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Persönliche Erinnerungen

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Von: Jürgen Schenk

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Rückblick und Einblick: Die Ausstellung im Rathaus zeigt eine vielfältige Auswahl an Bildern aus den früher selbstständigen Gemeinden. © Jürgen Schenk

Geschichte wird spätestens dann lebendig, wenn persönliche Erinnerungen zum Tragen kommen. Den Beweis erbrachte der Historiker Dr. Dieter Wolf kürzlich im Karbener Bürgerzentrum.

»Karben - moderne Stadt mit dörflichen Traditionen« war der Titel seines Bildervortrags zum 50-jährigen Jubiläum der Stadt Karben. Gleichzeitig eröffnete er mit diesem Vortrag eine Bilderausstellung des Karbener Geschichtsvereins, die bis Ende August in den Fluren des Rathauses zu sehen ist.

Gezeigt werden Fotografien vom Leben in den früher selbstständigen Dörfern Groß-Karben, Klein-Karben, Okarben, Rendel, Petterweil, Burg-Gräfenrode und Kloppenheim.

Schon im Vorfeld ahnte Dieter Wolf, dass es sich »wahrscheinlich um einen seiner größten Vorträge« handeln würde. Vor zwei Jahren geplant und wegen der Corona-Pandemie mehrmals verschoben, konnte der geborene Nieder-Wöllstädter jetzt sein umfangreiches Wissen mit teilweise neuen Aufnahmen den Gästen näherbringen.

Dabei unterlegte er gleich zu Beginn die Flut an Bildern und Informationen mit Erinnerungen aus seiner Kinder- und Jugendzeit. Diese persönliche Note machte das Erzählte greifbarer. Klar wurde dabei auch, warum sich Wolf bereits im Jugendalter nicht nur mit seinem Heimatdorf Nieder-Wöllstadt, sondern auch mit der Historie Karbens beschäftigte. »Als kleiner Bub war ich oft in Groß-Karben«, erinnerte er sich. »Wenn ich mit dem Zug von Nieder-Wöllstadt dorthin fuhr, war ich zwar an der Station Groß-Karben, aber noch lange nicht im Dorf selbst. Eine Tante aus Nieder-Wöllstadt hatte als Kriegerwitwe in eine alte Groß-Karbener Brennstoffhandlung eingeheiratet. In ihrem Haus faszinierten mich vor allem die stattlichen Möbel im Wohnzimmer. Mein Vater meinte später, dass sie Juden gehört hätten und bei einer Versteigerung in den Besitz der Familie gekommen seien.«

Eine weitere Berührung mit den »braunen« Altlasten Groß-Karbens stellte für Dieter Wolf ein SA-Hemd dar. Vermacht wurde es ihm aus dem Nachlass des verstorbenen zweiten Mannes der Tante. »Im Wohnzimmer hing ein beeindruckendes Ölgemälde vom Leonhardischen Schloss, das mein Interesse an diesem Gebäude weckte«, weiß er noch. »Als ich 1966 nach Friedberg ins Gymnasium kam, lernte ich viele Klassenkameraden aus den Karbener Dörfern kennen. Mit dem Fahrrad oder der Bahn besuchten wir uns öfters gegenseitig.« Die Oma eines Okärber Klassenkameraden habe ihm damals ein Original-Exemplar mit Peter-Geibel-Gedichten geschenkt. Und mit herausragenden Karbener Persönlichkeiten wie Günter Reutzel oder Helmut Heide sei er bestens bekannt gewesen.

Dagegen ist die Geschichte von Dieter Wolfs Großmutter auf tragische Weise mit Groß-Karben verwoben. Mitte Februar 1945 sollte sie als Ehefrau eines Halbjuden (jüdische Mischehe) in das Getto Theresienstadt gebracht werden. Im Haus der Bella Vogt in Groß-Karben musste sie mit Ida Veith auf den Abtransport warten. »Zusammen entgingen die Eingekerkerten knapp dem Gastod. Meine Oma kehrte nach der Befreiung des Gettos einige Wochen später zu ihrer Familie zurück«, berichtete Wolf.

Im zweiten Teil seines Vortrags referierte der Historiker über die Geschichte Karbens vor und nach der Stadtgründung. Seine Expertise kann unter anderem in den Karbener Heften und anderen Publikationen nachgeschlagen werden.

Fragen zu Ortsnamen, Erst-erwähnungen und Wüstungen beantwortete er, wie er sagt, nach bestem Wissensstand. Interessant waren einmal mehr seine Ausführungen über die Karbener Ritterfamilien und deren Besitzungen im heutigen Stadtgebiet sowie die Dorfbefestigungen in der frühen Neuzeit. In einem weiteren Punkt behandelte er den Selzerbrunnen, von dem er ein bis dato unbekanntes Gemälde präsentieren konnte.

Die Zeit vor und nach der Stadtgründung habe er kritisch verfolgt, verriet Wolf. Er zeigte alte Zeitungsausschnitte aus der Lokalpresse, die den Zusammenschluss der sieben Gemeinden eher klein machten. Von der »Sieben-Dörfer-Stadt« Karben oder einer aus dem Boden gestampften Stadt war darin die Rede. »1970/71 wurde eine urbane Mitte kaum wahrgenommen«, stellte er fest. »Trotz aller Entwicklungen in den nachfolgenden Jahrzehnten ist es gelungen, das historische Gepräge in den Stadtteilen teilweise zu erhalten.«

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