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Hier entspannt sich FNP-Redakteur Alexander Gottschalk, während Renate Beseler aus Karben für ihn Klangschale spielt. Jede von den Schalen hat eine andere Frequenz und ordnet sich so einer anderen Körperregion zu.

Japanisches Raiki

Können Klangschalen wirklich gegen Stress und Anspannung helfen? Ein Selbstversuch

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Als die Freundin unseres Autors sich eine Klangschale gekauft hat, hat er nur gelacht. Jetzt hat die FNP den Esoterik-Skeptiker zum Profi geschickt. Dort bekam er das volle Programm Klangschale. Und davor sogar noch eine Runde Handauflegen. Entspannt das auch, wenn man nicht daran glaubt?

Es ist 19.37 Uhr, ein ganz normaler Mittwoch eigentlich, und doch hänge ich bäuchlings auf einer Massageliege und habe gemischte Gefühle darüber, angezogen zu sein. Eine Fremde huscht um mich herum und schlägt wiederholt mit einem Klöppel gegen eine goldene, etwas abgewetzte Schale.

Wie das Dröhnen eines Mini-Gongs breiten sich die Schallwellen im Raum aus und verlieren sich dort, bis nur noch ein vibrierendes Summen übrig bleibt, das sich in den Gehörgängen verfängt. Das ist zwar irgendwie ganz angenehm. Aber innere Ruhe finde ich dadurch erstmal nicht.

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Denn meine Jeans zwickt, der Arbeitstag spukt mir durch den Kopf und ich wünsche mir einfach nur, gedankenlos auf dem Smartphone herum zu tippen. Stattdessen habe ich mich aber in Renates Beselers Praxis gewagt. Denn: Ich habe beruflich den Auftrag bekommen, mich zu entspannen.

Eine Klangschalenmassage soll gegen Stress angeblich Wunder wirken. Ich bin skeptisch. Was nach Naturheilkunde und Esoterik klingt, ist per se verdächtig. Tatbestand: Hokuspokus. Aber ich bin auch bereit, mich vom Gegenteil überzeugen zu lassen. In einem ersten Schritt lockere ich meinen Gürtel. Es ist ja quasi Feierabend.

Man duzt sich natürlich

Im April ist Renate – wir duzen uns, natürlich – mit ihrer Praxis ins Karbener Kuhtelier im Schloss Leonhardi gezogen. Als ich mich durch zugekniffene Augenlider umsehe, erspähe ich Kissen auf dem Boden, ein Windspiel und selbstgemalte Bilder. In der Luft liegt der Duft von Kerzenwachs, auf dem Holzparkett sind Renate bedachte Schritte kaum zu hören.

Renate Beseler selbst ist zwei Köpfe kleiner als ich, trägt eine schmale Brille und eine rote Bluse. Um ihre Lippen spielt dieses wohlwollende Lächeln, das Großmütter immer haben, wenn ihnen die Enkel stolz ihre Buntstift-Kritzeleien hinhalten. Sie ist jemand, dem ich es abnehme, wenn sie sagt, dass sie ganz mit sich im Reinen ist.

Seit zwei Jahrzehnten beschäftigt sich Renate Beseler mit den Heilenergien des Körpers. Esoterik? "Liegt mir im Blut", sagt sie.

Und: Bei ihr habe ich mich in die Hände eines echten Profis begeben. Seit 22 Jahren praktiziert sie Reiki, eine japanische Form des Handauflegens, kombiniert mit Meditationen und Klangschalenmassagen. Im Grunde gehe es dabei darum, verrät sie mir, die Energien eines Menschen auf dessen Umwelt einzuschwingen – und ihn so gesünder, vitaler und entspannter zu machen.

Echte Medizin? Irgendwas muss also dran sein

Das zu hören, lässt meinen inneren Widerstand nicht bröckeln. Erst als die 59-Jährige erzählt, dass sie als Sekretärin in der Wirbelsäulenabteilung eines Offenbacher Krankenhauses arbeite, und ihre Klangschalen-Behandlung seit Jahren Teil der dortigen Schmerztherapie sei, horche ich auf. Echte Medizin? Irgendwas muss also dran sein.

Was aber in Fernost und in Offenbach zu klappen scheint, zeigt bei mir vorerst keine Wirkung. Ständig frage ich mich, ob ich was falsche mache. Irgendwie hat sich tief in mir der Glaube verhakt, man müsse bei esoterischen Selbsterfahrungserlebnissen nackt sein. Muss man nicht, versichert Renate. Aber liegt es nun am Hemd oder an der Schale, das ich die Schwingungen der Klangschale, die nun auf meinem Rücken steht, irgendwie kaum spüre?

Weil auch Renate mir meine Aufgekratztheit anmerkt, entscheiden wir, eine kurze Pause zu machen. Renate erzählt vom langen Weg des Reiki, dessen Grundtechniken man an einem Wochenende lernen kann, bei dem es sich aber eigentlich um eine grundlegende Lebenseinstellung handelt.

Berufsausübung ohne offizielle Anerkennung

1000 Variationen der Heilenergie gibt es, so viele, wie es Anwender gibt. Die Lehre wird von Meister zu Meister weitergegeben, eine offizielle Anerkennung gibt es nicht. Eine Heilpraktikterin sei sie aber nicht, wehrt Renate ab. Sie weiß, dass ihre Kunst Grenzen hat: Wer psychisch krank ist, dem kann sie nicht helfen. Und wer sich gegen ihre Behandlung sträubt, dem auch nicht. Bei fast allen anderen sagt sie, können sie die Energie-Kanäle öffnen und durchspülen. Das sei letztlich ein Handwerk.

Die Klangschalen kombiniert sie fast immer mit Handauflegen. Das will ich dann doch ausprobieren, um mich einzustimmen. Ich lege mich auf den Rücken, Augen zu. Renate beträufelt ihre Hände mit einer süßlich riechenden Flüssigkeit. Dann hält sie die Handflächen einfach über mich.

Die Reiki-Expertin fährt meinen Körper entlang, ohne ihn zu berühren

Minuten vergehen. Es ist ganz still, bis auf die Meditationsmusik. Renate fährt meinen Körper entlang, ohne ihn zu berühren. Normalerweise nutzt sie die "Dawo"-Methode – da wo’s wehtut. Mir tut aber nichts weh. Ich bin stattdessen nervös. Vielleicht erwarte ich zu viel. Das passiert häufig, hat Renate erzählt. Jeder erlebe das Handauflegen anders , manche habe eine Art Erleuchtung, andere schlafen ein, ich klimpere mit den Fingern.

Aber dann: Als Renate an meiner Stirn angelangt ist, ist da etwas. Ihre Handinnenflächen schweben über meinen Kopf – und plötzlich wird es dort warm, ich spüre einen sanften, angenehmen Druck über der Nase. Meine Glieder werden schwer, ich immer müder. Das ist das Signal: Zeit für die Schalen. Jetzt oder nie.

Die Klangschalen stehen auf dem Boden, zufällig angeordnet, groß klein, in schmutzigem Gold oder glänzendem Bronze, sieben bis vierzehn Metalllegierungen haben jede von ihnen. Ein paar kommen aus Tibet, wo sie Essgeschirr waren, andere hat Renate bei einem Klangschalenmacher aus Stuttgart gekauft. Jede Schale steht für einen anderen Planeten und eine Energiefrequenz. Die Mondschale, eine mittelgroße Schale, steht für die Herzfrequenz. Renate stellt sie auf meiner Brust ab und schlägt an.

Ein Gedanke an die Arbeit und der Bann ist wieder gebrochen

Da ist wieder das Surren. Diesmal tiefer und gleichmäßiger. Ich versuche, mich nur darauf zu konzentrieren. Langsam driften meine Gedanken ab, während Renate eine weitere Schale auf meinem Bauch abstellt. Jetzt glaube ich auch zu spüren, wie die Vibration der Klangschalen mich massieren. Kaum merkbar zwar, aber immerhin. Klasse, dann habe ja doch richtig was zum schreiben, denke ich noch. Und just in diesem Moment ist der Bann wieder gebrochen.

Der Ernergie-Zauber ist verflogen. Ich lande wieder im Alltag. Mittwochabend. Morgen um 9 Uhr wartet der Schreibtisch. Aber für herrliche zehn Minuten war das vergessen. Renate lächelt – selbstsicher. Als hätte sie nie daran gezweifelt, dass ihre Reiki-Technik auch beim Skeptiker irgendwo noch versteckte Energien finden würde. Wir verabschieden uns. Ich ziehe meinen Güterl wieder fester.

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