Die Landesärztekammer spricht von "systematischen Manipulationen" im Zusammenhang mit Organspende.
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Die Landesärztekammer spricht von "systematischen Manipulationen" im Zusammenhang mit Organspende.

Heftige Vorwürfe gegen Klinik

Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim: „Systematische Manipulationen“ bei Organspenden? Jetzt spricht die Prüfungskommission

Ob jemand ein neues Herz bekommt oder nicht, kann die Klinik nicht beeinflussen. Es sei denn, sie macht etwas Verbotenes.

  • Heftige Kritik an Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim
  • Bericht: Bei 12 von 28 Herztransplantationen Manipulationen festgestellt
  • Ärztlicher Geschäftsführer der Klinik weist die Vorwürfe zurück
  • Ghofrani: "Dokumentation der Behandlungen ließ allerdings missverständliche Interpretationen zu"
  • Höherer Akzeptanz von Organspenden Bärendienst erwiesen?
  • Staatsanwaltschaft ermittelt

Update von Freitag, 13.12.2019, 17.24 Uhr: Thomas Schwarz steht der Prüfungskommission vor, die gemeinsam mit der Überwachungskommission die Vorwürfe gegen die Kerckhoff-Klinik erhoben hat. Die WZ hat ihn am Freitag gefragt, ob denn einer der Patienten, bei denen manipuliert worden sein soll, aufgrund dieses Vergehens ein neues Organ bekommen hat. Bis auf zwei hätten alle geprüften Patienten ein neues Herz bekommen, sagte Schwarz. 

Die Frage ist nur, ob das Herz irgendwann später transplantiert wurde, als es dem Patienten tatsächlich so schlecht ging, dass er zurecht als hoch dringlich eingestuft wurde, oder ob die Transplantation nur vorgenommen wurde, weil vorher die Werte manipuliert worden waren. Schwarz dazu. "Ich kann aus unseren Aufzeichnungen keine Kausalität feststellen, dass Manipulationen unmittelbar zur Zuteilung eines Organs geführt hätten. Das ist allerdings nicht auszuschließen." 

Organspende-Skandal in Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim: Fehler können passieren

Fehlerhafte Meldungen für die Transplantations-Warteliste gebe es immer mal wieder, sagte Schwarz. Das geschehe dann aber wegen Unverständnis oder Unachtsamkeit. Es gebe Fälle, in denen Patienten wegen solcher Fehler ein Organ zugeteilt bekämen. Allerdings seien das keine Fehler, die systemisch und mit Vorsatz gemacht würden. "Insoweit ist die Kerckhoff-Klinik seit dem Prüfungszeitraum die einzige der geprüften Transplantationszentren in Deutschland, die sin dieser Art und Weise aufgefallen ist." Schwarz weiter: "Ich gehe davon aus, dass es sich an der Kerckhoff-Klinik nach diesen Vorfällen deutlich verbessert hat." ​

Update von Freitag, 13.12.2019, 15.25 Uhr: : Nach den massiven Vorwürfen gegen die Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik hat sich nun die Gießener Staatsanwaltschaft dazu geäußert. Sie ermittle wegen des Anfangsverdachtes der Körperverletzung und des Verstoßes gegen das Transplantationsgesetz, sagte Rouven Spieler, Sprecher der Behörde, am Freitag, auf Anfrage. 

Ersteres wegen eventueller Medikamentengabe in einem Ausmaß, das nicht indiziert gewesen wäre, der andere Anfangsverdacht bezieht sich auf den Vorwurf der Manipulation. 

Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Unbekannt

Bis die Staatsanwaltschaft eine Entscheidung trifft, dürfte es lange dauern. Die umfangreichen Ermittlungen könnten nicht schnell erledigt werden, sagte Spieler. Bisher werde gegen Unbekannt ermittelt, weil anhand der Akten nicht feststehe wer die – sollten die Vorwürfe zutreffen – handelnden Personen gewesen seien. Wie berichtet, wirft die Prüfungs- und Überwachungskommission, die unter anderem bei der Bundesärztekammer angesiedelt ist, der Klinik vor, Patienten eine höhere Medikamentendosis gegeben zu haben, um diese kränker aussehen zu lassen als sie gewesen seien. Dies mit dem Ziel, dass die Patienten als High Urgency (HU, hohe Dringlichkeit) gelistet werden und somit eine größere Chance auf ein neues Herz bekommen. 

Die Kommission hatte für den Zeitraum von 2013 bis 2015 zwölf Fälle als Manipulationen gewertet. Wie Rouven Spieler mitteilte, habe die besagte Kommission Anfang April Strafanzeige gestellt. Daraufhin seien umfangreiche Patientenakten beschlagnahmt worden, die im Zusammenhang mit den zwölf Fällen gestanden hätten. In der Anzeige sei der Verdacht geäußert worden, dass Medikamentendosen ohne medizinische Indikation verabreicht worden seien, um die Werte der Patienten zu verschlechtern. Damit habe die Klinik erreichen wollen, dass die Patienten auf HU gelistet werden und somit schneller ein Herz transplantiert bekommen. 

Bad Nauheim: Kerckhoff-Klinik übergibt externes Gutachten an Staatsanwaltschaft

Anfang November seien vonseiten der Kommission noch ausstehende Unterlagen eingereicht worden, sagte Spieler. Nun seien die Berichte vollständig. 

Ganz aktuell ist folgende Information: Am Freitag, 13. Dezember, hat die Kerckhoff-Klinik ein 400 Seiten starkes externes Gutachten an die Staatsanwaltschaft Gießen übergeben. "Die Kerckhoff-Klinik kooperiert in diesem Sinne", sagte Spieler. Nun sei es an der Staatsanwaltschaft, die die Sache zu bewerten. Eventuell werde die Behörde weitere Stellungnahmen oder Begutachtungen einholen.

Schwerer Vorwurf gegen die Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim.

Erstmeldung, 12.12.2019: Es sind 15 Seiten, die es in sich haben. Voller Fachbegriffe und gespickt mit heftigen Vorwürfen gegen die Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik. Lungen und Herzen von Verstorbenen werden dort Patienten eingepflanzt, die ohne dieses neue Organ nicht überleben würden. Wer ein Herz bekommt und wann, das hängt von diversen Faktoren ab. Insbesondere vom Gesundheitszustand des Patienten. Die Klinik meldet ihn für die Warteliste, die von der Stiftung Eurotransplant geführt wird. Alles andere liegt nicht mehr in den Händen der Klinik.

Also, müsste man meinen, kann das Krankenhaus nicht beeinflussen, ob einer ihrer Patienten kürzer auf ein neues Organ warten muss. Ein Trugschluss, wie der Bericht der Prüfungs- und Überwachungskommission für die Jahre 2013 bis 2015 verdeutlicht. Am Donnerstag wurde er vorgestellt.

Bei zwölf von insgesamt 28 Herztransplantationen in Bad Nauheim wurden Manipulationen festgestellt. Immer wieder sei die Medikamentendosis bei Patienten gesteigert worden, um für sie den Status "High Urgency" (HU, hohe Dringlichkeit) zu erreichen. Dazu muss man wissen: 85 Prozent aller transplantierten Herzen in Deutschland werden Menschen aus der Kategorie HU eingepflanzt, die 15 Prozent der Patienten auf der Warteliste ausmachen.

Bad Nauheim: Vorwürfe gegen Kerckhoff-Klinik vehement zurückgewiesen

Prof. Ardeschir Ghofrani, Ärztlicher Geschäftsführer der Kerckhoff-Klinik, weist die Vorwürfe vehement zurück: "Die Patienten wurden jederzeit auf höchstem medizinischen Niveau behandelt, und es wurde kein Patient gefährdet. Die Dokumentation der Behandlungen ließ allerdings missverständliche Interpretationen zu, die jedoch nicht der Realität entsprechen."

Eurotransplant sieht bestimmte Medikamenten-Mindestdosen für HU vor – allerdings unter der Voraussetzung, dass die Menge des Medikaments der Gesundheit des Patienten dient. Der Vorwurf der Kommissionen gegenüber der Kerckhoff-Klinik: Sie habe die Dosen gesteigert, damit die Patienten eine höhere Chance auf ein neues Organ haben, und nicht, weil es gesundheitlich sinnvoll gewesen wäre. Die Dosis-Erhöhungen ließen "den Patienten kränker erscheinen, als er tatsächlich ist".

In dem Moment, in dem ein Patient einen Vorteil erhält, hat ein anderer auf der Liste einen Nachteil. Hinzu kommt, dass der Umgang mit Medikamenten Patienten in Lebensgefahr gebracht habe. So heißt es an einer Stelle: "Diese Einträge spiegeln den medizinisch nicht fachgerechten Umgang mit hochwirksamen Medikamenten (Katecholaminen), welche mit quoad vitam bedrohlichen (lebensbedrohlichen, Anm. der Red.) Nebenwirkungen (lebensbedrohliche Rhythmusstörungen) einhergehen können, in diesem Zentrum wieder."

Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim: Staatsanwaltschaft untersucht Fall

Beim Durchlesen der anonymisierten Fälle tritt oft dasselbe Muster zutage: Ein Medikament – zum Beispiel Dobutamin – werde in höherer Dosis verabreicht, um den HU-Status zu erreichen. Werd dieser abgelehnt, dann werde auch die Dosis verringert. Sowohl das Erhöhen als auch das Senken einer Dosis kann für den Patienten gefährlich werden. Und es gebe einen logischen Widerspruch: Mit der hohen Dosis solle signalisiert werden, dass der Patient dringend ein neues Organ brauche. Werde dies von Eurotransplant abgelehnt, dann werde die Dosis verringert und so mancher Patient schnell entlassen. Erst sehr dringend und dann fit genug, um nach Hause zu gehen?

In einem Fall wurde ein Antrag abgelehnt, und bevor der nächste gestellt wurde, legte man an der Kerckhoff-Klinik fest, den Patienten zu entlassen, sollte Eurotransplant auch diesmal High Urgency ablehnen. Heißt: Entweder sterbenskrank oder gesund genug, um zu gehen.

Bad Nauheim: Bärendienst für höhere Akzeptanz von Organspende? 

Die Vorfälle an der Bad Nauheimer Klinik könnten dem Bemühen um eine höhere Akzeptanz von Organspenden einen Bärendienst erweisen. Diese Befürchtung hat wohl auch Dr. Edgar Pinkowski, Präsident der Landesärztekammer Hessen: "Nur durch Aufklärung kann die Spendebereitschaft gesteigert werden. Daher ist es umso schwerwiegender, wenn erneut bei einem Transplantationszentrum Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Spenderorganen festgestellt werden."

Aus dem Sozialministerium hieß es am Donnerstag auf Nachfrage:"Der Vorgang wird derzeit von der Staatsanwaltschaft untersucht. Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir uns zu laufenden staatsanwaltlichen Ermittlungen nicht äußern."

Info: Die Stellungnahme der Kerckhoff-Klinik

"Die Leitung der Kerckhoff-Klinik zeigt sich enttäuscht von den Vorwürfen der Prüfungs- und Überwachungskommission (PÜK)", heißt es in einer Stellungnahme der Bad Nauheimer Klinik. Der Prüfbericht wirft ihr systematische Richtlinienverstöße vor. Dazu äußert sich Prof. Ardeschiar Ghofrani, Ärztlicher Geschäftsführer der Kerckhoff-Klinik: "Die Patienten wurden jederzeit auf höchstem medizinischen Niveau behandelt, und es wurde kein Patient gefährdet. Die Dokumentation der Behandlungen ließ allerdings missverständliche Interpretationen zu, die jedoch nicht der Realität entsprechen. Ich bin zuversichtlich, dass alle Vorwürfe schon bald ausgeräumt sind. Um solche Missverständnisse in Zukunft auszuschließen, haben wir sofort umfassend und transparent reagiert und die Dokumentationsprozesse verbessert." Bei zwölf Patienten aus den Jahren 2013 bis 2015 leite die PÜK aus der Dokumentation der Behandlungen die Vermutung ab, dass medizinisch nicht notwendige Medikationen vorgenommen worden seien. Die Kerckhoff-Klinik macht hierzu klar, dass die Patienten zu jeder Zeit auf Grundlage des Krankheitsbildes und auf höchstem medizinischem Niveau behandelt worden seien. Trotz umfangreicher Erläuterungen sei die PÜK der Argumentationslinie der Klinik leider nicht gefolgt. Das einzige hessische Herztransplantationszentrum für Erwachsene gehe allerdings davon aus, dass am Ende des Prüfungsverfahrens seine Sicht bestätigt werde, heißt es weiter im Schreiben der Bad Nauheimer Klinik. Ein einziges Missverständnis? Die Voraussetzungen für die Listung als HU-Patient bestünden aus vielen medizinischen Indikatoren, nur einer davon sei die Medikation mit einer bestimmten Dosis von Katecholaminen. Die Grundlage für die im Prüfbericht geäußerte Meinung der PÜK sei eine unterschiedliche Interpretation eines Fachwortes in der Behandlungsdokumentation, heißt es weiter vonseiten der Kerckhoff. In der medizinischen Dokumentation sei häufig der Begriff "Zieldosierung" verwendet worden. Gemäß der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie werde bei der Behandlung von herzinsuffizienten Patienten mit Katecholaminen ein Zielkorridor angestrebt, in dem ein optimales Verhältnis zwischen Wirkung und Nebenwirkung für den Patienten zu erwarten sei. "Nicht nur in der Kerckhoff-Klinik wird dieses optimale Verhältnis mit Begrifflichkeiten wie ›Zieldosierung‹ beschrieben, auf die der Patient während des stationären Aufenthaltes Schritt für Schritt eingestellt wird. Die PÜK legte diese Terminologie jedoch in den meisten Fällen so aus, dass die Medikamentengabe ausschließlich zum Zweck der HU-Listung erfolgt sei. Dies war jedoch nicht der Fall.

agl

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