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Kinder ernst nehmen

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Kindergarten, Schule, Medienkonsum, Sucht- und Gewaltprävention - andauernd wird über Kinder und Jugendliche geredet. »Viel zu selten sprechen wir mit ihnen«, findet die Glauburger Bürgermeisterin Henrike Strauch (SPD) und lädt deshalb zu Spielplatzgesprächen ein, bei denen die Jüngsten aus der Gemeinde das Wort haben.

Es ist eine Binsenweisheit: Wenn man wissen will, wo die Leute der Schuh drückt, muss man zu ihnen hingehen. Die Glauburger Bürgermeisterin Henrike Strauch sucht auf Spielplätzen das Gespräch mit Kindern. Als Mutter einer inzwischen erwachsenen Tochter und mit reichlich Erfahrung in der Elternarbeit weiß sie, dass in kleinen Köpfen durchaus kluge Ideen herumspuken. Die will sie bei der Weiterentwicklung der Gemeinde berücksichtigen. Sie will aber auch wissen, was die Entscheidungsträger aus Sicht der Kinder besser machen können.

Frau Strauch, was erfahren Sie, wenn Sie sich mit Kindergartenkindern und Grundschülern auf dem Spielplatz treffen?

Erstaunlich einfache Dinge. Wir denken immer, dass Kinder alles Mögliche brauchen. Immer etwas Neues und etwas Besonderes. Das ist aber gar nicht so. In Stockheim beispielsweise hat mich ein Fünfjähriger verblüfft, der sagte, dass sich in der Wippe auf dem Spielplatz immer wieder Wasser sammele, und das sei doof, weil das Wasser beim Wippen stört. Weshalb macht ihr da nicht einfach ein Loch rein, damit das Wasser abläuft?, hat er mich gefragt.

Werden Kinder und Jugendliche von der Politik nicht ausreichend beachtet?

Beachtet werden sie schon, aber es ärgert mich, wenn wir Politikerinnen und Politiker Vorgaben machen, weil wir meinen zu wissen, was Kinder wollen und brauchen. Nein, wir müssen viel häufiger hingehen und sie nach ihren Bedürfnissen fragen und ihnen zuhören. Das geschieht meiner Meinung nach noch viel zu selten.

Haben Sie schon Beispiele aus Ihrer kurzen Amtszeit in Glauburg?

Unsere Kindertagesstätte »Regenbogen« in Stockheim ist durch das Hochwasser im Januar 2021 stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Als es nun um die neue Gestaltung des Außengeländes ging, war es mir wichtig zu erfahren, was die Kinder möchten. Deshalb habe ich die verschiedenen Kita-Gruppen gebeten, Wünsche zu sammeln, darzustellen und mir mitzugeben.

Das war vermutlich auch für den Elternbeirat zunächst ungewohnt. Aber die Ergebnisse haben am Ende alle überrascht und überzeugt. Während wir Erwachsenen vielleicht denken, die Kinder brauchen einen Wasserlauf und eine naturnahe Gestaltung, wünschen die Jungen und Mädchen sich eine Rutsche, eine Schaukel, einen Sandkasten. Die Spielplatzklassiker.

Was lernen Sie als Bürgermeisterin von den Kindern?

Offenheit. Kinder sind sehr klar in ihren Äußerungen und haben oft so einfache und schöne Ideen. Wenn wir uns darauf einlassen, können sie unseren Blick lenken und uns zu in ihrem Sinne »besseren« Entscheidungen führen. Um auf den Kita-Spielplatz in Stockheim zurückzukommen: Ein Wunsch der Kinder ist so eine Art Versammlungsplatz im Außengelände. Denn dort stehen nur »große« Bänke, keine kindgerechten Möbel. Ein anderes Beispiel ist die Spielplatzplanung. Wir gehen davon aus, dass zum Neubaugebiet »Hinter dem Falder«, das wir gerade in Stockheim entwickeln, unbedingt ein Spielplatz gehört. In ein paar Jahren sind die Kinder dort groß, dann verwaist oder verödet dieser Spielplatz. Die Kinder sagen: Weshalb stellt ihr nicht auf dem Platz neben dem Sportplatz in Stockheim Spielgeräte auf, denn dort sind wir sowieso oft?

Bei genauer Betrachtung ist das sicher die nachhaltigere Lösung. Aber es gibt durchaus noch andere Themen aus ihrem Lebensumfeld, die sie bewegen, etwa der Müll, der achtlos in die Landschaft gekippt wird, oder Autofahrer, die durch Wohngebiete rasen und keine Rücksicht auf spielende Kinder nehmen.

Wir haben jetzt viel von den Kindern geredet, die Sie offensichtlich regelrecht mit Ideen füttern. Wie steht es um die Jugendlichen?

Jugendliche sind sicher sehr viel schwerer zu erreichen. Sie merken schnell, wenn sie nicht ernst genommen werden. Und sie können es überhaupt nicht leiden, wenn wir Erwachsenen ihnen sagen, was vermeintlich gut für sie ist. Wir denken oft, wir müssten »Angebote« machen. Ich glaube nicht, dass man damit alle Jugendlichen erreicht. Gerade die, bei denen es zu Hause nicht so gut läuft, holen wir damit nicht ab. Sie brauchen ein offenes Ohr und Verständnis. Jugendliche wollen ganz oft einfach ihre Ruhe haben, das muss man akzeptieren. Und nicht so viel rummeckern.

Was können Erwachsene in der Kommunikation mit Jugendlichen besser machen?

Wir müssen auf die Jugendlichen zugehen und nicht warten, dass sie zu uns kommen. Das wird nicht passieren. Und wir dürfen keine Besserwisser sein, sondern müssen sie wirklich ernst nehmen, verlässlich sein, ihnen vertrauen und etwas zutrauen. Das ist sozusagen die Grundvoraussetzung. Diese Fragen sind gerade auch Thema in unseren Gremien. Wir diskutieren beispielsweise, Jugendlichen ein Rederecht im Sozialausschuss der Gemeindevertretung einzuräumen. Und ich recherchiere ein bisschen, wie es andere machen. Speed-Dating mit Kommunalpolitikern beispielsweise ist eine originelle Idee.

Sollen die Spielplatzgespräche eine ständige Einrichtung Ihrer Amtszeit werden?

Ja, das möchte ich unbedingt beibehalten, ich weiß allerdings noch nicht, in welchen Rhythmus. Auch über neue Formen für die Bürgergespräche denke ich nach. Ich möchte das alles ein bisschen zwangloser gestalten, weil ich überzeugt davon bin, dass man dann besser miteinander ins Gespräch kommt.

Politiker und Kinder, das ist manchmal ein heikles Thema, nämlich dann, wenn Politiker sich mit Kindern schmücken, weil sie glauben, damit Volksnähe auszudrücken.

Darum sorge ich mich nicht. Die Glauburger kennen mich und wissen, dass mir das Thema Kinder und Jugendliche wirklich am Herzen liegt.

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