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Weil jedes Huhn einen Bruder hat

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Von: Jürgen Schenk

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Sebastian Mager vor seinem Hühnermobil am Waldrand in Klein-Karben. Inzwischen hält er eine Zweinutzungsrasse. Die Hühner legen weniger Eier, dafür werden die Hähne gemästet. Der Landwirt hofft, dass die Kundschaft das honoriert. © Jürgen Schenk

Fürs Tierwohl sind Hühnermobile optimal, weiß Bio-Landwirt Sebastian Mager. Der Klein-Karbener hat inzwischen auf die flexiblen Ställe umgestellt. Und noch was ist ihm wichtig.

Am Klein-Karbener Wald, ganz in der Nähe des Wasserhochbehälters Pelzkappe, steht seit geraumer Zeit ein kurioses Objekt. Von Weitem sieht es aus wie die Hälfte eines Mini-Fertighauses auf Rädern. Auf der Weide davor stolzieren jede Menge Hennen und vier Hähne umher. Das sind die Hausbewohner - oder, um genau zu sein, ein Teil davon. Der andere Teil ist drinnen und legt Eier.

Das HüMo (Hühnermobil) ist im Vergleich zu herkömmlichen Ställen das reinste »Luxushotel«. Vor allem haben die Tiere genug Bewegungsfreiheit. Denn die Bewohnerzahl liegt bei ungefähr sechs Tieren pro Quadratmeter. Wasser- und Futtertanks sowie Schlafplätze sind in einem separaten Bereich untergebracht. In der unteren Etage befindet sich ein Scharraum zur Beschäftigung und Körperpflege.

Männliche Kücken werden gemästet

Der Clou an der Sache: Wenn ein Standort abgegrast ist, kann das ganze Vehikel einfach mitsamt allen Tieren an einen Traktor angehängt und zum nächsten Weideplatz transportiert werden.

»Für das Tierwohl und eine biologische Hühnerhaltung ist das Hühnermobil optimal«, sagt der Klein-Karbener Bio-Landwirt Sebastian Mager. Der mobile Stall bedeute allerdings auch einen höheren Arbeitsaufwand und die Haltung der sogenannten »Zweinutzungshühner« eine um etwa ein Drittel reduzierte Eier-Legeleistung. Das wiederum schlage sich auf den Stückpreis der Eier im Verkauf nieder. »Trotzdem werden wir unsere Bio-Hennenhaltung künftig komplett vom festen Stall auf mobile Ställe umstellen«, kündigt Mager an.

Der Begriff »Zweinutzung« spielt dabei am Bioland-Magerhof eine tragende Rolle. Damit wird dem von der Bundesregierung beschlossenen Verbot des Kückentötens Rechnung getragen. Bis zum Ende des vergangenen Jahres wurden jährlich in Deutschland rund 45 Millionen männliche Kücken direkt nach dem Schlüpfen getötet, weil sich ihre Aufzucht im Vergleich zu den Hennen wirtschaftlich nicht rentierte. Sich die Hähne der Legehennenrassen nicht zur Mast eignen.

Auf dem Magerhof werden nun neben den Hühnern auch die zugehörigen Hähne gehalten. Unter Landwirten und Züchtern spricht man von »Bruderhähnen«. Bei den Zweinutzungshühnern legen die Hennen weniger Eier, damit die Hähne ein zufriedenstellendes Muskelwachstum haben und gemästet werden können. »In der konventionellen Hühnerhaltung leben Masthähnchen vier bis fünf Wochen, ehe sie geschlachtet werden«, erklärt Sebastian Mager. »Im Biobereich liegt die Mastdauer bei acht bis zehn Wochen. Hähne im Zweinutzungssystem sind nach 18 Wochen schlachtreif.« In dieser Zeit könne man ein wertvolles Lebensmittel erzeugen. Und, da ist er sich sicher: »Die Tiere haben bis dahin ein gutes Leben mit viel Auslauf. Auch Hähne müssen unter biologischen Bedingungen großgezogen werden. So können wir dem Prinzip Geschwindigkeit und Masse entgegenwirken.« Die Umstellung auf seinem Biobetrieb sei ein »Projekt mit offenem Ausgang«. »Das Ganze wird erst schlüssig, wenn nicht nur Eier und Suppenhühner, sondern auch die dazugehörigen Hähne von unseren Kunden konsumiert werden«, sagt der Landwirt.

Mobilstall als plus für die Fruchtfolge

Bis vor Kurzem mussten die Tiere noch auf ihre Auslaufmöglichkeiten verzichten. Wegen der über zwei Monate grassierenden Vogelgrippe mussten die Hennen und Hähne im Stall bleiben. Jetzt können sich die Tiere wieder auf den Wiesen picken und scharren. Interessant sei, dass die Hühner immer nur in einem relativ schmalen Korridor in der Nähe ihres Mobils unterwegs sind. Die weiter entfernten Bereiche bleiben grün. Das sei ein natürliches Schutzverhalten des Geflügels gegenüber Greifvogel-Attacken aus der Luft, berichtet Mager. So etwas käme zum Glück selten vor, aber sicher könne man sich nie sein. Auf dem Acker am Waldrand, wo das Hühnermobil steht, bieten kleine Verstecke aus Wellblech Schutz vor Angriffen.

Der Acker wird traditionell in einer Art Kreislauf bewirtschaftet: Im Moment wächst dort Luzerne zur Gründüngung. Nach zwei Jahren wird auf demselben Feld Weizen angebaut. Im vierten Jahr sind es Kartoffeln, im fünften Jahr wieder Weizen und danach Pflanzen wie Futtererbsen, Roggen, Dinkel oder Gerste. »Anschließend geht es wieder von vorne los«, erklärt Mager den Ablauf.

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