Straße wird Jüdin Clare Zweig gewidmet

Ein Weg für das Karbener Klärchen

Nach zahlreichen Stolperstein-Verlegungen trägt nun auch eine Karbener Straße den Namen eines jüdischen Mädchens. Es ist ein Mahnmal, das keinesfalls nur gedenken soll – sondern heute aktueller ist denn je.

Wer auf der Suche nach Karbens jüngster Straße ist, der könnte Probleme haben sie zu finden. Denn nicht einmal die Online-Karte Google Maps kennt den Klärchenweg, der sonst vermeintlich allwissende Navigationsdienst kann Besucher damit nicht zu der kleinen Gasse am Rande des Burg-Gräfenröder Neubaugebiets führen. Und auch vor Ort ist die kurze Verbindung zwischen der neuen Hirschbacher Straße und dem Sohlweg leicht zu übersehen.

Enttäuscht, dass es so ein kleiner Weg geworden ist, der den Namen Klärchenweg trägt, sind die Namensgeber Irma Mattner und Hartmut Polzer aber nicht. „Masse ist doch keine Klasse“, sagt Polzer und lacht. „Im Gegenteil: Hier laufen nur Spaziergänger durch, und die haben wenigstens Zeit, den Namen wahrzunehmen“, ergänzt Mattner. „Uns geht es darum, zu erinnern – dafür muss es keine große Straße sein.“

Tatsächlich wird mit der offiziellen Einweihung des Klärchenweges am Mittwoch ein Projekt beendet, das bereits 2013 angestoßen wurde. „Wir haben damals über das Neubaugebiet gelesen und darüber, dass es eine neue Straße geben wird“, erzählt Polzer von der Idee. „Da haben wir sofort an Klärchen gedacht und den Vorschlag an Ortsvorsteher Karlfred Heidelbach übergeben, der das weitere Prozedere angestoßen hat.“

Mit Klärchen Kirschberg, die 1922 in Burg-Gräfenrode geboren wurde und als Jüdin fliehen musste, hat Polzer und Mattner zuletzt eine tiefe Freundschaft verbunden: Anfangs ging es um eine Recherche für die von den beiden Karbenern gegründete Initiative Stolpersteine, dann um den Dokumentarfilm „Klärchen – Flucht in eine andere Welt“ und zuletzt war der Kontakt vor allem freundschaftlich. „Sie war so eine tolle, starke Frau“, sagt Polzer, der die Jüdin mehrere Male in ihrer neuen Heimat, den USA, besucht hat. Bis zu ihrem Tod vor gut drei Jahren hat Karben und Miami dann jeden Montag ein Telefonat verbunden.

Für die Initiatoren der Stolpersteine ist es wichtig, mit dem Straßenschild Klärchen, verheiratete Claire Zweig, und ihrem persönlichen Schicksal zu gedenken. Doch für Polzer und Mattner geht die Bedeutung des kleinen Schildes noch weit über das reine Mahnmal zur deutschen Vergangenheit hinaus: „Die Namensgebung hat durchaus auch ganz aktuelle Berührungspunkte“, sagt Polzer.

Das Thema Ausgrenzung – und daran anknüpfend Integration – etwa: „Die Ausgrenzung war für Klärchen das Schlimmste“, weiß Mattner. „Plötzlich haben Freunde nicht mehr mit ihr gesprochen, sie wurde im Gottesdienst gemieden. Darunter hat sie bis zum Ende sehr gelitten“, sagt sie. Und mahnt: Das Thema Ausgrenzung sei vor dem Hintergrund der Flüchtlingssituation heute aktueller denn je.

Darüber hinaus unterstreicht Klärchens Geschichte die Bedeutung des Ehrenamts, sagt Polzer. „Sie ist mit einem Kindertransport gerettet worden. Eine englische Initiative hat damals Kinder aus dem Land geholt: Der Staat wollte das zwar nicht, doch die Bürgerinitiative hat Geld gesammelt und die Rettung von 10 000 Kindern finanziert. Das ist wenig bekannt, aber es zeigt ganz deutlich, dass man ehrenamtlich etwas bewegen kann.“

So ist auch die Einweihung am Mittwoch eindeutig Teamwork: Hinter der Veranstaltung stehen die Initiative Stolpersteine in Karben, der Heimat- und Kulturverein (Heku) Burg-Gräfenrode und die Evangelische Kirchengemeinde Burg-Gräfenrode.

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