+
Florian Sitzmann kommt bei seiner Karbener Lesung mit seinen Zuhörern ins Gespräch über den Umgang mit Behinderungen.

Lesung

Leben mit dem Rollstuhl: Trotz Handicap voller Leben

  • schließen

Nach einem Unfall sitzt Florian Sitzmann im Rollstuhl. Doch er klagt nicht, sondern macht mit sportlichem Ehrgeiz Mut. In der Karbener Bücherei las er aus seinen beiden Büchern vor.

„Ich habe keine Beine – und dennoch stehe ich voll im Leben.“ Dieser Satz sagt viel aus über Florian Sitzmann. Der 1976 in Frankfurt geborene Sitzmann hat zwei Werke mitgebracht: „Der halbe Mann – dem Leben Beine machen“ und „Bloß keine halben Sachen – Deutschland, ein Rollstuhlmärchen“. Nach der Begrüßung durch Büchereileiter Holger Winter gibt Sitzmann Einblicke in sein Privatleben. So sei er „glücklich verheiratet und habe drei Kinder, darunter Zwillinge“, erzählt er.

Im Alter von 15 Jahren hat er durch einen Autounfall beide Beine verloren. Im Buch „Der halbe Mann – dem Leben Beine machen“ erzählt er, wie das passiert ist. Er war Beifahrer auf dem Motorrad, sein Freund ist gefahren. „Wir waren die jungen Wilden.“ Beim Auffahren auf eine Autobahn kam es zum Unfall mit einem Lkw.

Ihm sei es wichtig, das Positive zu sehen, sagt Sitzmann. „Es war kein Kampf, es war ein neuer Weg“, betont er, wenn er über die Zeit nach dem Unfall bis heute spricht. „Die Zeit und ein ungebrochener Wille“ hätten ihm seither geholfen, „dem Leben wieder Beine zu machen“. Und ohnehin seien alle Menschen – ob mit oder ohne Handicap – gleich auf der Suche nach Antrieb, Glück und Zufriedenheit, sagt er.

„Ich bin sehr kommunikativ, und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass ich im Rollstuhl sitze“, sagt Sitzmann über sich selbst. Und das wird im Laufe der Lesung deutlich: Zwar liest er immer wieder Passagen aus seinen Büchern vor. Doch vor allem interessiert ihn der Kontakt zu und die Kommunikation mit den Zuhörern.

Immer wieder kommt er mit den Zuhörern ins Gespräch. So hat man als Zuhörer schon nach wenigen Minuten beinahe vergessen, dass der Mann vorne am Tisch keine Beine hat. Diese Tatsache wird immer unwichtiger im Laufe des Abends, denn Sitzmann liest und erzählt anschaulich und lebendig. „Was klappt in Ihrem Leben nicht mehr?“, werde er oft gefragt. „Treppensteigen“, antwortet er lakonisch.

Trotz des Handicaps sei vieles normal, was auch im Leben von Menschen ohne Handicap normal sei. „Bratwurst mit Pommes und Ketchup“ esse er gern, „denn auch Männer ohne Beine essen gern“. Im Buch schreibt er: „Ich muss wieder einmal vorbei an der Raststätte, die meine Beine gefressen hat.“ Und: „Diese Raststätte ist für mich der Ort, an dem mein neues Leben begonnen hat“.

Durch „Freunde, Familie und neue Menschen“ habe er „Unterstützung, Halt und andere Perspektiven“ gefunden. Menschen, die mit ihrem Schicksal hadern nach dem Motto „Was wäre gewesen, wenn ich früher oder später losgefahren wäre, wenn ...“ macht er Mut, indem er sagt: „Man muss nach vorne denken – ob mit oder ohne Beine“.

Sitzmann ist als Handfahrradsportler aktiv, er war mehrfach Deutscher Meister. Er war Gast in diversen Talkshows. Sitzmann spricht sich gegen Klischees gegenüber Behinderten aus und fordert dazu auf, unbefangen, „wie Kinder es tun“, auf diese zuzugehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare