Geburtshilfe

Warum Hebammen immer öfter an ihre Grenzen stoßen

Die Wartelisten der Hebammen in Bad Vilbel und Karben sind lang – sei es für Vorbereitungskurse, zur Betreuung im Wochenbett, zur Nachbetreuung oder für reine Sprechzeiten. Viele Schwangere müssen deshalb ohne Betreuung durch eine Hebamme auskommen.

Susanne Otte-Seybold ist seit 23 Jahren Hebamme in Bad Vilbel. „Am besten sollten die Frauen schon bei einem positiven Schwangerschaftstest eine Hebamme kontaktieren, um eine Chance auf Betreuung zu haben“, sagt sie. Die Situation der Hebammen, so kann sie aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung sagen, hat sich im Laufe der Zeit nicht verbessert.

Eine Schiedsstelle in Berlin hat im September eine Erhöhung der Vergütung für freiberufliche Hebammen von 17 Prozent beschlossen. „Doch das war die erste Erhöhung seit sieben Jahren“, meint Otte-Seybold. Außerdem seien bis 2020 keine weiteren Steigerungen möglich. Die Wirkung bleibe zu gering. Denn: „Die Grundvergütung von Hebammen ist sowieso nicht hoch.“ Für einen Hausbesuch erhielten die Hebammen 38 Euro – dabei sei es egal, ob der Besuch zehn Minuten oder über eine Stunde dauert.

Susanne Otte-Seybold ist eine von wenigen Hebammen mit eigenen Praxisräumen. 2008 ist sie mit ihrer Praxis in die Theodor-Heuss-Straße nach Dortelweil gezogen. Zusammen mit ihrer Kollegin Silke Mehltretter, Physiotherapeutin und Kursleitern, kümmert sie sich dort um die Schwangeren. Allerdings nur noch bis September, dann schließt Otte-Seybold ihre Praxis. Der Grund: eine monatliche Mieterhöhung von 550 Euro.

„Die vorherigen Eigentümer des Gebäudes hatten mir die Räume zu günstigen Konditionen vermietet“, erklärt sie. Der neue Eigentümer plane nun eine berechtigte Mieterhöhung. „Die kann ich allerdings nicht leisten.“ Ihre Praxisräume putzt die Hebamme auch selbst: „Denn die Putzfrau hat einen höheren Stundenlohn als ich.“

Im September ist Schluss

Ein erneuter Praxis-Umzug kommt für Otte-Seybold nicht in Frage, denn es ist äußerst schwierig, geeignete Räume zu finden. „Das Gebäude benötigt einen Aufzug, wenn sich die Praxis nicht im Erdgeschoss befindet. Vor der Praxis muss es einen geschützten Bereich geben, um Kinderwagen abzustellen, die auch mal voller Matsch oder Schnee sein können. Die Räume müssen gut beheizbar sein, damit es für die Babys warm genug ist, und es muss mindestens einen Kursraum mit geeigneter Größe geben.“ Sie hat vergeblich versucht, eine Nachfolge zu finden. „Aber niemand wollte die Praxis übernehmen.“ Nun will sich Susanne Otte-Seybold beruflich umorientieren. Sie ist bereits zweite Vorsitzende des Landesverbandes hessischer Hebammen. Im Herbst möchte sie für das Amt der Ersten Vorsitzenden kandidieren. Mit der Schließung der Praxis werden auch die Kursangebote wegfallen.

Die entstehende Versorgungslücke kann auch Hebamme Sandra Mauer aus Karben nicht füllen. Bis Ende des Jahres seien ihre Kapazitäten ausgeschöpft. „Ich finde es auch traurig, dass ich bei vielen Schwangeren eine Betreuung ablehnen muss“, erzählt sie, „aber ich kann nicht noch mehr anbieten.“ In diesem Jahr wird sie rund 60 Familien im Wochenbett betreuen. Hinzu kommen die Kursangebote und ihre Tätigkeit in einer gynäkologischen Praxis in Frankfurt.

Zu Spitzenzeiten könne sie den Frauen nicht einmal mehr persönlich absagen, sondern lasse das den Anrufbeantworter erledigen. „Auch täglich sechs bis sieben Frauen eine Absage zu erteilen, kostet Zeit.“ Sandra Mauer ist seit 20 Jahren Hebamme, im August ist sie mit ihrer Praxis von Petterweil nach Rendel gezogen. Ihre Kollegin Nadine Stittrich nutzt die Praxisräume ebenfalls.

„Das wirklich Schlimme ist, dass wir als Hebammen nicht einmal mehr unserer ursprünglichen Tätigkeit der Geburtshilfe nachgehen können“, sagt Mauer. Der Grund seien nicht in erster Linie die hohen Versicherungskosten, sondern die Zeit. „Um Geburtshilfe leisten zu können, muss man auf Abruf stehen – sei es in der Nacht oder am Tag. Und dann gibt es auch noch Fehlalarme.“ Dieses hohe Arbeitspensum mit Rufbereitschaften sei nur zu leisten, wenn man keinen Wert auf sein Privatleben lege.

Ein wunderbarer Beruf

Trotzdem liebt Sandra Mauer ihren Beruf: „Es ist wunderbar, die Arbeit macht mir sehr viel Spaß. Man bekommt alle Facetten des Lebens mit. Es ist die Abwechslung und der Blick über den Tellerrand, was den Beruf für mich so attraktiv macht. Hinzu kommen die positive Rückmeldung der Familien – und, dass man auch mal einen Blumenstraß geschenkt bekommt.“

Es sind die Gegensätze, die Sandra Mauer begeistern. „Ich habe früher in einer privaten Kinderpraxis gearbeitet, derzeit arbeite ich in einer gynäkologischen Praxis im sozialen Brennpunkt in Frankfurt. Die Gegensätze könnten nicht extremer sein.“ Wobei weder das eine noch das andere gut für die Kinder sei. „In Karben herrscht die goldene Mitte.“

Ein anderer Fall sei die Arbeit in den Flüchtlingsunterkünften. „Das Hauptproblem ist dort meistens die Sprache. Die meisten Ratschläge, die ich den Frauen geben kann, verstehen sie schlichtweg nicht.“ Deshalb versuche sie Netzwerke aufzubauen. Zusammen mit Nadine Stittrich bietet sie jeden Mittwoch eine offene Fragestunde im Mütter- und Familienzentrum in Karben an.

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