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Kinderkrankenschwester: »Ich bin keine Corona-Leugnerin«

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Ihre Skepsis wuchs, deshalb verweigert die Kinderkrankenschwester Anette Mogk aus Glauberg bislang die Booster-Impfung - und fühlt sich als Impfgegnerin diffamiert. © Jürgen Backöfer

Mit Sorge blickt Anette Mogk auf den 16. März. Die 53 Jahre alte Glaubergerin ist seit über 30 Jahren Kinderkrankenschwester. Mit der Einführung der Impfpflicht für medizinisches Personal droht ihr ein Betretungsvorbot der Kinderarztpraxis, in der sie angestellt ist.

Bereits im April 2021 war Anette Mogk zweimal und damit zum damaligen Zeitpunkt vollständig gegen eine Infektion mit dem Coronavirus geimpft. Eine Gürtelrose, an der die Glaubergerin kurz danach erkrankte, machte sie stutzig: Könnte da ein Zusammenhang bestehen? Später habe ihre Mutter nach einer Corona-Impfung eine Beinvenenthrombose entwickelt. Eine Freundin liege mit einer halbseitigen Gesichtslähmung in der Klinik, aufgetreten nach der Impfung.

Einen Bezug zu den Injektionen freilich habe niemand bestätigt, sagt Anette Mogk. Aber ihre Zweifel sowohl an der Transparenz, mit der über mögliche Nebenwirkungen der Impfstoffe informiert werde, als auch am Nutzen der Impfung selbst wuchsen. Und sie entschied: »Für mich keine dritte Impfung.«

Impfungen und Nebenwirkungen

Mit der Folge, dass ihre berufliche Zukunft vier Wochen vor dem Stichtag für eine einrichtungsbezogene Impfpflicht, absolut offen ist. Ihr Arbeitgeber habe mir ihr darüber noch nicht gesprochen. »Ich gehe davon aus, dass ich meinen Beruf gezwungenermaßen aufgeben muss.«

Es sei verständlich, dass Anette Mogk sich sorge, wenn in ihrem Umfeld gleich drei Erkrankungen nach einer Impfung aufgetreten seien, sagt der Virologe Friedemann Weber von der Justus-Liebig-Universität Gießen, »Oft wird ein zeitlicher Zusammenhang von schweren Symptomen mit einer Impfung als ein ursächlicher Zusammenhang interpretiert«, so der Virologe. .Aber weder für eine Gesichtslähmung noch für eine Gürtelrose erhöhten die Impfungen statistisch das Risiko. »Das mit der Gesichtslähmung wurde im Internet verbreitet, nachdem in einer Studie mit Comirnaty (Biontech/Pfizer, Anm. d. Red.) vier Fälle auftraten. Diese Zahl entspricht genau der sogenannten Hintergrundinzidenz, das heißt, das ist die auch ohne Impfung zu erwartende Anzahl von Fällen. Da die Fälle aber in der Studie und in der Impfgruppe aufgetreten sind, wurde es dennoch als potenzielle Nebenwirkung in die Fach- und Gebrauchsinformation aufgenommen«, erklärt Weber auf Anfrage dieser Zeitung. Fälle von Gürtelrose seien berichtet worden, aber auch hier gebe es keine auffällige Häufung nach Impfung.

Thrombosen seien nach Impfungen mit Adenovirus-Vektoren berichtet worden, »die Häufigkeit liegt bei circa drei pro eine Million Impfungen. mRNA-Impfungen vergrößern hingegen das Thromboserisiko nicht«. Weil sie eine Booster-Impfung bislang verweigert, fühlt sich Anette Mogk unter Rechtfertigungszwang. »Wenn ich irgendwo hingehe, wo die 3G-Regel gilt, und ich meinen Testnachweis hervorhole, kommt mir das vor wie ein Stigma und ich warte nur darauf, dass jemand sagt: Aha, eine Impfgegnerin!«

Eine Impfgegnerin sei sie jedoch nicht, betont Anette Mogk. »Im Gegenteil, grundsätzlich befürworte ich das Impfen, dadurch konnten viele Krankheiten ausgerottet werden.« Bei Corona sehe sie allerdings keinen Effekt. »Trotz Impfung kann man sich infizieren und erkranken, man muss trotzdem Maske tragen und Abstand halten.«

Die Erwartungen vom Frühjahr 2021 hätten sich nicht erfüllt: Es gibt keine Herdenimmunität und man müsse sich ein drittes Mal und wohl auch ein viertes Mal impfen lassen - »mit einem Impfstoff, der vor der Variante des Wuhan-Virus schützt, das überhaupt nicht mehr existiert«.

Dass sie in der Kinderarztpraxis Eltern zum Thema Impfen beraten müsse, habe sie in den vergangenen Wochen »stark belastet«. Sie halte sich in diesen Gesprächen zwar an die Vorgaben der Ständigen Impfkommission (Stiko), könne das mit ihrer persönlichen Sicht aber nur schwer vereinbaren. »Die neue mRNA-Technik ist für die Krebsforschung ein Riesenfortschritt. Aber welchen Einfluss diese Impfstoffe auf das Erbgut von Kindern haben, wissen wir doch noch gar nicht.«

Der Ton in der Pandemie sei rauer geworden und die Menschen aggressiver. »Mich macht das wütend und hilflos«, so die Glaubergerin, weil ihr der Raum fehle, ihre Vorbehalte zu äußern, ohne dafür verurteilt zu werden. »Ich möchte weder mit Rechtsradikalen noch mit Corona-Leugnern in einen Topf geworfen werden. Ich vertrete voll und ganz die Meinung, dass die vulnerablen Menschen geschützt werden müssen, aber bitte überlasst jedem Einzelnen die Entscheidung über die Unversehrtheit seines Körpers selbst.«

Sie leide unter starker Migräne, die gut eingestellt sei. »Ich habe Angst, dass eine Impfung das negativ beeinflussen könnte.« Dass eine Migräne durch die Corona-Schutzimpfung dauerhaft verstärkt werde, sei ihm nicht bekannt, so der Virologe Friedemann Weber. »So sieht es auch die Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, die feststellt, dass Migräne kein Hindernis für eine Impfung darstellt.« Tatsächlich beobachtet worden seien Fälle von Herzmuskelentzündungen nach mRNA-Impfungen (grob geschätzt auf eine pro 100 000), diese seien vor allem bei jungen Männern aufgetreten und zu mehr als 90 Prozent folgenlos ausgeheilt.

Testen und Titer bestimmen

Um ihr eigenes Infektionsrisiko abwägen zu können, hat Anette Mogk ihr Blut untersuchen und ihren Antikörperstatus ermitteln lassen. »Mein Titer besagt, dass ich genügend neutralisierende Antikörper im meinem Blut besitze und einen milden Verlauf erwarten kann.« Nicht anders würde es sich nach einer Booster-Impfung verhalten. In der Praxis ihres Arbeitgebers teste sie sich zweimal wöchentlich und vor jedem Termin, jedem Treffen, gehe sie ins Testzentrum, Hygieneregeln seien ihr schon von Berufs wegen in Fleisch und Blut übergegangen.

Dass Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach gesagt habe, Pflegepersonal, das sich nicht boostern lasse, habe den Beruf verfehlt, habe sie gekränkt, so die 53-Jährige. »Ich kenne keine Kollegen, die Corona leugnen. Wer in der Pflege sein Geld verdient, weiß um die Krankheit, schließlich arbeiten alle deswegen schon seit zwei Jahren am Limit. Dabei war die Situation schon vor der Pandemie angespannt.« Wenn ungeimpftes Personal nach dem 15. März nicht mehr arbeiten dürfe, werde das den Notstand in der Pflege vergrößern.

Anette Mogk hofft auf das Abflachen der aktuellen Corona-Welle, auf den Sommer und eventuell auch auf den Totimpfstoff. Sie will sich die Entscheidung darüber, ob, wann und womit sie sich impfen lässt, nicht nehmen lassen. »Was im nächsten Herbst sein wird, da bin ich völlig offen.« VON JUDITH SEIPEL

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