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Poul Gast geht seinen Weg

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Eine Aufgabe, die Poul Gast als Altenpflegehelfer übernimmt, ist das Blutdruckmessen. © Red

Nach vier Jahren im Berufsbildungswerk Südhessen in Karben hat Poul Gast eine erstaunliche Entwicklung genommen.

Karben (pv). Empathie und Geduld sind für Poul Gast Eigenschaften, die für seine Arbeit in der Altenpflege wichtig sind. »Ich kann nicht einfach sagen, es ist mir egal, wenn jemand zu weinen anfängt«, sagt der junge Mann, der im bbw seine Ausbildung zum Fachpraktiker Hauswirtschaft mit Zusatzqualifikation Altenpflegehelfer absolviert hat. Auch Kontaktfreude gehört zu den Voraussetzungen, denn »in diesem Beruf muss man liebevoll sein und auf Menschen eingehen können«, weiß Poul Gast. Kontakt mit anderen aufnehmen war nicht immer leicht für den ruhigen jungen Mann. Im bbw hat er gelernt, seine extreme Schüchternheit zu überwinden und selbstbewusst auf andere zuzugehen.

Poul Gast kam mit 16 Jahren direkt nach der Schule ins bbw. Ohne Hauptschulabschluss, denn dafür waren seine Noten zu schlecht, besonders mit Mathe hatte er Probleme. »Beim Elterngespräch in der Schule war jemand von der Arbeitsagentur dabei und empfahl mir, das bbw zu besuchen. Ich wollte erst nicht hierherkommen. Ich war sehr schüchtern und hatte überhaupt kein Selbstvertrauen. Aber meine Familie meinte, ich solle es einfach mal probieren. Im bbw habe ich Freunde gefunden und ab da gefiel es mir«, erinnert sich der 20-Jährige.

Faible für

Altenpflege

Bei der Berufsauswahl war sich Poul Gast von Anfang an sicher: Nach einer vierwöchigen Arbeitserprobung startete er in die Ausbildung zum Fachpraktiker Hauswirtschaft mit dem zusätzlichen Abschluss zum Altenpflegehelfer. »Meine Oma war auch Altenpflegerin. Daher kannte ich den Beruf. Und mit der anderen Oma bin ich als Kind oft ins Altenheim gegangen, ihre Patentante besuchen. Das hat damals schon mein Interesse geweckt. Ich habe dort immer gute Laune verbreitet, das gefiel mir«, erzählt Poul Gast.

Inzwischen hat er seine praktische Ausbildung in einer Einrichtung der stationären Altenpflege absolviert. Bis zu drei Monate dauerten die Praxisphasen, in denen er in der ausbildenden Pflegeeinrichtung mitgearbeitet und praktische Erfahrungen bei der Verpflegung, Körperhygiene oder in der Beschäftigung älterer Menschen gesammelt hat. »Ich helfe den älteren Menschen beim Waschen und Anziehen und bin für sie da, wenn sie mal reden wollen. Ich helfe ihnen beim Essen und Trinken und wenn Zeit ist, können wir auch mal eine Partie ›Mensch ärger dich nicht‹ spielen«, erzählt Poul Gast.

»Man braucht Ausdauer und Geduld, denn die Pflege älterer Menschen kann anstrengend sein. Ich bin ja den ganzen Tag auf den Beinen.« Mit dem Tod werde er in seinem Arbeitsalltag auch konfrontiert. »Den ersten Toten zu sehen, war komisch. Aber man lernt, damit umzugehen, denn das Sterben gehört zum Leben. Darauf sind wir in der Ausbildung vorbereitet worden. Auch deshalb ist es wichtig, immer eine gewisse Distanz zu bewahren«, sagt er. In seiner Arbeit mit älteren Menschen erfahre er viel positive Resonanz: »Die Bewohnerinnen und Bewohner freuen sich, dass ich für sie da bin, und sie zeigen mir immer wieder ihre Dankbarkeit.«

Vom Wohnen im

bbw profitiert

Die Zeit im Berufsbildungswerk hat Poul Gast beruflich weitergebracht. Auch persönlich haben ihn die Jahre wachsen lassen. Von extremer Schüchternheit und mangelndem Selbstvertrauen sei heute nichts mehr zu spüren. Er ist im bbw »selbstbewusster und selbstständiger geworden«. Dass Poul Gast während seiner Ausbildung im bbw gewohnt hat, hat ihm dabei geholfen. Im ersten Jahr lebte er im Wohndorf auf dem Campus Am Heroldsrain, danach zog er in eine der bbw-Außenwohngruppen um, die sich in Karben und Bad Vilbel befinden. Hier hat er seinen Alltag stärker selbst in die Hand nehmen müssen. »Ich bin durch das Wohnen hier richtig eigenständig geworden. Im Wohndorf wurden wir von Erzieherinnen und Erziehern noch angeleitet. In der Außenwohngruppe lebe ich freier und musste mich selber um vieles kümmern.« Schulisch habe er vom der Förderunterricht profitiert. Seine Note in Mathe könne sich jetzt sehen lassen. »Mathekenntnisse sind besonders wichtig für die Arbeit in der Hauswirtschaft. Ich muss doch Mengen umrechnen können, damit die Rezepte oder der Einkauf für größere oder kleinere Gruppen stimmen«, sagt er.

In seiner Ausbildung habe er schnell gelernt, sich mitzuteilen, Verantwortung zu übernehmen und persönliche Standpunkte durchzusetzen und trotz Zweifeln nicht aufzugeben. Es habe tatsächlich Momente in seiner Ausbildungszeit gegeben, in denen er überlegte, ob er weitermachen solle. Gerade in der Corona-Pandemie sei die Arbeit in der Altenpflege nicht leicht gewesen.

Jetzt ist er dabei, seinen Abschluss zu machen. Die Besonderheit für ihn: Er legt zwei Prüfungen ab, eine zum Fachpraktiker Hauswirtschaft vor der Industrie- und Handelskammer und die Prüfung zum Altenpflegehelfer mit staatlicher Anerkennung durch das Regierungspräsidium Darmstadt. Und was er noch geschafft hat: Er hat den Hauptschulabschluss nachgeholt.

Der Doppelabschluss in Hauswirtschaft und Altenpflege sei eine ideale Kombination für ihn. Mit diesen Qualifikationen habe er große Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Denn die Nachfrage nach Arbeitskräften im Pflegebereich ist groß. Und Poul Gast hat schon Angebote: Der Arbeitgeber, bei dem er seine Ausbildung absolviert hat, hat Interesse an einer Weiterbeschäftigung angemeldet.

Junge Menschen fördern

Jungen Menschen mit Förderbedarf neue Perspektiven zu eröffnen, sie auf dem Weg von der Schule in den Beruf zu begleiten, bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern und ihre Beschäftigungsfähigkeit zu stärken - das ist Ziel und Aufgabe des Berufsbildungswerks Südhessen (bbw) mit Sitz in Karben. Unter dem Dach des bbw befinden sich das »berufsbildungswerk« mit Ausbildungs- und Berufsvorbereitungsangeboten, der Jugendhilfebereich »welträume« und die »neue akademie« mit Dienstleistungen für Betriebe im Themenfeld Inklusion.

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