Renaturierung

Nidda macht sich wieder breit

  • VonDieter Deul
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Nur noch wenige Tage dauert die Nidda-Renaturierung zwischen Klein-Karben und Dortelweil. Doch die Baustelle ruht wegen Dauerregens seit Dezember. Gewässerökologe Gottfried Lehr blickt bereits in die Zukunft, wenn der entkanalisierte Fluss wieder zum Dorado für seltene Tiere wird.

Nässe überall, sogar Schneeflocken, Absperrungen, eine graue Landschaft. Noch ist von der erwachenden Natur am Klein-Karbener Ortsrand wenig zu spüren. „Wir brauchen netto nur noch zehn Arbeitstage“, sagt der Bad Vilbeler Gewässerökologe und Bauleiter Gottfried Lehr. Doch es regnet, abends schneit es sogar.

Wo zuvor noch drei Bagger, eine Raupe und sechs Traktoren die Uferlandschaft durchzogen, ist nun Stille eingekehrt. „Jetzt versinkt alles im Schlamm“, sagt Lehr. Das ist gerade in der letzten Bauphase ungünstig. Jetzt steht die Verwallung, der künftige Hochwasserschutz, an. „Wir können die Erde nicht verdichten“, so Lehr. Würde der Damm jetzt aufgeschichtet, „wäre die Erde wie Brei“. Deswegen soll der bisherige Damm, auf dem auch der gesperrte Niddaradweg verlief, erst einmal stehenbleiben.

Dennoch kann man schon erkennen, was künftig sein wird. Das neue Bett der Nidda, eine auf knapp 700 Metern gezogene Flussschleife, ist schon fertig. Auch Wasser ist bereits drin, aber kein Fluss- sondern Grundwasser, erläutert Lehr. Eigentlich fehlt nur noch der Durchstich über den jetzigen Damm, um den Fluss umzuleiten.

Eine Insel als Refugium

Eine Aktivität gibt es dennoch. Auf der Höhe des OGV-Heimes sieht man einen Bagger, einen Traktor, große Sandhaufen. Dort verlegt der Zweckverband Karben nämlich eine Trinkwasserleitung aus dem renaturierten Bereich. In drei Wochen sei das erledigt. Jetzt werden dort 300 Kubikmeter pro Tag abgepumpt, um die Rohre neu verlegen zu können.

Künftig wird der bisherige Uferweg zur etwa ein Dreiviertel Hektar großen Insel inmitten des insgesamt knapp 40 Hektar großen Retentionsgebietes, erläutert der Planer. Dass manche Karbener sich darüber beschwerten, dass ihnen der Weg am Fluss genommen werde, kann Lehr dabei nicht verstehen. Er deutet auf das dichte Strauch- und Baumwerk, das die Nidda auf dem Damm als „grüne Mauer“ und selbst jetzt, im Winter, blickdicht abschirmt.

Zudem gebe es an den beiden Abschnitten der neuen Flussschleife Zugangsbereiche, Buchten am Niddaufer, an denen Passanten und speziell Kinder den Fluss erstmals direkt erleben könnten. Der alte Flusslauf werde als Still- und Überflutungsgewässer bestehen bleiben. Nach der Renaturierung, vermutlich im März, werde der neue Radweg angelegt.

Etwas länger wird es dauern, bis sich die Natur die Freiräume zurückerobert hat. Lehr erinnert sich zum Beispiel an die entlang der Nidda einst ausgestorbene Barbe, die Anfang der 1990er-Jahre bei den ersten Renaturierungen neu ausgesetzt worden sei. Sie, wie viele andere Amphibien, brauche Rückzugsgebiete.

Heute, ein knappes Vierteljahrhundert später, sei sie bei Jungfischen „der Hauptlieferant“. Vielleicht, so hofft Lehr, „kommt ja später auch der Fischotter“. Sicher ist der Fachmann, dass bald auch in Karben jene Arten wiederkehrten, die zuvor an die renaturierten Bereiche etwa des Niddaknies bei Dortelweil zurückgekehrt sind – also Biber, Eisvogel, Reiher, Kiebitze, Flussregenpfeifer, Wasserfrosch und Wechselkröte. In der neuen Auenlandschaft solle dafür auch ein Teich angelegt werden.

Hunde an die Leine

Die Umbauten sind für Lehr eine Rückkehr zu früheren Verhältnissen, die der Natur durch „menschliche Maßlosigkeit“ verloren gegangen seien. An der einstigen Niddabrücke an der Dortelweiler Straße verlief der Altarm der Nidda. Er ist dem Ausbau der Stadt gewichen.

Der Kiebitz, einst weit verbreitet, sei zurückgedrängt worden, weil immer mehr Hundebesitzer ihre Tiere in die Brutzonen des Vogels hätten eindringen lassen. Nun sollen die Weiden, auf denen er brüten wird, als Retentionsflächen eingezäunt werden. Lehr will auch mehr Rücksicht. Ab März beginnt wieder die Brut- und Setzzeit, in der Hunde an die Leine müssen.

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