1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis
  4. Karben

Mineralwasser ist längst passé

Erstellt:

Kommentare

wpa_Taunusbrunnen_2022_0_4c_11
So hat der Brunnen und Abfüllbetrieb einst ausgesehen. Die Aufnahme stammt vermutlich aus der Zeit nach dem Weltkrieg. © Red

Wer mit dem Auto nach Karben hineinfährt, entdeckt den großen Schriftzug »Taunusbrunnen« auf der Eisenbahnbrücke. Ein Blick in die Geschichte.

Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Ist also Karbens Vorzeige-Wohngebiet zwischen Brunnenstraße und Main-Weser-Bahn schön? Für die einen ist es teures Wohnen im Reißbrett-Look, die anderen schwärmen von perfekter Verkehrsanbindung und kurzen Wegen zum Einkaufen. Und, man muss es zugeben: Wirklich schön anzuschauen war das Gelände vor den Baumaßnahmen nicht. Allenfalls umwehte die alte Industrieanlage ein gewisser morbider Charme.

Im neuen Wohnviertel erinnern die beiden Straßennamen Am Taunusbrunnen und Franz-Krug-Straße an die Geschichte des zu Kloppenheim gehörenden Ortes. Es deutet nichts mehr darauf hin, dass auf diesem Areal einst »natürliches kohlensaures Mineralwasser ersten Ranges« für die ganze Welt abgefüllt wurde. Der Taunusbrunnen war einer der größten Arbeitgeber in Karben.

Häufige Besitz- und Namensänderungen

1864 erwirbt die frühere Pächterin des Selzerbrunnens, Johanna Müller, das Gelände unweit ihres vormaligen Domizils. Es dauert aber noch Jahre, bis sie vom Kreisamt in Vilbel die Genehmigung zur Grundstückserschließung erhält. Erst im September 1872 wird die auf dem Gelände gefundene Mineralquelle von Dr. Otto Vogler aus Frankfurt und der Familie Müller-Marchand erbohrt.

Der Taunusbrunnen erfährt in diesen ersten Jahren wenig Konstanz. Immer wieder kommt es zu Besitz- und Namensänderungen. Nur ein Jahr nach seiner Inbetriebnahme kauft die Frankfurter Firma August Thiemann & Co. den Brunnen. Das Wasser gelangt in Steinkrügen (vielleicht auch schon in Flaschen) unter dem Namen »Natürliches Selser-Tafel-Wasser« in den Handel. Professor Fresenius stuft das Produkt als wertvolles Mineralwasser ein.

1875 geht die gesamte Niederlassung in den Besitz des Kölner Hoteliers Jacob Friedrich über, der den Betrieb in »Neuer Selserbrunnen J. Friedrich« umtauft. Aber auch dieses Unternehmen hat nicht lange Bestand. Eigentlich hätte dann sogar für einige Jahre der Union Jack über den Produktionshallen wehen müssen. Denn bis zur Mitte der 1890er Jahre übernimmt eine englische Firma mit dem sperrigen Namen »Taunus Spring Natural Water Company Limited of London« den Betrieb der Anlage.

Ab 1896 tritt der Namensgeber der heutigen Franz-Krug-Straße in Erscheinung. Krug war unter dem Vorbesitzer als Geschäftsführer und Prokurist tätig. Er gründet die »OHG Taunusbrunnen Groß-Karben F. Krug & Co.«, den Betrieb kauft er allerdings erst im Jahr 1903. Die typischen Backsteingebäude lässt Krug nach einem Großbrand im Oktober 1913 errichten. Ihre Fassaden haben die Zeiten überdauert.

Ein anderer Teil der Taunusbrunnenhistorie ist die Ansiedlung der Frankfurter Torpedo-Werke. Im Dezember 1943 werden sie als Teil der deutschen Rüstungsindustrie nach Groß-Karben verlegt, um die Waffenfertigung vor alliierten Bombenangriffen zu schützen. In den Hallen des Taunusbrunnens entstehen Zubehörteile für V-Waffen.

Nach Kriegsende nehmen die Torpedowerke ihre herkömmliche Produktion von Schreibmaschinen und Fahrrädern wieder auf. Das Anwesen ist weiterhin von den Amerikanern beschlagnahmt und wird erst 1953 an die Familie Krug zurückgegeben. Für elf Jahre lebt die Mineralwasserabfüllung wieder auf. 1964 wird die Produktion endgültig eingestellt.

Jetzt gibt es am Taunusbrunnen 190 Wohneinheiten für bis zu 500 Personen. Das Wohnen in dem Komplex ist nichts für den schmalen Geldbeutel. Der Preis für eine Eigentumswohnung kann eine halbe Million Euro und mehr betragen. Auf dem Gelände haben sich inzwischen verschiedene Geschäfte und Dienstleister niedergelassen.

wpa_Taunusbrunnen_2022_0_4c_10
Das Schild und die Backsteinfassade haben es in die Moderne geschafft. © Red
wpa_Taunusbrunnen_2022_0_4c_12
Der Taunusbrunnen von den Bahngleisen aus fotografiert . © Red

Auch interessant

Kommentare