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Ausstellungen im In-und Ausland: Hannes Möller ist ein international bekannter Künstler.

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Herr der »verlorenen Bibliotheken«

  • VonChristine Fauerbach
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Die Gebrauchsspuren von Büchern faszinieren den in Klein-Karben lebenden Künstler Hannes Möller. Seine Buchporträts finden Eingang in seine Solitaire-, Brand- und Aschebücher-Projekte, die europaweit in Ausstellungen gezeigt werden. Seine Arbeiten sind unverwechselbar.

D en Künstler Hannes Möller beschäftigen historische Bücher in ihren vielfältigen Erscheinungsformen, Materialien und Farben, ihre haptischen und visuellen Qualitäten. »Ich schaue von außen auf die Bücher, lese sie nicht. Mir geht es um die Gebrauchsspuren.« Seine künstlerische Aufmerksamkeit gilt der Erfindung des Kunst-Objektes Buch. »Zu einem Block gebundene, beschriebene oder bedruckte Seiten liegen geschützt zwischen zwei Buchdeckeln, verbunden und gehalten durch einen Buchrücken. Häufig deutlich sichtbare Gebrauchsspuren wie abgeschabte Stellen, Risse, Kratzer oder fehlende Einband-Teile weisen auf eine vielfältige, teils jahrhundertelange Nutzung hin.

Mit der Kamera unterwegs

Seine Schätze findet der 67-Jährige in Bibliotheken, den »Kathedralen des Wissens«, vor allem in deren Archiven im In- und Ausland. Mit Unterstützung von engagierten Bibliothekaren und Bibliotheksmitarbeitern ist er in den Bibliotheken mit seiner Digitalkamera unterwegs. Er hält Eindrücke von charakteristischen Bücherwänden, Buchreihen und Einzelbüchern fest. Mit Hilfe der ihm als Vorlagen dienenden Fotos entstehen in seinem Klein-Karbener Atelier realistisch gestaltete Darstellungen von Buchrücken und Buchschnitten, vereinzelt auch von Kopfschnitten.

Das Bibliotheken-Projekt ist unterteilt in drei einzelne Projektteile: »Die verlorene Bibliothek«, »Solitaire-Reihe«, »Brandbücher- und Aschebücher«. »Alle Arbeiten aus meinem Bibliotheken-Projekt, mit Ausnahme der Aschebücher, sind auf schwarzem Grund in einer speziellen Mixed-Media-Technik, basierend auf Aquarell-Gouache-Malerei, auf Bütten entstanden.«

Berühmte Sammlung studiert

Sein künstlerisches Interesse für historische Bücher und Bibliotheken erwachte durch die Lektüre des 1974 in Leipzig erschienenen Buches »Alte Bibliotheken in Europa«. »Dort habe ich viele spannende Sachen entdeckt und bin dann 2007 nach Bernkastel-Kues gefahren, um mir in der Cusanus-Bibliothek die berühmte Handschriftensammlung des Humanisten Nikolaus von Kues anzusehen.« Es folgten Besuche in weiteren Bibliotheken etwa in St. Gallen, Oxford und London sowie in der durch deutsche Truppen zerstörten Uni-Bibliothek Leuven.

Es entstanden erste, in die Bibliotheksarchitektur eingebundene Buchreihen, danach Einzeldarstellungen, die er in seinen Arbeiten quasi aus ihrer Umgebung herauslöste. Die künstlerische Beschäftigung mündete in sein erstes großes Projekt »Die verlorene Bibliothek«. Bei einem Besuch im Zisterzienserkloster Eberbach im Rheingau wird er auf die Geschichte der Bibliothek aufmerksam. Die im Hochmittelalter rund 750 Schriften umfassende Eberbacher Klosterbibliothek wurde mehrfach zerstört. Endgültig aufgelöst wurde sie 1803 im Zuge der Säkularisierung. »Viele Bücher gingen, wie der Oxforder Professor Nigel Palmer in den 1990er Jahren recherchierte, nach England. Ein großer Teil - mehr als 200 Bücher - stehen heute in der Bodleian Library in Oxford und der British Library in London. Weitere Kostbarkeiten befinden sich in verschiedenen deutschen Bibliotheken.«

Möller hat 100 faszinierende Porträts von Handschriften und Inkunabeln (Frühdrucke) aus der ehemaligen Bibliothek des Klosters Eberbach angefertigt und zu einer imaginären Bibliothek zusammengestellt. Weitere Bestandteile des Bibliotheken-Projektes sind die Bilderzyklen »Brandbücher« (durch Hitze und Wasser beschädigt, restaurierbar) und »Aschebücher« (teils verkohlt, nur in Teilen restaurierbar) sowie die Reihe »Solitaire«.

In den Werkreihen mit zehn »Brandbüchern« und 30 »Aschebüchern« hat der Künstler die 2004 bei einem Großbrand in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar durch Feuer und Löschwasser zerstörten, unschätzbar wertvollen Bücher in seinen Buchporträts verewigt. »Ich zeige in meinen Arbeiten den Zustand der Beschädigung, mich interessiert die Ästhetik des Zerfalls.« Um diese in den »Aschebüchern« möglichst detailgetreu abzubilden, arbeitete der Künstler neben Farbe, Kohle und Ruß-Pigmenten auch Original-Asche der verbrannten Bücher ein.

Zu sehen sind die »Brandbücher« und »Aschbücher« ab Herbst 2022 in Darmstadt. Im Sommer nächsten Jahres ist eine »Solitaire«-Ausstellung in Hildesheim geplant. Bei »Solitaire« handelt es sich um eine Reihe von großformatigen Bücher-Darstellungen aus europäischen Bibliotheken.

Geboren ist Hannes Möller 1954 im niedersächsischen Dinklage. Nach dem Fachabitur studierte er von 1975 bis 1980 an der Kunstschule Westend in Frankfurt die Fächer Freie Malerei, Zeichnung und Illustration. Seine erste Einzelausstellung hatte er im Jahr 1977. Seit 1980 ist Hannes Möller als freischaffender Künstler tätig. Von der Gründung 1980 bis zu deren Auflösung 1982 war er Mitglied der »Gruppe Triptychon«. Arbeitsaufenthalte führten ihn nach Südfrankreich, in die Toskana, nach Elba sowie Mitte der neunziger Jahre nach Paris und auf die Kanarischen Inseln.

Hannes Möller unterrichtet neben seiner künstlerischen und Ausstellungs-Tätigkeit Nachwuchsrestauratoren und Zeichnen an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. cf

Dieser Artikel stammt aus der Wetterauer Zeitung.

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