Legendenschild erklärt

Warum heißt die Christinenstraße eigentlich so?

Seit Mittwoch ist Karben nun auch offiziell um eine „Legende“ reicher: Das Straßenschild an der Christinenstraße in Groß-Karben wurde um eine kleine, aber nicht unbedeutende Zusatztafel erweitert. Doch welche Persönlichkeit verbirgt sich hinter diesem Namen?

Sowohl an der Einmündung der Christinenstraße in die Homburger Straße als auch an der ehemaligen Kleinkinderschule (Ecke Bahnhof-/Weingarten-/Christinenstraße) sorgen Ortsbeirat und Magistrat jetzt für historische Aufklärungsarbeit. Wer schon immer einmal wissen wollte, welche Persönlichkeit hinter dem 1996 verliehenen Straßennamen (davor Wernher-von-Braun-Straße) steckt, kann dies ab sofort an Ort und Stelle nachlesen.

Die Namensgeberin der Christinenstraße, Schwester Christine Jordan aus Grötzingen bei Karlsruhe, leitete 39 Jahre lang die Geschicke der Kleinkinderschule („Margarethenschule“). Sie kam wie ihre Vorgängerin, Schwester Margarethe Straßer, aus dem Diakonissenhaus Nonnenweier in Südbaden.

In einer Zeit, als auf dem Gebiet des Deutschen Reiches immer mehr konfessionelle Kindergärten gegründet wurden, waren in der Kindererziehung engagierte Schwestern sehr gefragt. Beseelt im Glauben und mit fast missionarischem Tatendrang gingen die Frauen bis in die Gemeinden des Großherzogthums Hessen. In Groß-Karben war schon 1869 der erste Kindergarten im Kreis Friedberg entstanden. Seit 1870 befand er sich in dem Eckgebäude (Christinenstraße 1), in dem heute ein Versicherungsbüro untergebracht ist.

Schwester Christine war bekannt für ihren badischen Dialekt, der in einem Wetterau-Dörfchen sofort auffiel. Omnipräsent auf alten Fotografien erscheint sie immer in Schwesternkluft mit Häubchen. Bei ihrer Tätigkeit soll es auch einmal den einen oder anderen Klaps aufs Hinterteil gegeben haben.

Geschadet habe es keinem, sagen die einen. Andere behaupten noch heute, manch einer im Ort hätte es ihr übel genommen. Schon 1996 und auch jetzt regten sich Stimmen gegen ihre Würdigung. Was letztlich den Ausschlag gab, waren ihr jahrzehntelanges Engagement und die Absage, die sie 1941 den Nazis erteilt hatte. Nach der Auflösung aller christlichen Kindergärten hätte Schwester Christine nämlich unter der Ägide der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) weiterarbeiten sollen. Dem verweigerte sie sich und ging zurück in ihr badisches Heimatdorf.

Erwähnung muss noch finden, dass die Siebte von zwölf Geschwistern in der Familie stets als liebenswerte und tadellose Respektsperson galt. Mehrere Taufpatenschaften, die sie im Laufe ihres Lebens verrichtete, sprechen wohl eine klare Sprache. Um das Jahr 1910 sorgte sie außerdem für Verwandtschaftsnachzug, in dem sie ihrem Schwager eine Anstellung als Schlossgärtner bei dem Grafen zu Altleiningen-Westerburg im Ilbenstädter Schloss verschaffte. 1950, zum 70-jährigen Bestehen des Kindergartens, besuchte sie ein letztes Mal Groß-Karben. Am 29. November 1957 verstarb Schwester Christine in Grötzingen.

„Solche Legendschilder sollen in Zukunft noch an anderen Stellen in Karben installiert werden“, macht Bürgermeister Guido Rahn (CDU) deutlich. „Das ist eine wichtige Sache, damit die Leistungen historischer Persönlichkeiten für unsere Stadt nicht verloren gehen. Wer kann denn später noch etwas mit den Namen anfangen und Informationen werden in Zukunft auch nur spärlich zu finden sein.“

Unter 100 Euro koste ein Schild, bilanziert Rahn. Ideen für weitere Installationen gäbe es bereits. Zu den möglichen Kandidaten zählen demnach der ehemalige Taunusbrunnen und die geplante Siesmayer-Straße in Groß-Karben.

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