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Blühstreifen »aus Versehen« abgemäht

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Prof. Roland Prinzinger steht an dem abgemähten Blühstreifen in Klein-Karben. Normalerweise grenzt der Streifen direkt an den Feldrand. © Red

In seinem Fachbereich Biologie kennt sich Professor Roland Prinzinger von der NABU-Ortsgruppe Karben bestens aus. Umso weniger versteht er den Umgang mit den Blühstreifen in Karben.

Als wäre es fest im Kalender eingeplant: Jedes Jahr zur Blütezeit beginnt der städtische Bauhof mit dem Abmähen wichtiger Biotope an den Feldrändern. Prinzinger besitzt Fotos von einem rund 250 Meter langen Blühstreifen am Ende der Hanauer Straße in Klein-Karben sowie von einer etwas kleineren Fläche am Rendeler Ortseingang. Auf jedem Streifen können zwischen 30 und 40 verschiedene Pflanzensorten wachsen.

»Was soll die alljährliche Mäherei?«, möchte er wissen. Offensichtliche Gründe dafür könne er keine ausmachen. Als ein Erklärungsversuch sei ihm die Gewährleistung des Wasserabflusses in Hanglage genannt worden. Dem widerspricht der Experte: »Durch den Acker selbst und einen vor der Grundstücksgrenze angelegten Graben ist der Wasserabfluss auch bei Starkregenereignissen gesichert. Der Blühstreifen stört dabei überhaupt nicht.« Die Punkte Sauberkeit und Verkehrssicherheit, wie sie für die Grünfläche in Rendel angeführt wurden, möchte er gar nicht erst kommentieren.

Stattdessen ruft Prinzinger die Wichtigkeit solcher naturbelassenen Areale in Erinnerung. Blühstreifen seien Lebensraum für unzählige Pflanzen- und Insektenarten, Futterquelle für Kleintiere und nicht zuletzt ein ästhetischer Anblick im Einklang mit der Ackerlandschaft. »Ein Fachmann kann ohne Probleme auf einem kleinen Stück einhundert verschiedene Insektenarten entdecken«, schätzt der NABU-Experte. »Viele davon dienen wiederum anderen Tieren als Nahrungsquelle.«

Bürgermeister zeigt wenig Verständnis

Innerhalb von höchstens fünf Minuten sieht sein geschultes Auge Zwergbienen, Kohlschnaken, Hummeln, Heuschrecken und Zikaden in unterschiedlichen Größen. Es gelingt ihm sogar, zwei kleine Heuschrecken mit der Hand zu fangen. Bei genauem Hinschauen kann man deren verschiedenartige Färbung erkennen. Der Mikrokosmos am Feldrand offenbart ständig neue Details.

Einmal habe er gegen das Abmähen gerade noch rechtzeitig intervenieren können, erinnert sich Prinzinger. Damals seien die Arbeiten sofort gestoppt worden. Er sagt: »Den Bauhof-Mitarbeitern kann man keinen Vorwurf machen. Sie bekommen einen Auftrag, den sie ausführen. Ich versuche immer freundlich mit anderen Menschen zu reden. Sie sollen selbst überlegen, ob das, was sie machen, sinnvoll ist.« Bürgermeister Guido Rahn (CDU), habe keinerlei Verständnis für die Mähaktion gezeigt. Im Umweltbericht der Stadt Karben werde die Aktion ebenfalls dokumentiert.

In einer offiziellen Stellungnahme räumt die Stadt Karben jetzt ein, dass es zu einem Fehler gekommen sei. Pressesprecher Dominik Rinkart kann dies aber nur für den Blühstreifen im Bereich der Hanauer Straße in Klein-Karben bestätigen, nicht so für den Ortseingang Rendel. »Wir können bestätigen, dass in der Hanauer Straße vor etwa acht Wochen ein Blühstreifen versehentlich abgemäht wurde«, schreibt er in einer E-Mail an diese Zeitung. »Als der Mitarbeiter den Streifen abmähte, waren noch keine Blüten vorhanden, sodass dieser bedauerliche Fehler passierte. Soweit wir wissen, ist dies jedoch der einzige Fall.« Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bauhofes würden sehr gewissenhaft darauf achten, wo sich Blühstreifen befinden und diese blühenden Flächen, so gut es geht, stehen lassen.

»Ich nehme der Stadt diese Darstellung durchaus ab«, teilt Professor Prinzinger in einem Telefongespräch mit. »Dennoch wäre es für die Zukunft wünschenswert, wenn man im Umgang mit den Blühstreifen mehr Sensibilität walten lassen würde.«

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