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Seit der Kindheit von Brieftauben fasziniert

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Von: Anne-Rose Dostalek

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Heinz Fortmann mit Erwin, eine handzahme Taube, die er zur Züchtung einsetzt. © Anne-Rose Dostalek

Die gurrenden grau-blauen Haustauben kennt jeder. In den Augen vieler Städter sind diese Allerweltsvögel oft ein Ärgernis. Aber Brieftauben mit ihrem legendären Orientierungssinn sind etwas Besonderes. Ihre Haltung, Zucht und Flugleistung ist in diesem Jahr in den Rang eines immateriellen Unesco-Weltkulturerbes erhoben worden. Wir besuchen anlässlich des Welttags der Brieftaube den Klein-Karbener Brieftaubenzüchter Heinz Fortmann.

I m Taubenschlag von Heinz Fortmann (57) in Klein-Karben gurrt es ununterbrochen. Feiner Staub liegt in der Luft, denn regelmäßig schlagen die Vögel mit den Flügeln. Es ist Brutsaison, und in den Nistzellen sitzen Tauben auf ihren Eiern, mehr als zwei sind es nie. Männchen und Weibchen wechseln sich ab, erklärt Fortmann. Von März bis August dauert die Brutsaison, nach 17 Tagen schon schlüpfen die Taubenjungen, und nach dem ersten Gelege erfolgt sogleich das zweite. Für regelmäßigen Nachwuchs ist also gesorgt bei Fortmann, der aktuell 40 Zuchtpaare versorgt. Die Gesamtzahl seiner Brieftauben schätzt er auf 400. Täglicher Freiflug wird ihnen ermöglicht. Seine Leistungsträger hält er besonders im Auge. Sie wird er in der beginnenden Flugsaison auf Reisen schicken - erst die Altvögel, dann die Jungvögel. »Es kribbelt schon«, sagt Fortmann, denn in der Brieftaubenzucht geht es auch um die sportliche Leistung der Vögel und Meisterschaften. Ab Mai startet an jedem Wochenende der »Kabinenexpress«, ein artgerecht ausgestatteter Lastwagen für Tauben, mit dem die »Reisevereinigung Frankfurt-Taunus« die Tauben von etwa 45 Züchtern beziehungsweise Taubenschlägen zu festgelegten Auslassorten fährt. Insgesamt können es bis zu 2000 Tauben sein, die so zu 200, 300 oder gar 600 Kilometer entfernten Orten transportiert werden, um von dort aus zurück in den heimischen Schlag zu fliegen. Der Züchter bleibt zu Hause. Die Versorgung und den Auslass der Tauben am Einsatzort übernimmt ein Flugleiter. Da die Tauben alle beringt sind und zusätzlich einen Chip tragen, können die Züchter genau feststellen, ob und wann sie nach Hause gekommen sind. »Am Einflugloch ist ein Antennenfeld, sodass jede Taube elektronisch registriert und ihre Ankunftszeit erfasst wird«, erklärt Fortmann.

Eine Art »Sensor« im Schnabel

»Man weiß bis heute nicht genau, wie sich die Tauben orientieren«, sagt der Züchter. Vermutet wird ein Sensor im Schnabel, mit dem sie das Magnetfeld der Erde wahrnehmen können. In der näheren Umgebung merken sie sich Gebäude und Landschaftsmerkmale. Fortmann war schon als kleiner Bub von den besonderen Fähigkeiten und dem Charakter der Tauben fasziniert. Sein Opa im heimischen Vechta habe ihm die ersten Vögel in Obhut gegeben und sorgfältig darauf geachtet, dass sich der Enkel anständig um die Tiere kümmerte. Sorgen musste sich der Opa eigentlich nicht machen. »Ich war verrückt nach Tauben, erst Zuchttauben, dann Brieftauben«, gesteht Fortmann, ein großgewachsener schlanker Mann mit kurzgeschnittenem weißen Haarschopf. Er trägt Jeans und einen Sweatshirt, über den er eine schwarze Lederjacke gezogen hat.

Aus dem Schlag holt er eine Taube: »Das ist mein Erwin«, sagt er und umfasst sie mit ruhigen Händen. Dass es ein Altvogel ist, sieht man an der weißen, dicken und gewölbten Nasenwarze, die den Schnabel fast verdeckt. Erwin wird nicht auf Reisen geschickt, sondern ihn setzt Fortmann für die Zucht ein. »Das ist ein ganz Guter«, sagt Fortmann und streicht Erwin beruhigend das Gefieder aus. Charaktervoll sei der zehn Jahre alte Vogel und habe einen starken Orientierungssinn und Heimwärtsdrang. Ob Erwin das in seinen Genen weitergibt? Fortmann zuckt mit den Schultern. Er hoffe das, schicke die Nachkommen auf die Reise mit dem »Kabinenexpress«, probiere aus, sortiere aus, kreuze Verwandte oder andere Tauben ein.

Sie fliegen bis 120 Stundenkilometer

Wichtig ist dem Züchter die Gesundheit der Vögel, schließlich sind Brieftauben Leistungssportler, die je nach Wetterlage mit dem Wind bis zu 120 Stundenkilometer schaffen und lange Strecken bewältigen müssen. Auch das ist eine Kunst, die richtige Taube und das richtige Wetter zusammenzubringen. »Manche Tauben fliegen gerne bequem und schnell mit dem Wind, andere sind besonders stark in der Konkurrenz, wenn sie widrige Winde haben«, erklärt Fortmann. Auch Nervenstärke bräuchten Tauben, um Raubvögeln auszuweichen und nach Hause zu kommen.

Brieftauben zu züchten, das ist nach Ansicht von Fortmann ein faszinierendes und anspruchsvolles Hobby.

Im Sommer will er zu einem Tag der Offenen Tür auf dem ehemaligen Gelände des Klein-Karbener Kleintierzuchtvereins einladen. Einen Tip gibt er gerne: Wer eine erschöpfte Brieftaube auf dem Balkon entdeckt, kann über den Fußring mit Telefonnummer den Besitzer informieren.

Am Sonntag, 10. April, ist der Tag der Brieftaube. Coronabedingt wird es nicht die üblichen Tage der offenen Tür von Brieftaubenzüchtern geben. Gefeiert werden kann aber die Erhebung des Brieftaubenwesens zum UNESCO-Weltkulturerbe. Damit ist das Wissen der Menschen um die Tauben gemeint, die über Jahrhunderte entweder ganz friedlich als fliegende Boten eingesetzt wurden oder in Kriegszeiten zur militärischen Nachrichtenübermittlung missbraucht wurden. Die Brieftaubenzucht ist in Deutschland seit Kaisers Zeiten bis heute fest etabliert, die Zahl der Züchter ist aber kleiner geworden. dos

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