aktivkohle.

Wie funktioniert das?

OEHLMANN: Damit können problematische chemische Verbindungen zu einem großen Teil, etwa 90 bis 95 Prozent, entfernt werden. Im Hessischen Ried werden derzeit an drei Kläranlagen solche Nachrüstungen modellhaft ausgetestet.

Warum machen das Kläranlagen noch nicht?

OEHLMANN: Weil es Geld kostet. Es gibt kaum belastbare, eher populistische Berechnungen, die so argumentieren, dass Bürger das doppelte an Abwassergebühren zahlen müssten. Das stimmt nicht. In der Schweiz wird das über eine Umlage finanziert, für die jeder Schweizer im Jahr neun Franken zahlt. Das wäre bei uns auch denkbar.

Kann auch der einzelne Bürger etwas dafür tun, um den Gewässerzustand der Nidda zu verbessern?

OEHLMANN: Ja. Die Endverbraucher haben die größte Macht. Ein sensiblerer Umgang mit bestimmten Körperpflegeprodukten oder Arzneimitteln könnte helfen.

Worauf sollte man dabei besonders achten?

OEHLMANN: Wirklich problematisch sind Parabene, also Konservierungsmittel. Sie schaden den Verbrauchern selbst, weil sie häufig das Hormonsystem beeinflussen, und die Umwelt. Diese Substanzen lassen sich schlecht abbauen.

Und wie ist es bei Medikamenten?

OEHLMANN: Auch bei den Arzneimitteln gilt es, möglichst schlecht abbaubare Wirkstoffe zu vermeiden. Der beste Ansprechpartner ist der Apothe

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