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»Bradykardie«: Wenn der Kreislauf plötzlich versagt

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Von: Jürgen Schenk

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»Unerwartet schnelle Abkühlung ist lebensgefährlich«, sagt Professor Roland Prinzinger aus Klein-Karben. © Jürgen Schenk

»Spring niemals ins kalte Wasser, ohne Dich vorher an dessen Temperatur gewöhnt zu haben!« Wer kennt die Warnung nicht? Doch vielen Badenden dauert das einfach zu lange. Der Körper ist völlig überhitzt, man schwitzt aus allen Poren. An heißen Sommertagen glauben die meisten Wärmegeplagten nur im Wasser schnelle Abkühlung zu finden. Professor Roland Prinzinger aus Karben erklärt, warum unerwartet schnelle Abkühlung lebensgefährlich sein kann.

T atsächlich ist das Eintauchen ins kalte Nass, erst recht mit dem Kopf voraus, für alle Menschen eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Denn der Körper reagiert beim plötzlichen Kontakt mit kaltem Wasser mit dem immer gleichen Reflex. Fachleute nennen das »Bradykardie«.

Herzfrequenz sinkt

extrem schnell

»Bei vielen Menschen, die in den letzten Hitze-Jahren ertrunken sind, hat im Wasser der Kreislauf versagt«, bilanziert Professor Roland Prinzinger. Der Gelehrte aus Klein-Karben war an der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Experte für den Fachbereich Physiologie (Herz-Kreislauf, Atmung, Stoffwechsel). 35 Jahre lang hat er dazu Vorlesungen gehalten. Einige Medizinstudierende haben bei ihm promoviert.

Prinzinger erklärt, warum unerwartet schnelle Abkühlung lebensgefährlich sein kann: »Die Herzfrequenz wird in Sekundenbruchteilen extrem gesenkt. Beim Menschen geht sie von 80 bis 90 Schlägen auf bis zu 30 Schläge pro Minute zurück. Die Atmung wird völlig gestoppt und die periphere Durchblutung durch starke Verengung der Blutgefäße gesenkt, um primär die inneren Organe mit Blut zu versorgen. Die Folge ist eine plötzliche und zum Teil starke Erhöhung des Blutdrucks im Körperinneren.«

INFO: Bradykardie

Eine krankheitsbedingte Bradykardie wird durch Störungen im automatischen Erregungssystem des Herzens verursacht. Die Herzkammern ziehen sich nicht häufig genug zusammen, um die Organe mit ausreichend Blut zu versorgen. Betroffene leiden unter Schwäche, Müdigkeit, Herzstolpern, Schwindel, Sehstörungen, Nervosität und/oder Atemnot. Bei ungenügender Sauerstoffversorgung des Gehirns kann es sogar zu Ohnmachtsanfällen kommen. Oft wird die Krankheit durch den Einsatz eines Herzschrittmachers behandelt. Das Gegenteil ist die Tachykardie, bei der das Herz deutlich zu schnell schlägt. jsl

Man muss diese Vorgänge richtig einordnen: Eigentlich handelt es sich bei dem willentlich nicht beeinflussbaren Reflex um eine überlebenswichtige Schutzreaktion. Dem Körper wird signalisiert, dass er sich plötzlich unter Wasser befindet und Ertrinkungsgefahr besteht. In manchen Fällen kann dieser Reflex aber auch »über sein Ziel hinausschießen«. Im Extrem droht dann ein plötzlicher Herztod. »Solche enormen Belastungen für den Organismus sind oftmals die Ursache, wenn Badende scheinbar ohne Grund untergehen und ertrinken«, führt Prinzinger aus. Und er mahnt: »Diese Effekte können auch bei sportlich durchtrainierten Personen auftreten und nicht nur bei gesundheitlich vorbelasteten Menschen.«

An trainierten Studierenden konnte Prinzinger die Bradykardie in seinen Vorlesungen über das EKG eindrucksvoll zeigen. Sein Ratschlag gilt deshalb für alle, unabhängig von Alter und körperlicher Konstitution: Langsam ins Wasser hineingehen und dabei Hände, Füße, den ganzen Körper und das Gesicht vorher mit Wasser abkühlen. Auf die physische und auch psychische Vorbereitung kommt es an. Als Beispiel nennt Prinzinger den Besuch in der Sauna. Dort sei der Mensch auf langsames Aufheizen und anschließendes Abkühlen vorbereitet und trainiert. Ebenfalls auf den Reflex eingestellt sind geübte Taucher. Durch die gesenkte Herzfrequenz können sie sogar mit weniger Sauerstoff auskommen. Bradykardie tritt nicht nur beim Menschen, sondern auch in der Tierwelt auf. Man kennt es von tauchenden Vögeln bis zu Blauwalen. Im Tauchgang sinkt deren Herzfrequenz ebenfalls um bis zu 50 Prozent. »Bradykardie betrifft alle Warmblütler«, unterstreicht Prinzinger.

Trinken in großer Menge

Wirksame Abkühlung an Hitzetagen wird immer mehr diskutiert. Bei Lufttemperaturen um die 40 Grad Celsius liegt die normale Körpertemperatur des Menschen teilweise drei bis vier Grad über der Norm. Schwitzen ist dann die einzig wirksame Strategie des Körpers gegen Überhitzung. Doch Schwitzen verbraucht viel Wasser und mit ihm auch die darin gelösten Salze. »Dieser Verlust muss durch Trinken in ausreichender Menge nachgeliefert werden«, empfiehlt Prinzinger.

Interessierte können Professor Prinzingers Fachbücher zum Themenbereich Physiologie in der Stadtbibliothek Karben ausleihen.

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