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Die Stadt Karben will ein Projekt zur Förderung von jungen Sportlern unterstützen.

Viele kritische Fragen

Wie Karben seine Top-Nachwuchssportler halten will

Die Pressekonferenz zur Neugründung des Vereins „athletic team karben“ verlief anders als von der Stadt und den Vereinsverantwortlichen gedacht.

Karben – Marc Tortell ist ein erfolgreicher Nachwuchssportler. Der 1500-Meter-Läufer, der seit fast vier Jahren für den TV Rendel antritt, hat durch seine guten Platzierungen bundesweit von sich reden gemacht. Vor allem in diesem Jahr, denn da ist er Deutscher Meister der U23 geworden und hat zudem einen zweiten Platz bei den DM der Aktiven gemacht. „Bekannte Vereine von außerhalb Hessens“ hätten nach ihm die Fühler ausgestreckt, wollten ihm beste Trainingsbedingungen und eine finanzielle Basis für die Ausübung als Spitzensportler bieten. „Marc hat Angebote von mehreren Großvereinen gehabt“, sagt sein Vater Enrique Tortell. Er sitzt am Ende einer Tischreihe, an der einige junge Athleten ebenso Platz genommen haben wie Leichtathletik-Trainerin Uta Tortell und Bürgermeister Guido Rahn. Sie alle haben darüber gesprochen, wie die Abwanderung des Ausnahme-Athleten verhindert werden könnte. Und sind darauf gekommen, einen eigenen Verein zu gründen.

Im Saal des Bürgerzentrums zeigt sich dann, wie weit fortgeschritten die Bemühungen bereits sind. Sogar ein eigenes Logo und eigene T-Shirts wurden schon entworfen und gedruckt. Man hat die Farben aus dem Stadtwappen aufgegriffen. Ein angedeutetes A, das auch als K erkannt werden könnte. Der stilisierte Buchstabe wird von Kreisen umschlossen, die die Laufrunden symbolisieren sollen.

Karben: Keine Konkurrenz für andere Vereine

Das wird ebenso per Beamer an eine Leinwand geworfen wie die Namen der sechs Läuferinnen und Läufer des (Deutsch übersetzten) Athletik-Teams. Neben Marc Tortell sind das Christian von Eitzen vom LC Rehlingen, der sich dem Karbener Team angeschlossen habe, Jaakkima Rösler von der SG Schlüchtern, sowie die drei Läufer des TV Rendel, Jonas Kilian, Gina Marielle Schürg und Lara Tortell.

Bürgermeister Rahn sagt, man habe schon Gespäche mit den heimischen Vereinen geführt und ihnen erläutert, „dass einige erfolgreiche Karbener Sportler schon weggegangen sind“. Wenig später widerspricht Beate Spruck vom TV Rendel vehement: „Wir haben noch keinen einzigen Athleten an einen anderen Verein verloren.“

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Man wolle, so Rahn, generell verhindern, dass Karbener Nachwuchsssportler aus der Stadt abwandern. Er kenne die Bedenken der anderen Vereine, versichere aber: „Hier entsteht keine Konkurrenz zu anderen Vereinen.“

Doch der Vorsitzende des noch nicht im Vereinsregister eingetragenen Vereins, Enrique Tortell, versucht wie der Bürgermeister, davon zu überzeugen, warum der neue Verein gegründet werden soll. Dort wie in der Präsenation heißt es, dass erfolgreiche Sportlerinnen und Sportler auf Landes- und Bundesebene hohe Kosten verursachen. Equipment, Trainer, Trainingslager und Wettkämfe mit weiten Anreisewegen, Übernachtungen und vielem mehr. Im vergangenen Jahr seien allein im dritten Quartal 4400 Kilometer an Fahrten angefallen. „Das ist ein Kostenvolumen, das den bestehenden Mehrspartenvereinen nicht zuzumuten ist“, sagt der Vorsitzende.

Karben: Mit Firmen gesprochen

Doch diese Argumente wie auch ein Filmchen, das die Emotionen der Athleten in den Wettkämpfen zeigt, vermögen die kritischen Fragen nicht zu verhindern. Man hört viel Skepsis heraus, als die Vorsitzenden des TV Rendel, der TG Groß-Karben und des KSV ihre Fragen formulieren. Martin Menn etwa sagt, der Name Athletic bedeute, dass es den Initiatoren wohl nicht nur um das Laufen gehe. Trainerin Uta Tortell widerspricht: „Nein, es geht nur ums Laufen.“ Der Vorsitzende des TV Rendel, Cristian Zang, meint gar, er habe „bis letzte Woche davon noch gar nichts gewusst“. Und Jörg Wulf, Vorsitzender des Karbener Sportverreins und Sportkreisvorsitzender, sagt, er habe das Gefühl, „dass hier eine Ausgründung stattfindet“. Die anderen Karbener Sportvereine äußern die Angst, dass der neue Verein ihnen die erfolgreichen Sportler abwerben will.

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Das solle nicht passieren, versichern die Gründer und der Bürgermeister. Und natürlich stellen sich an diesem Abend die Fragen nach der Finanzierung. Dazu gibt es keine konkreten Auskünfte. Tortell verweist darauf, es seien Interna, wie viel Geld benötigt werde. Wulf wirft rund 15.000 Euro per anno pro Athlet in die Runde, eine Summe, die der künftige Vorsitzende vehement zurückweist. Nach der Pressepräsentation meint er, man habe mit Firmen gesprochen. „Auch überregionale Sponsoren sind bereit, uns zu unterstüzen“, sagt Tortell auf Nachfrage dieser Zeitung. Das Stadtoberhaupt betont, die Stadt habe „noch gar nichts gegeben“. Zunächst müssten in der Verwaltung die Sportförderrichtlinien überarbeitet werden. Die Verwaltung werde einen Vorschlag machen und diesen dann den Gremien unterbreiten.

Von Holger Pegelow

Kommentar: Mangelhafte Kommunikation

Die Initiatoren des neuen Lauf-Vereins müssen es ziemlich eilig gehabt haben, das spürte man bei der öffentlichen Präsentation im Bürgerzenrum ganz deutlich. Wie sonst wäre es zu erklären, dass die Vorsitzenden der Vereine, unter deren Namen die Athleten zurzeit noch starten, skeptisch sind. Möglicherweise ist aufgrund der knappen Zeit zu wenig Überzeugungsarbeit geleistet worden.

Dabei ist das, was gerade in Karben passiert, im Spitzensport nicht ungewöhnlich. Immerhin benötigen erfolgreiche Sportlerinnnen und Sportler, auch der Nachwuchs, jede Menge Geld – bei den Profis ist Sponsoring gang und gäbe. Man nehme nur Eintracht Frankfurt, das ist wie die Karbener Vereine ein Mehrspartenverein. Die Profifußballabteilung ist aber eine eigene Aktiengesellschaft – allerdings unter dem Namen des traditionsreichen Vereins.

Genau hier könnte, neben der vermuteten mangelhaften Kommunikation, der Hauptgrund für die deutlichen Ängste der Karbener Vereine liegen. Denn erfolgreiche Läufer würden ab 2020 unter der Flagge des neuen Karbener Vereins und nicht mehr unter der des TV Rendel oder der TG Groß-Karben starten.

Angesichts dessen wundert es nicht, dass die Stadt den neuen Weg verständlicherweise fördern möchte. Immerhin würde der Name Karbens weit über die Stadtgrenzen hinaus bei Sportveranstaltungen erklingen.

Aber man muss annehmen, dass der Bürgermeister noch viel Überzeugungsarbeit leisten muss. Und auch die Gründer des neuen Vereins werden in einen intensiven Dialog mit den Vorständen der anderen Vereine treten müssen. Sonst wird es ab Januar statt eines Miteinanders ein Nebeneinander, schlimmstenfalls sogar einen Konkurrenzkampf zwischen den Vereinen geben. Der würde aber niemandem nutzen, weder den Athleten noch der Stadt.

Von Holger Pegelow

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