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Hessen-Forst-Bereichsleiter Anselm Möbs (links) und Revierförster Helmut Link zeigen diesen Baum nahe dem Trimmpfad-Parkplatz: Eigentlich sollte er stehen bleiben, doch ein Blick hinauf zur Krone verrät: Er muss doch gefällt werden.

Ahorn am Parkplatz nicht standsicher

Schwere Schäden im Stadtwald: Das trockene und heiße Jahr 2018 hat viele Buchen geschädigt

Experten haben es schon im vergangenen Jahr vorausgesehen. Das extrem trockene und heiße Jahr 2018 hat vielen Waldbäumen arg zugesetzt. In diesem Jahr sieht man die Folgen auch im Karbener Stadtwald: Vertrocknete Äste, Stämme mit aufgeplatzter Rinde und schwarze Flecken an den Stämmen. Eine Baumart ist besonders betroffen: die Buche.

Karben - Wer in diesen Tagen sein Auto auf dem Parkplatz am Trimmpfad abstellt, die Kreisstraße überquert, um dann im Wald Richtung Groß-Karben oder Heldenbergen zu spazieren, stößt auf zahlreiche Buchenstämme. Die gefällten Exemplare liegen links und rechts des Weges oder noch tiefer im Wald. Bei dem einen oder anderen Waldbesucher ist die Empörung groß. "Die Bäume sehen doch gesund aus", meint eine Karbenerin.

Das mag aus Laiensicht stimmen, die Experten von Hessen Forst haben darauf einen anderen Blick. Wir begleiten Bereichsleiter Anselm Möbs und Revierförster Helmut Link ein Stück durch den Stadtwald. Weit müssen sie nicht laufen, um den ersten kranken Baum zu zeigen. Die bereits umgelegte Buche weist unzählige schwarze Flecken auf dem Stamm auf. "Die kommen durch den Buchenprachtkäfer", erläutern sie. Der Schädling habe zahllose Fraßgänge in den Stamm gefressen, sodass der obere Teil des Baumes von der Nährstoffzufuhr abgeschnitten sei. Folge: Der Baum sterbe von oben her ab. "Auch wenn es nicht so aussehen mag: Aber der Baum ist praktisch tot." Die Larven des Buchenprachtkäfers entwickeln sich vor allem in bereits vorgeschädigten Laubbäumen, weiß der Experte.

Ein weiterer Schädling, der auch den Karbener Bäumen zu schaffen macht, ist der Lärchenborkenkäfer. "In der Nähe des Klein-Karbener Grillplatzes habe ich deswegen einige Europäische Lärchenbäume fällen müssen", betont Link.

Dann laufen wir weiter und stoßen auf weitere geschädigte Buchen. "Da oben", zeigen Link und Möbs, "blättert die Rinde ab." Die Krone sei schon abgebröselt und werde im Laufe der Zeit immer kleiner. "Das ist ein Wackelkandidat", sagt Link, der den Baum schon gekennzeichnet hat. Im nächsten Herbst wird auch bei ihm die Säge angesetzt. Für dieses Jahr seien die Fällungen beendet, jetzt werde das Holz nur noch an die Wegeränder gerückt.

Rund 60 Buchen seien in den gesamten Karbener Wäldern gefällt worden, schätzen die Experten anhand der aufgeführten Festmeter. Zum überwiegenden Teil seien sie schon stark geschädigt gewesen. "Das extrem trockene und zudem sehr heiße Jahr hat die Buchen stark geschädigt. Die Eichen haben das extreme Wetter viel besser verkraftet." Für die Forstexperten ist anhand der zunehmenden Zahl geschädigter Bäume und der Vielzahl an Schädlingen, die sich durch das Innenleben der Stämme fressen, der Klimawandel längst sichtbar.

2 Grad höhere Temperatur

150 Meter weiter kann Link das zeigen. Hier sind etliche Bäume mit dicken Stämmen gefällt worden. Die hatte er bereits bei anderen Kontrollgängen markiert. Als dann der Fälltermin näherrückte, entdeckte er vier Buchen, die direkt am Spazierweg standen und deutlich geschädigt waren. Die mussten gleichfalls umgelegt werden, aus Sicherheitsgründen.

Förster Link sieht seit vielen Jahren die Folgen des Klimawandels. "Aber so schlimm wie in diesem Jahr war es noch nie", sagt er. Und Möbs verweist auf die Frankfurter Messstation von Hessen Forst: "Die zeigt eine um 2 Grad höhere Durchschnittstemperatur als in den Vorjahren."

Allerdings können nicht beliebig viele Bäume gefällt werden. Sondern den Revierförstereien sind sogenannte Hiebsätze vorgegeben. Für den Karbener Stadtwald von insgesamt 234 Hektar bedeute das 1169 Festmeter pro Jahr. In den vergangenen Jahren habe man diese Zahlen weitgehend eingehalten, "trotz vieler Kalamitäten wie Windwurf und Borkenkäferbefall", sagt Bereichsleiter Möbs. Wenn es aber Extremereignisse gebe und man über die vom RP vorgegebenen Hiebsätze gehen müsse, dann dürften in den Folgejahren deutlich weniger Bäume gefällt werden.

Der Bereichsleiter von Hessen Forst nennt als Beispiel den Sturm Wiebke. "Da ist das 22-fache des Hiebsatzes gefallen. Deshalb durfte in den folgenden Jahren nur deutlich weniger gefällt werden." Die Experten erinnern daran, dass der Wald durchaus auch ein Wirtschaftsfaktor sei. Große Holz verarbeitende Firmen fragten das Holz nach. Stark geschädigtes Holz, wie jetzt ein Teil des gefällten Buchenholzes, lasse sich nur mit deutlichem Preisabschlag verkaufen.

Als wir weiter in den Wald hineingehen, treffen wir auf ein, zwei Baumruinen. "Die hat der Sturm abgeknickt", sagen die Forstleute. Die blieben aber als sogenannte Habitatbäume stehen. "Da finden beispielsweise Vögel und Fledermäuse ideale Rückzugsgebiete." Drei solcher Bäume pro Hektar Wald seien Vorschrift. Auch blieben viele gefällte Stämme liegen, als Nistplätze und Bruthöhlen für die Tiere des Waldes.

Am Ahorn fällt die Rinde

Zurück am Trimmpfad zeigt Link noch, dass er sich auch umentscheiden muss, welchen Baum er fällt und welchen er stehen lässt. Vor ein paar Wochen hatte er unweit des Parkplatzes einen Baum mit einem schwarzen Punkt markiert. "Der Ahorn sollte eigentlich stehen bleiben und der Nebenbaum sollte gefällt werden, damit der Ahorn mehr Licht hat und sich ausbreiten kann." Dieser Tage habe er aber gesehen, dass die Krone stark geschädigt sei. "Da geht die Rinde ab. Auch das eine Folge des trockenen Sommers." Der schwarze Punkt ist nun mit Leuchtfarbe durchgestrichen, heißt, der wird demnächst gefällt, auch wenn Brut- und Setzzeit ist. "Aber hier geht die Sicherheit vor. Der Baum ist durchgetrocknet und nicht mehr standfest." Möbs ergänzt: "Wir können nicht riskieren, dass er auf ein Auto oder gar einen Menschen fällt."

von Holger Pegelow

Info: Einen klimastabilen Wald aufbauen

Weil der Klimawandel an den Wäldern deutlich sichtbar ist, haben Landesregierung und Landesforstverwaltung die Vorgabe gemacht, langfristig einen "klimastabilen Wald aufzubauen". Der Baumbestand solle dann nach und nach getauscht werden. Laut der Forstexperten gelingt dies nur über einen gemischten Wald mit Laub- und Nadelbäumen. Für geeignet und eher anpassungsfähig halten die Experten etwa Eichen, Kirsche und Ahorn. "Die Eschen werden wir durch das Eschentriebsterben verlieren." Auch Linde und Hainbuche könnten den Wald stabiler machen. An Nadelbäumen empfehlen Möbs und Link die Große Küstentanne, Douglasie und Weißtanne. Dagegen werde man Fichten in den heimischen Wäldern in absehbarer Zeit nicht mehr finden. Da auch die Bodenbeschaffenheit eine Rolle spiele, seien für die Lößböden der Wetterau Kiefern ungeeignete Bäume. Revierförster Link hat nach eigenen Angaben Große Küstentannen in Richtung Büdesheimer Wald nachgepflanzt. Grundsätzlich gilt für die Forstleute aber: "Naturverjüngung ist besser als Nachpflanzung." pe

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